Bücher über das Alleinreisen Das ganz große Freiheitsgefühl

Alleinreisende Männer sind Abenteurer, alleinreisende Frauen sollten sich besser in Acht nehmen. Was für ein Unsinn! In zwei lässigen Büchern erzählen eine Deutsche und eine Schweizerin von ihren besten Reisen - solo.

Annika Ziehen

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Gehen Sie abends an die Hotelbar, wenn Sie einsam sind. Buchen Sie eine Studiosusreise. Oder einen Trip auf einem Kreuzfahrtschiff. Vor allem: Haben Sie keine Angst! Das ist der gängige Tonfall, mit dem darüber geschrieben wird, wenn Frauen allein verreisen. Alleinstehende eben, die sich fürchten müssen draußen in der weiten Welt.

Dass nun gleich zwei Autorinnen gegen diese Haltung anschreiben, wirkt überfällig: Annika Ziehen, die seit Jahren als Reisebloggerin unterwegs ist und mit "Solotrip" nun ihr erstes Buch veröffentlicht hat, und die Schweizerin Sarah Marquis, die sich, seit sie 17 ist, als Abenteurerin verdingt und in "Instinkt" über ihren letzten Drei-Monats-Trip durch den australischen Busch berichtet.

Zwar ist das Alleinreisen ein altbekanntes Genre in der Reiseliteratur: von Jack London über Goethe, Tim, Werner Herzog, Reinhold Messner und Robert Macfarlane bis zu Wolfgang Büscher oder Hape Kerkeling. Allein diese Klassikerliste zeigt schon: Diese Form des Reisens ist traditionell fest in Männerhand. Sie schnüren ihren Beutel und ziehen los. Sie tun es, weil sie es können, fertig.

Und nun sind da mit Ziehen und Marquis zwei Frauen - auch nicht die ersten, aber man muss sie suchen - die diese Art des Unterwegsseins pflegen und darüber schreiben. Den Auftakt zu einer neuen Welle machte Elizabeth Gilbert 2006 mit "Eat, Pray, Love", auch Cheryl Strayeds "Wild" drehte am Stereotyp. Dennoch scheint die Reaktion "Frau, allein, reist: Was ist ihr bloß widerfahren, dass sie das macht?" so zementiert, dass es sogar Seminare für alleinreisende Frauen gibt.

Reisen bildet nicht nur, es verändert

Dass die Bücher von Ziehen und Marquis so lässig wirken, liegt vor allem daran, dass es in erster Linie Reiseliteratur ist - und das Geschlecht der Autorinnen genauso irrelevant ist wie der Gedanke, dass allein durch die Lande zu ziehen problematisch sein könnte.

Auch deswegen ist es nur konsequent, dass Annika Ziehen statt des erbarmungswürdig klingenden "allein" das viel treffendere "solo" für ihren Titel gewählt hat. "Die Schublade, in die man gerade als Frau in einem bestimmten Alter gesteckt wird", so die Enddreißigerin: "Sie ist Single, hat wohl keine Familie, das Reisen ist für sie eine Notlösung, zum Übergang, bis sie einen Mann gefunden hat."

In "Solotrip" liefert sie daher auch keine Reiseberichte ab - kleine Einheiten am Schluss mit handfesten Tipps und Reiserouten durch New York, Thailand und Marrakesch ausgenommen - sondern reflektiert sehr präzise und selbstkritisch darüber, was gutes Reisen bedeutet und was speziell das Soloreisen so wertvoll macht.

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Annika Ziehen:
Solotrip

Vom Glück des Alleinreisens

Rowohlt Taschenbuch Verlag; 288 Seiten; 9,99 Euro

"Viele sagen, sie wollen das Urlaubsgefühl mit nach Hause nehmen und stellen sich eine Flasche Sand auf die Fensterbank", sagt Ziehen. "Ich nehme die Frage mit: Was will ich eigentlich vom Leben?" Ohne Begleitung loszuziehen erlaube es, sich neu zu entwerfen: "Keiner fragt, keiner urteilt, keiner kennt mich." Das Korsett aus Erwartungen, in dem man im Alltag festhängt, fällt ab, auf einmal liegt der freie Wille wieder: frei.

Gerade vor diesem Hintergrund wirkt es eben nicht wie Binsenweisheitenblabla, wenn sie dafür plädiert, das Unterwegssein als Privileg wahrzunehmen - und als Verpflichtung. Ihr sei bewusst, "dass jede Reise meine Empathie nur noch stärkt. Reisen bildet nicht nur, es verändert", schreibt sie. "Jeder Fremde, mit dem ich rede, wird mir ein bisschen weniger fremd; und ich denke, dass dieser Prozess nicht einseitig ist."

Raus aus der Komfortzone

Im Gegensatz zu diesem Nachsinnen übers Alleinreisen ist Sarah Marquis' "Instinkt" eine Dokumentation über das Extrem des Alleinseins. Wenn allein wirklich allein heißt. Wenn im australischen Busch, jottwede (Berlinerisch: "janz weet draußen") von jeder Komfortzone, im Umkreis von Hunderten von Kilometern "nichts und niemand ist". Außer dem 32 Kilogramm schweren Wanderrucksack.

Drei Monate lang kämpfte Marquis sich so durch die Region Kimberley in der Nordwestecke Australiens, wo auf 42.000 Quadratkilometer 40.000 Einwohner kommen, wo es von Steppe bis Regenwald alles gibt. Eine Expedition, die darauf ausgerichtet war, sich von dem zu ernähren, was sie unterwegs fand: Sie angelte, stopfte sich mit Pandanusblättern den Magen, aß geröstete Baobabsamen, wilde Pfirsiche und zum Frühstück Kapokblüten.

