Spiti im Himalaja: Beten mit Bergblick

Spektakulär schmiegen sich buddhistische Klöster an den Fels, Schneegipfel thronen über dem Tal: Seit Touristen die Spiti-Region im Himalaja besuchen dürfen, ist sie ein Sehnsuchtsziel vieler Individualreisender. Die Bilder von Fotograf Michael Martin zeigen, warum.

Spiti-Tal im Himalaja: Höhenluft und Einsamkeit Fotos
Michael Martin

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Die Piste ist rau, grobe Steine, morsche Brücken und enge Kurven lassen unseren Geländewagen nur langsam vorankommen. Links und rechts ragen Sechstausender in den Himmel, die Farbe Grün scheint hier nicht zu existieren - ganz anders als im vegetationsreichen Bhaga-Tal, wo wir frühmorgens aufgebrochen sind. Dafür sorgen vergletscherte Gipfel für einen starken Kontrast zum Grau der Wände und dem Tiefblau des wolkenlosen Himmels. Rechter Hand taucht der Bara Shigri auf, mit einer Länge von zehn Kilometern einer der größten Gletscher des Himalaja.

Jeder Reisende hat Ziele, von denen er jahrzehntelang träumt und die trotzdem unerreichbar scheinen. Im Fall von Spiti lag das für mich bis zum Jahr 1992 an der Sperrung durch indische Behörden und in den Jahren danach an seiner abgeschiedenen, oft unzugänglichen Lage: Acht Monate im Jahr sind die Pässe nach Spiti unter Schneemassen versunken. Nun ist es endlich soweit, zusammen mit meiner Freundin Corinna bin ich auf dem Weg in das legendäre Tal.

In der aus zwei Restaurants bestehenden Siedlung Batal legen wir einen Zwischenstopp ein, hier werden Omelettes und Chai-Tee serviert. Wir sitzen in der Sonne, die im September noch genug Kraft hat, um uns nicht frieren zu lassen. Ab und zu halten LKW, die den südlich gelegenen Pass Kunzum La überwunden haben. Dazwischen mischen sich europäische Motorradfahrer, die mit indischen Royal Enfield-Motorrädern unterwegs sind. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise bereue ich es, dass mein Motorrad derzeit in Australien steht und ich es auf diesen Traumstrecken nicht nutzen kann.

Zeltplatz am Mondsee

Bevor wir selbst den Kunzum La, der uns noch von Spiti trennt, in Angriff nehmen, machen wir einen elf Kilometer langen Abstecher zum Chandra Tal, einem Bergsee in 4250 Meter Höhe. Die Piste hinauf ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven, die letzten vier Kilometer müssen wir zu Fuß zurücklegen.

Aber die Schinderei in dünner Luft lohnt sich. Der halbmondförmige Chandra Tal, sein Name bedeutet "See des Mondes", liegt wie ein Smaragd in der wüstenhaften Berglandschaft. Corinna und ich schleppen Stative und Kameras auf umliegende Hügel, um die beste Perspektive zu finden. Bald ist die Sonne hinter den Sechstausendern verschwunden, schlagartig wird es kalt, es ist höchste Zeit, das Zelt aufzubauen.

Am nächsten Tag klettert unser Mahindra-Geländewagen die engen Kurven zum knapp 4500 Meter hohen Kunzum La hinauf. Von der Passhöhe blicken wir hinein in ein völlig vegetationsloses Tal, auf dessen Grund der Spiti-Fluss die einzige Lebensader darstellt.

Steil windet sich die schmale, ungeteerte Passstraße in das Tal hinunter, das wir mit dem Ort Losar in 4100 Meter Höhe erreichen. Das Spiti-Tal verläuft von der Zanskar-Bergkette bis an die tibetische Grenze im Osten und wird im Norden durch Ladakh und im Südosten durch Kinnaur begrenzt. Die umliegenden Sechs- und Siebentausender schirmen es praktisch komplett vom Monsun ab, so dass die Niederschlagswerte hier sogar noch niedriger als in Ladakh sind.

