Solartaxi bei Aborigines In der Mitte von Nirgendwo

Sie nehmen von der Natur nur so viel, wie sie wieder zurückgeben können und sind glücklich, wenn die Kinder glücklich sind: Der Besuch eines Ureinwohnerdorfs in Australien stimmt Solartaxifahrer Louis Palmer nachdenklich.


Das Schild mit der Aufschrift "Perth 2200" empfängt uns kurz nach der Abzweigung in Port Augusta. Die letzte Abzweigung für die nächsten fast 2000 Kilometer liegt somit hinter uns, ab hier geht’s immer nur geradeaus. Ein beklemmendes Gefühl.

Die Distanzen zwischen den Ortschaften werden immer größer, je weiter wir Richtung Western Australia vorwärts stoßen. Auch die Infrastruktur lässt langsam nach. Anfangs kann ich noch alle 70 Kilometer ein Sandwich zwischen ein paar Häusern kaufen, später ragt nur noch alle 200 Kilometer eine Tankstelle aus der flachen Ebene. Die Büsche, zunächst richtig üppig und fast dschungelhaft, werden kleiner und verschwinden fast ganz. Der Mensch verliert hier irgendwann seine Bedeutung. Die Natur und die Weiten überwältigen.

Ein großes Schild bei einer Seitenstraße kündigt "No Entry" an. Nein, kein Versuchsgelände für Atombomben, sondern Yallata, ein Dorf der australischen Ureinwohner, der Aborigines. Groß steht auch "No Cameras" und "No Alcohol" geschrieben. Weil England in Zentralaustralien Anfang 60er Jahre seine Atombomben zündete, wurden die dort lebenden etwa 300 Aborigines hierhin umgesiedelt.

Ende des Gleichgewichts

Der Dorflehrer Alistair, ein Engländer, lädt uns zum Tee ein. Eigentlich hätte uns die lokale Behörde empfangen sollen, doch von ihr fehlt jede Spur. Dafür strömen die Kinder herbei, und als ob es auf der Welt keinen Besitz gäbe, stürzen sie sich auf mich. Alle wollen sie ins Solartaxi, um alle Knöpfe auszuprobieren.

Zu uns gesellt sich Richard, mit einer Wasserflasche in der Hand und einem breiten Grinsen. Er schwingt die Flasche und es sabbert aus seinem Mund. "Richard - das ist eine traurige Geschichte", meint Alistar. "Früher war er ein starker Mann, ein fleißiger Arbeiter. Dann reiste er mal nach Adelaide und wurde brutal zusammengeschlagen, völlig grundlos. Seither kann er nicht mehr sprechen und nichts mehr tun, er hat die Sinne verloren."

Man merkt hier schnell, dass die Menschen, die hier leben, aus ihrem Gleichgewicht geworfen wurden. Der Versuch, die Ureinwohner in ein System zu setzen, das aus unserer Sicht gut funktionieren müsste, ist zum Scheitern verurteilt. Die kulturellen Unterschiede sind komplex: Man kann nicht einfach einen Blick in ein Dorf werfen und denken, diese Welt und das Wesen der Ureinwohner in wenigen Stunden zu verstehen. Für mich bleibt dieses Dorf und das Wesen der Menschen ein Geheimnis.

Was ist wirklich sinnlos?

Die Ureinwohner nehmen aus der Natur nur das, was sie brauchen, und so viel, wie sie wieder zurückgeben können. Und wir? Sind wir nicht auch irgendwie unverständlich? Wir arbeiten hart, auch wenn die Arbeit keinen Sinn macht, und aus der Natur nehmen wir, so viel wir nur kriegen können. "Wenn die Eltern in die Schule kommen, wollen sie nicht wissen, welche Noten ihre Kinder haben. Sie wollen nur wissen, ob ihr Kind glücklich ist", meint Alistar. Hier wird mir nur eines klar: Nichts tun oder den Tag verschlafen nennen wir sinnlos. Die Ureinwohner sehen in unserer Hektik und unserem Tun dafür ebenso keinen Sinn.

Weiter geht’s über die hügelige Landschaft durch den Wald. Wir hetzen durch die Gegend, so wie die Besucher aus fernen Ländern in ihren Wohnmobilen und Mietwagen. Niemand scheint einen Blick in die Geheimnisse zu werfen, die diese Wälder und ihre Bewohner zu bieten haben. Dafür halten alle auf einem Zeltplatz, zwischen Road Trains und Touristen, in der Mitte von Nirgendwo. In einer Einöde, die absolut nichts zu bieten hat.

Thomas prüft nochmals die Handbremse. Laura und Erik schneiden bis tief in die Nacht hinein ihren Film. Dann werfen wir in einen Laptop eine DVD, die uns Chris Selwood, der Direktor des weltberühmten Solarmobilrennens, in Adelaide geschenkt hatte. Mehr gibt’s hier nicht zu tun. Heute sind wir das Team der Sinnlosen. Ich möchte wieder zurück zu den Aborigines, um zu lernen. Ein außergewöhnlicher Tag geht ganz normal zu Ende. Und ich frage mich: Was machen wir hier eigentlich?



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