Kreuzfahrt in Sambia: Südstaaten-Traum auf dem Stausee

Von Andreas Spaeth

Simbabwes politische Krise verbannte die "Southern Belle" aufs Trockene, doch dank eines sambischen Touristikunternehmers fährt das Hotelschiff wieder über den Lake Kariba. Dort treffen die Passagiere Nilpferde - und hören eine sehr afrikanische Geschichte.

"Southern Belle": Mississippi-Kreuzfahrt in Sambia Fotos
Andreas Spaeht

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Drei Stunden Autofahrt von der sambischen Hauptstadt Lusaka reichen aus, um den Reisenden zu verwirren. Wieso sieht es hier, am Lake Kariba, plötzlich nach den Südstaaten der USA aus? Sambia, im Herzen des südlichen Afrikas gelegen, ist vor allem bekannt für die Victoria-Wasserfälle und die Stadt Livingstone in ihrer Nähe. Aber nun ist da ein Mississippi-Dampfer, wie man ihn eher in New Orleans erwarten würde.

Schneeweiß ragt die "Southern Belle" hinter den dichten Bäumen am Anleger des kleinen Orts Siavonga auf. Drei großzügige Decks, vorne ein kleiner Swimmingpool mit Liegestühlen und oben drauf zwei schmale lange Schornsteine.

"Dies ist das einzige Hotelschiff mit gehobenem Niveau in Afrika südlich der Sahara", sagt Michael Mupatutsa. Der 46-jährige Simbabwer ist der stolze Kapitän des weißen Schmuckstücks. Um ihn auf der Brücke zu besuchen, müssen Neugierige erst einmal eine große Freitreppe in der Lounge auf dem Hauptdeck hinauf, dann immer steilere Stiegen und Leitern empor, schließlich an Sonnenkollektoren und Einlässen der Klimaanlage vorbei.

Eine Reling gibt es hier nicht. Aber wer es mit bedachten Schritten bis ins Brückenhaus schafft, wird mit einem strahlenden Lächeln begrüßt. "Nenn' mich einfach Captain Mike", sagt der Kommandant. Er dreht nach dem Ablegen in der Abendsonne kräftig an seinem mächtigen Holzsteuerrad; eifrige Bewegungen, die in starkem Kontrast stehen zur extrem gemächlichen Fortbewegung des 55 Meter langen Seekreuzers. "Wir schaffen maximal 5 bis 7 Knoten", sagt Captain Mike - das entspricht etwas mehr als 10 km/h. Gefahren wird nur bei Tageslicht, und das gibt es so nahe am Äquator schon um 6 Uhr abends nicht mehr. Entsprechend kurz sind die zurückgelegten Distanzen: An einem Wochenende schafft man gerade einmal 36 Kilometer.

Eine typisch afrikanische Geschichte

Während er sein Schiff auf den offenen See steuert, erzählt Captain Mike. Schnell wird klar, dass die Geschichte der "Southern Belle" eine typisch afrikanische Geschichte ist, voller Chancen, Schicksale, Risiken, Höhenflüge und Tiefschläge. "Sie wurde 1995 in Kariba auf der simbabwischen Seite des Stausees fertiggestellt - ich habe selbst als Schweißer daran mitgebaut", sagt Mike mit einem Grinsen. Bis 2002 beförderte sie überwiegend südafrikanische Touristen am simbabwischen Ufer des 220 Kilometer langen Sees, dort, wo sich die Reise auf dem Wasser mit Safaris in nahegelegenen Wildparks verbinden lässt, während auf der Seite Sambias nahezu kein Wild lebt.

Doch dann brach durch die politische Krise in Simbabwe der Fremdenverkehr zusammen, die "Southern Belle" wurde aufs Trockene verbannt. "Die Frau des heutigen Besitzers hat damals ihren 40. Geburtstag auf der 'Southern Belle' gefeiert und sich in das Schiff verliebt", erzählt Mike.

Das war ein Glück, denn so erbarmte sich ihr Ehemann, Unternehmer und Besitzer der sambischen Protea-Hotels, das inzwischen heruntergekommene Schiff 2010 für nur 700.000 US-Dollar in einer Zwangsversteigerung zu erwerben. Er investierte noch mal zwei Millionen Dollar in die dreimonatige Renovierung auf höchste Standards - und fertig war der Südstaaten-Traum für den afrikanischen Stausee. "Seit Oktober 2010 sind wir wieder unterwegs, bisher waren etwa 1700 Passagiere an Bord", sagt Mike.