Die gut 30.000 Einwohner von Spiti bekennen sich fast ausschließlich zum tibetischen Buddhismus und sprechen Bothi, eine dem Tibetischen ähnliche Sprache. Weil die indischen Behörden Spiti erst 1992 zugänglich gemacht haben, ist viel vom traditionellen Leben erhalten geblieben. Anders als in Ladakh zeigt die indische Armee kaum Präsenz. Das Leben in den Dörfern wird bis heute von den Lamas der jeweiligen Klöster dominiert.

Das Murmeln der Mönche

Noch bevor wir Kaza erreichen, den größten Ort der Region, sehen wir auf der anderen Seite des Spiti-Flusses hoch oben im Fels die Ki Gompa, das größte Kloster Spitis. Es dauert, bis wir den Fluss an einer Brücke überqueren können und die steile Piste zum Kloster hochgeklettert sind. Wir betreten den Klosterhof und hören aus dem Gebetsraum das Murmeln der Mönche.

Wir setzen uns an den Rand des mit Kerzen erleuchteten Gebetsraums und sind ergriffen von der spirituellen Atmosphäre. Dann zeigt uns ein junger Mönch das Kloster, das allein im 19. Jahrhundert dreimal zerstört wurde. Im Jahre 1975 richtete ein Erdbeben enorme Schäden an. Heute erstrahlt das Kloster nicht zuletzt dank der Spenden der Dorfbewohner und der Gäste aus aller Welt wieder in neuem Glanz.

Am frühen Abend fahren wir mit dem Geländewagen nach Kibber, eines der höchstgelegenen Dörfer der Erde. Auf den im traditionellen tibetischen Stil erbauten Häusern wehen Gebetsfahnen. Früher lag der Ort an einer wichtigen Salzroute, heute betreiben die Bewohner Trockenfeldbau auf kargen, steilen Feldern. In den Hochlagen Spitis regnet es etwas mehr als im eng eingeschnittenen Tal.

Im letzten Abendlicht erreichen wir Kaza, den Verwaltungsort Spitis. Wir kommen im Mahabauda Guesthouse unter, das einem tibetischen Arzt gehört. Die gemütlichen Zimmer kosten nicht einmal fünf Dollar pro Nacht, im Innenhof ranken sich Blumen. Am zentralen Platz von Kaza finden wir ein tibetisches Lokal, das Momos serviert, die köstlichen Maultaschen der Himalaja-Region.

Zum Alterssitz des Dalai Lama

15 Kilometer östlich von Kaza klebt die Dhankar Gompa wie ein Vogelnest in den rauen Felsen. Das tausend Jahre alte Kloster ist bekannt für die medizinischen Kenntnisse seiner Mönche über Herz- und Lungenkrankheiten. Wir klettern durch die verschachtelte Klosteranlage, ohne einen Mönch zu sehen. Ein alter Mann erklärt uns, dass sich die Geistlichen zu einer Gebetszeremonie zurückgezogen haben.

Das wichtigste Kloster Spitis liegt noch einmal eine Autostunde tiefer im Tal. Tabo wurde im Jahre 996 von Ringchen Zangpo gegründet und wurde vom heutigen Dalai Lama als Altersruhesitz ausgewählt. Die weitläufige, auf dem Talboden gelegene Anlage besitzt wertvolle alte Wandzeichnungen und zieht wie kein anderes Kloster in Spiti Europäer an, die sich mit dem tibetischen Buddhismus befassen.

Die Piste führt eine weitere Stunde nach Osten, die umliegenden Berge steigen noch mal bis zur 7000-Meter-Marke, am Spiti-Fluss sind die Pappelhaine inzwischen herbstgelb geworden. Wir passieren den militärischen Checkpoint von Sumdo und verlassen Spiti. "Welcome in Kinnaur" steht auf einem kleinen Schild.

Die folgende Strecke bis Nako gehört zu den spektakulärsten Straßen des Himalaja, führt sie doch extrem ausgesetzt durch steile Felswände und bietet Weitblicke über die kahlen Gebirgszüge. Bei Puh ist die Wüstenlandschaft genauso schlagartig zu Ende, wie sie begonnen hatte. Der sommerliche Monsun sorgt in Kinnaur für bewaldete Hänge und üppige Felder. Zwei Tage später kämpfen wir uns durch den chaotischen Verkehr von Shimla nach Delhi. Mehr als einmal wünschen wir uns zurück in die Ruhe und in die klare Luft von Spiti.

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Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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