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Sarah Marquis:
Instinkt

800 Kilometer zu Fuß durch die Wildnis Australiens

Piper; 240 Seiten; 15 Euro

Marquis, heute Mitte 40, ist ein alter Hase im Abenteurertum. Sie marschierte Anfang der Nullerjahre 17 Monate lang 14.000 Kilometer durchs australische Outback, durchquerte die USA und Patagonien. Wandern ist ihr Daseinszustand. Auch wenn ihr immer mal Eso-Phrasen wie "Folgen Sie einfach der Melodie Ihres Herzens" dazwischenrutschen, liest man leicht darüber hinweg: Ihr aufs Überleben getrimmter Expeditionsbericht packt einen, als kniete man neben ihr am Fluss, die Angel in der Hand.

"Ich habe vor mehr als 23 Jahren angefangen, allein zu reisen, weil ich wissen wollte, aus welchem Holz ich geschnitzt bin", schreibt Marquis. "Man hat mir oft vorgeworfen, meine Expeditionen seien nichts weiter als eine Flucht", doch die unterwegs erlernte Demut, mit der sie auf unser Konsumverhalten, auf Ernährung, das In-der-Welt-Sein schreibt, ist ansteckend.

"Ich bin Teil der Natur, wir alle sind es", schreibt sie. "Ich habe mir nur die Zeit genommen, sie mit meinen Füßen zu erwandern, das ist alles." Mehr als ein Paar Wanderschuhe und einen Rucksack brauchen wir erst mal nicht, um mit uns allein zu sein. Und wenn es in Mecklenburg ist.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
cor 20.07.2017
1.
"Diese Form des Reisens ist traditionell fest in Männerhand." Ganz ehrlich. Ist mir komplett neu, dass nur Männer solo reisen. Ich hab jedenfalls schon einige Frauen auf diversen Reisen getroffen, die alleine unterwegs waren.
hansvonderwelt 20.07.2017
2. Gute und spannden Reiseberichte von Frauen ?
Ich hör es wohl,doch fehlt mir der Glaube.Bin selbst durch die Welt getrampt.Souveräne,alleinreisende Frauen die nicht über Dreck oder andere Misshelligkeiten jammern,oder das pure Gegenteil die Realitäten undifferenziert glorifizieren,habe ich keine erlebt.Ob die Damen die Qualitäten als Autor eines Helge Timmerberg,Andreas Altmann,Jack London,J.Keruac erreichen.....!? Mit Humor,Ironie und guter Beobachtungsgabe die Welt beschreiben ? Es überfordert meine Vorstellungskraft !
lachina 20.07.2017
3.
" Dennoch scheint die Reaktion "Frau, allein, reist: Was ist ihr bloß widerfahren, dass sie das macht?" so zementiert, dass es sogar Seminare für alleinreisende Frauen gibt." Nicht: Was ist ihr widerfahren, sondern was wird ihr widerfahren, ist meine Frage. Frauen per se als Verbrechensopfer, weil sie Frauen sind, leider überall auf der Welt. Als wirklich sicher für eine alleinreisende junge Frau empfand ich eigentlich nur Japan.
Celegorm 20.07.2017
4.
Zitat von lachina" Dennoch scheint die Reaktion "Frau, allein, reist: Was ist ihr bloß widerfahren, dass sie das macht?" so zementiert, dass es sogar Seminare für alleinreisende Frauen gibt." Nicht: Was ist ihr widerfahren, sondern was wird ihr widerfahren, ist meine Frage. Frauen per se als Verbrechensopfer, weil sie Frauen sind, leider überall auf der Welt. Als wirklich sicher für eine alleinreisende junge Frau empfand ich eigentlich nur Japan.
1. Männer sind wohl oder übel auch überall auf der Welt Verbrechensopfer, statistisch gesehen sogar wesentlich häufiger, gerade was Gewaltdelikte angeht. Insofern ist nicht ganz klar, worauf Sie hinaus wollen. Ein frauenspezifisches Problem sind solche Risiken jedenfalls nicht. Und genau so wenig bietet das gemeinsame Reisen einen relevanten Schutz vor Kriminalität oder Gewalt. 2. Allein zu reisen kann offensichtlich viele Formen annehmen und muss keineswegs bedeuten, dass man vor Ort alleine ist. Die meisten Alleinreisenden suchen sich schliesslich lokal Reisegefährten oder -gruppen, denen sie sich temporär anschliessen. 3. Bevor jetzt kommt, solche Bekanntschaften wären ja Fremde und darum per se gefährlicher: Statistisch gesehen geschehen die schweren Gewaltdelikte im Kontext von Reisen/Urlaub eher zwischen sich bekannten Personen, die gemeinsam unterwegs sind. Klassiker halt wie die unausgesprochenen Beziehungsprobleme, die im Urlaub eskalieren. Zu meinen, dass man vor physischer oder sexueller Gewalt sicher ist, nur weil man mit jemandem reist, den man vermeintlich kennt, ist ein grosser Irrglaube. Insofern dürfte kaum jemand so sicher sein wie die beschriebene Autorin ganz allein irgendwo im Outback, zumindest was Risiken durch andere Menschen angeht..
Sibylle1969 20.07.2017
5. @1 cor
Natürlich gibt es alleinreisende Frauen, aber die große Masse der Solo-Reisenden sind Männer. Das liegt daran, dass Alleinreisen für Frauen tatsächlich oder gefühlt gefährlicher sind als für Männer. Während ich zum Beispiel nicht den Hauch von Bedenken hätte, alleine durch die meisten europäischen Länder zu reisen (habe ich schon öfters gemacht), würde ich ganz sicher nicht alleine nach Indien oder Südamerika alleine reisen.
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