Solartaxi in Peking Auf der Lauer, auf die Mauer

Das Solartaxi cruist durch Peking - Anhalten und Verweilen ist nicht möglich. Entweder stoppt die Polizei das Mobil oder der Verkehr drängt es weiter. Louis Palmer besucht dafür die Chinesische Mauer - und bekommt schlechte Nachrichten.


Yeahh! China haben wir fast hinter uns, und wir fahren in Peking ein! Das Land haben wir sehr zu schätzen gelernt, doch unsere Freude dauert nicht lange. Nach monatelangen Verhandlungen erhalten wir aus Japan die Nachricht, dass das Solartaxi nicht legal durch unser übernächstes Reiseland reisen darf.

Erstmals nach 31.000 Kilometern und 25 Ländern verweigert ein Land dem Solartaxi die Durchfahrt, und ausgerechnet das Automobilproduktionsland Nummer eins. Die Begründung: Die Schweiz und Japan hätten im Jahr 1946 einen Staatsvertrag zur gegenseitigen Anerkennung von Fahrzeugen nicht unterzeichnet, und die Bremsen des Solartaxi entsprächen nicht der ECE.178-Norm.

Am Abend sitzen wir ratlos vor dem Fernseher. Der Benzinpreis hat erstmals die Marke von 130 Dollar pro Barrel überschritten. Kommentatoren reden davon, dass wegen des Benzinpreises nicht nur die Umwelt draufgeht, sondern auch die Wirtschaft. Und ausgerechnet heute erfahren wir, dass unsere PR-Aktion für Sonnenenergie und gegen den Klimawandel nicht überall willkommen ist.

Dass wir nach Südkorea rein dürfen, ist ja schon fast ein Glück. Dutzende Versicherungsgesellschaften hatten sich bisher geweigert, unseren Fahrzeugen eine Versicherung auszustellen. Erst in letzter Minute erhalten wir doch noch eine Offerte, und so buche ich die Überfahrt der Fahrzeuge für nächsten Montag. In Südkorea werden wir eine Woche bleiben. Gedanklich sind wir aber schon in Kanada. Schon Ende Juni beginnt dort die lange Sommeretappe durch Nordamerika.

Solartaxi an der Chinesischen Mauer

Nach zwei Monaten praktisch ununterbrochener Fahrt seit Singapur sind wir hundemüde, wir sehnen uns nach Pause, trotzdem rappeln wir uns nochmals auf für einen Besuch bei der Chinesischen Mauer. Die Mauer, ab dem 5. Jahrhundert vor Christi erbaut, erstreckt sich über mehr als 6400 Kilometer und steht 65 Kilometer außerhalb der Innenstadt Pekings. Über Bergkämme windet sich das Bauwerk vom Tal unten bis hoch hinauf in die Berge. Wir haben unsere Beziehungen spielen gelassen und sind glücklich, das Solartaxi auf dieses Weltwunder stellen zu dürfen. Ein Highlight unserer Reise!

Kaum angekommen, schütteln wir mit dem "Mauerverantwortlichen" die Hände: "Klar dürft ihr das Solartaxi neben die Mauer stellen – für 1000 Euro!" Als wir ihm sagen, dass wir es AUF die Mauer stellen wollen, strahlen seine Augen noch mehr. "Natürlich könnt ihr das Auto auch AUF die Mauer stellen – für einiges mehr Geld!" Etwas geknickt fahren wir wieder zurück nach Peking.

Ohne Sightseeing-Stopp durch Peking

Peking ist im Ausnahmezustand. Die Sicherheitskräfte sind vor den Olympischen Spielen sehr nervös. Mehrmals drehen wir eine Runde um den Platz des Himmlischen Friedens, aber Anhalten ist nicht erlaubt. Und auf den Platz fahren schon gar nicht. Dutzende Polizeiautos und Heere von Polizisten kümmern sich um die Sicherheit der Besucher. Dagegen dürfen wir vor das "Vogelnest" fahren, das neue olympische Stadion und Wahrzeichen der olympischen Spiele.

An der Architektur im Olympischen Dorf merken wir, dass den Bemühungen und der Phantasie keine Grenzen gesetzt wurden. Anhalten und uns umschauen können wir auch sonst in Peking nirgends – das liegt aber auch am Verkehr. Dieser ist in den letzten drei Jahren richtig explodiert. Endlose Staus und Wartezeiten sind die Regel, viel Geduld ist nötig. Die Pekinger Bevölkerung kann die Spiele kaum mehr erwarten, weil dann der Verkehr radikal eingeschränkt wird.

Doch vielleicht wird der Verkehr nach den Spielen auch nicht mehr zunehmen. Wir sitzen heute erneut vor dem Fernseher und staunen – der Erdölpreis hat 136 Dollar erreicht.

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