Bis zu 44 Gäste kommen in den 22 Kabinen unter. Am schönsten ist die Panoramafahrt am Abend, wenn sich gleißendes Sonnenlicht über den größten menschengemachten Stausee der Welt legt. Dann schlürfen die Passagiere kaltes Bier auf den Decks, und Captain Mike weiß, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. "Ich habe vier Jahre lang beim Bau des Schiffs mitgemacht, danach wollte ich nirgends sonst arbeiten," sagt der Mann im blütenweißen Hemd. "Es war mein Traum, Kapitän zu werden." Drei lange Jahre dauerte die Ausbildung, erst war Mike Assistent, schließlich selbst Kommandant.

Bald steuert Captain Mike behutsam das Nachtquartier für sein Schiff an, einen Schilfstreifen in Ufernähe an einer der zahlreichen Inseln im Karibasee. Sorgfältig wird die "Southern Belle" mit Schlauchboot-Hilfe vertäut. Ganz in der Nähe prustet ein Nilpferd, an Deck klimpern die Eiswürfel der Sundowner in den Gläsern. Schnell ist es schwarz-dunkle Nacht, am frühen Abend.

Sternegucken auf dem Oberdeck

In der Hauptlounge, großzügig wie der Ballsaal einer Südstaaten-Villa, ist festlich zum Dinner eingedeckt. Die Qualität des Buffets ist ordentlich, kann allerdings noch nicht ganz mit dem Anspruch des luxuriösen Ambientes mithalten. Nach dem Essen legen die Gäste ein Tänzchen hin oder bestaunen auf dem Oberdeck den funkelnden Sternenhimmel, bevor sie in ihren Kabinen ins Bett sinken.

Am nächsten Morgen geht es früh los - per Motorboot an die Küste. Vanessa Hope-Lewis, die hier eine abgelegene Lodge betreibt, empfängt die Gäste. Zu Fuß führt sie die Gruppe an großen Baobab-Bäumen vorbei in das Dorf Chilongo in der Nähe. Vanessa sorgt dafür, dass die zwei Dutzend Bewohner von Spenden der Bootsbetreiber profitieren und lässt für sie feste Häuser bauen.

Der Besuch hat etwas charmant Improvisiertes, die Bewohner freuen sich und geben einen Einblick in die Arbeit, die ihren Alltag ausmacht: Hirse stampfen. Die Gäste dürfen selbst Hand anlegen, alle lachen. So unverkrampft und ohne peinlichen Vorführeffekt als Tourist ein afrikanisches Dorf zu besuchen ist ein weiterer Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Reise. Zum Abschied spielen die Kinder und Jugendlichen auf selbst gebauten Instrumenten ein paar Lieder, hinter ihnen leuchtet tiefblau der Karibasee, aus dem immer noch ein paar Baumstämme von der Zeit vor der Flutung im Jahr 1963 ragen.

Nach dem Brunch auf der "Southern Belle" wirft Captain Mike seine Motoren für die Heimfahrt nach Siavonga an. "Zwei Cummings-Diesel der neuesten Generation mit sechs Zylindern und jeweils 395 PS", erklärt er stolz. Er würde am liebsten noch viel weiter auf den See hinausfahren und auch in seiner Heimat Simbabwe anlegen. Aber dafür fehlen derzeit die politischen Voraussetzungen - und auch die Kundschaft. "Aber das hier ist doch schon mal nicht schlecht für den Anfang, oder?", sagt er grinsend und dreht wieder eifrig am Steuerrad.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Danke für den großartigen Tipp!!!
kokoschinsky 23.08.2012
Das ist bestimmt genau das Richtige für meine "Regierung". :-)
2.
Oskar ist der Beste 23.08.2012
Zitat von kokoschinskyDas ist bestimmt genau das Richtige für meine "Regierung". :-)
im Oktober geht es dorthin, allerdings nach Zimbabwe...kann es kaum noch abwarten.
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Reise auf der "Southern Belle"
Anreise
Siavonga, der Liegeplatz der "Southern Belle", liegt drei Autostunden von Sambias Hauptstadt Lusaka entfernt und fünf Stunden von Livingstone an den Viktoriafällen. Ein Transfer ist zusammen mit der Schiffsfahrt buchbar.
Abfahrten
Viermal pro Monat hat die "Southern Belle feste Abfahrtszeiten: Anreise freitags, Rückkehr sonntags. Zwei Nächte mit Vollpension (ohne Getränke) für zwei Personen kosten 350 US-Dollar. Für 7500 US-Dollar pro Nacht kann man das ganze Schiff chartern.
Buchung
Weitere Informationen sind zu findne unter www.proteahotels.com/protea-hotel-southern-belle.html
Flugverbindung
Lusaka wird dreimal wöchentlich von KLM ab Amsterdam angeflogen, mit guten Anschlüssen von Deutschland. Hin- und Rückflug kosten ab circa 820 Euro.
Visum
Das Touristenvisum kostet bei der Einreise 50 US-Dollar.
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