Solartaxi Crash hinter der syrischen Grenze

Für Solartaxi-Fahrer Louis Palmer wurde die Überfahrt nach Syrien zur Tortur. Erst wollte ihn der Zöllner nicht durchlassen, dann gab es zur Begrüßung erst einmal einen Auffahrunfall – und damit die volle Aufmerksamkeit der Einheimischen.


Erst lief alles ganz reibungslos am Grenzübergang aus der Türkei nach Syrien. Bis der Zöllner in seinem Computersystem feststellte, dass ich nicht mit einem Solartaxi, sondern mit einem bulgarischen Auto in die Türkei eingereist sei. Da wurde es brenzlig, und ich war sprachlos. Wie konnte so ein Blödsinn in den Computer gelangen? Erst die telefonische Intervention des Schweizer Honorarkonsuls brachte Bewegung in die Sache und uns - durch ein scharfes und unheimliches Minenfeld - doch noch nach Syrien. Insgesamt hatten wir fünf Stunden gewartet.

Ich genoss gerade mit Kamerafrau Katja die ersten Meter auf syrischem Asphalt. Dann gab es ein ohrenbetäubendes Quietschen der Reifen, gefolgt von einem Riesenknall! Und schon landeten wir mitsamt Solartaxi neben der Straße. Hinter uns qualmten die Reifen eines Taxis, und das absolute Chaos ging los - welcome to the Middle East!

Kollision zweier Taxis

Dass in Syrien der Verkehr gewöhnungsbedürftig ist, wusste ich, doch dass er schon auf den ersten drei Kilometern so gefährlich sein kann, daran hatte ich nicht gedacht. Ich hatte vor dem Abbiegen links geblinkt und in den Rückspiegel geschaut. Und trotzdem: Das Taxi, das mit über 120 km/h zum Überholen herangeschossen kam, rammte den Anhänger. Unser Fahrzeug wurde nach vorne und runter von der Straße geschubst. Erst als wir ausstiegen, sahen wir eine Rauchwolke, die von den Reifen eines Taxis aufstieg, und die Bremsspur von bestimmt 30 Metern Länge.

Wir waren alle starr vor Schreck, es bildete sich ein Menschenauflauf, der Taxifahrer schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ein Polizist, der kurz vorher im Begleitbus bei Thomas und Heinz eingestiegen war, winkte uns zur sofortigen Weiterfahrt. Es sei ja nicht unser Fehler gewesen. Kurz inspizierten wir den Schaden: Unser Anhänger hatte zwar eine verbeulte Batterieabdeckung, die Batterie war aber Gott sei Dank heil geblieben. Das syrische Benzintaxi hingegen hatte eine verbeulte Motorhaube, und Teile der Stoßstange lagen am Boden. Da haben wir noch Glück gehabt!

Immer mehr Menschen strömten zusammen, und eine wilde Diskussion setzte ein, es war geradezu unheimlich. Unter den Augen des Polizisten stiegen wir ein und fuhren mit Vollgas weiter. Keine fünf Minuten später war ein Polizeimotorrad hinter uns. Zwei Polizisten hielten unsere zwei Fahrzeuge an, und ich dachte: Bei einem Unfall im Mittleren Osten kommst du gleich in die Kiste.

"You okay?", wollte einer wissen, und ich nickte.

"Car okay?", schrie der andere, und ich nickte abermals.

Die zwei schauten sich an und schrien ein schnelles "Okay!" und winkten, ich solle mal schnell weiterfahren. Okay! Okay!

So schnell wir konnten, fuhren wir die letzten 40 Kilometer nach Aleppo, um im totalen Verkehrschaos gleich in die Arme des nächsten grimmigen Polizisten zu fahren. "Passport, Document", schrie dieser schon, als gleichzeitig auch ein Opel Senator anhielt. Ein Mann mit weißem Hemd ging direkt auf den Polizisten los, riss ihm meine Dokumente aus der Hand, schaute sie an. Eine kurze Diskussion zwischen dem Herrn und dem Polizisten setzte ein. Keine Ahnung, wer dieser Mann im weißen Hemd war, aber er gab mir die Dokumente zurück und winkte mich weiter. War das der syrische Geheimdienst?

Schließlich kamen wir in Ahmeds Hotel an. Unsere Übernachtung, zur Krönung des Tages, war im Millionen-Sterne-Hotel – unter freiem Himmel! Wir schliefen wie die Murmeltiere auf dem Dach des Gebäudes, im Herzen der Altstadt von Aleppo.

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