Spitzbergen Vorsicht, Eisbär!

Die Einheimischen von Spitzbergen sind Heimische auf Zeit. Kaum ein Trapper, Arbeiter oder Forscher bleibt länger als ein paar Jahre auf der arktischen Insel, wo Einsamkeit und Kälte herrschen und Eisbären allgegenwärtig sind.


Vorsicht vor den Eisbären: Besucher von Spitzbergen dürfen das Land auf eigene Faust nur bewaffnet erkunden
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Vorsicht vor den Eisbären: Besucher von Spitzbergen dürfen das Land auf eigene Faust nur bewaffnet erkunden

Longyearbyen - Plötzlich tauchen sie aus den Nebelbänken auf und suchen nach einem Walross, einem Seehund, einem Wanderer. Zwei bis drei Meter sind die Eisbären groß, eine halbe Tonne schwer und dennoch bis zu 70 Kilometer pro Stunde schnell. Was also tun, wenn einer kommt? Sich ins eiskalte Meer retten? Die weißen Riesen sind zwar langsame Schwimmer, aber sie können Strecken von bis zu 100 Kilometer schaffen. Das einzige Mittel gegen die Bären besteht darin, eine Waffe dabei zu haben. „Nein, die Gefahr sollte auf keinen Fall unterschätzt werden“, sagt Matthias Zielke, deutscher Biologe und derzeit Bewohner von Spitzbergen in der norwegischen Inselgruppe Svalbard.

Zielke ist ein typischer Spitzbergener. Svalbard, gerade noch 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt, kennt kaum Menschen, die hier geboren und begraben sind. Die Einheimischen sind Heimische auf Zeit: Klimaforscher, die in den Luftbläschen der Gletscher erkennen, wie rasch die Welt an ihren Abgasen erstickt; Arbeiter, die für gutes Geld in Bergwerken schuften; Trapper, die Polarfüchsen das Fell abziehen. Sie bleiben ein Jahr oder zwei, mancher der rund 3500 Bewohner hält es auch ein gutes Jahrzehnt aus. Aber nur wenige wollen mehr Zeit als nötig auf einer Insel leben, auf der die Natur dem Menschen so deutlich seine Grenzen aufzeigt und deren Winter eine einzige lange Nacht ist.

Svalbard bedeutet so viel wie „kalte Küste“. Bekannt ist das arktische Gebiet meist unter dem Namen Spitzbergen, auch wenn diese Bezeichnung streng genommen nur auf einen Teil zutrifft. Lange Zeit galt Svalbard als Niemandsland. Erst ein Vertrag im Jahr 1920 schrieb Norwegens Souveränität fest - mit der Bedingung, dass die Insel entmilitarisiert bleibt und die Unterzeichnerstaaten ihren wirtschaftlichen Aktivitäten frei nachgehen können. Besonders die Sowjetunion interessierte sich einst für den Kohleabbau, und noch heute gibt es hier Exklaven, in denen Russisch gesprochen wird.

Doch zurück zu den Eisbären. Seit zwei Tagen hat der Trapper in der Nähe seiner Hütte in Mushamna keinen mehr gesehen. Ein Besuch könne ruhig gewagt werden, ließ er ausrichten, auch wenn im Nebel die Sicht keine zehn Meter reicht. So haben sich die „Guides“ mit Gewehren und Feldstechern postiert, und auch Matthias Zielke hat seine gut 60 Jahre alte Büchse geschultert. Es heißt, mit jeder Waffe könne ein Eisbär erlegt werden - es müsse nur aus einer bestimmten Richtung im exakten Winkel die richtige Stelle getroffen werden.

 auf die Inseln
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auf die Inseln

Stationen wie in Mushamna werden von meist jährlich wechselnden Jägern und Fallenstellern bewohnt. Trapper müssten schon ein bisschen verrückt sein, um in dieser Einsamkeit ein Jahr zu verbringen, heißt es. Und tatsächlich: Ein Gespräch kommt mit dem Trapper in Mushamna nicht zu Stande - er wünscht, alleine gelassen zu werden.

Einsamkeit erfahren können Besucher auch in Barentsburg, gut 30 Kilometer von der Hauptstadt Longyearbyen entfernt am Isfjord gelegen. 900 russische und ukrainische Bergarbeiter sowie ein paar Dutzend Frauen leben hier. Pro Jahr werden rund 300 000 Tonnen Kohle abgebaut, nur sieben bis acht Jahre reicht das Vorkommen noch. Im Jahr 2002 wurde es den Bewohnern erlaubt, die Wohnhäuser farbig zu streichen - ein Geschenk des staatlichen russischen Bergwerks. Jede Hausgemeinschaft hat sich für eine Farbe entschieden: Grün, Blau, Rot oder Gelb. An ein Haus wurde gar ein kitschiger Birkenwald gepinselt.

Wer Svalbard erkunden will, kann dies gut von der See aus machen. Mancher Reisende schifft sich auf das alte norwegische Postschiff „Nordstjernen“ ein - so wird Touristen ein Abenteuer geboten, während zugleich Forscher- und Trapperstationen versorgt werden. Von Bord aus können Robben und Wale beobachtet werden. Außerdem werden die Basislager vergangener Expeditionen angefahren: Es sind Zeitreisen in das späte 19. Jahrhundert, als der Wettlauf zum Nordpol einsetzte und Abenteurer meinten, sie würden mit ihren Polarexpeditionen wissenschaftliche Unsterblichkeit erlangen.

: Die arktische Inselgruppe Svalbard, bekannt unter dem Namen Spitzbergen, wurde 1596 von dem Holländer Willem Barents entdeckt
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: Die arktische Inselgruppe Svalbard, bekannt unter dem Namen Spitzbergen, wurde 1596 von dem Holländer Willem Barents entdeckt

Wer sich für eine Trekking-Tour entscheidet, benötigt eine Waffe - man ahnt schon: die Eisbärengefahr. Der Gouverneur in Longyearbyen will es so. Von genauen Routen- und Ausrüstungsbeschreibungen bis hin zum Nachweis einer Versicherung - alles muss beim so genannten Sysselmann eingereicht werden. Seit 1992 ist dies Gesetz. Bis dahin soll es allerhand grauenvoller Unglücke gegeben haben.

Es werden Geschichten erzählt von Bären, die so ausgehungert waren, dass sie sich in die Hauptstadt Longyearbyen vorwagten, und von Forschern, deren Leichen nie gefunden wurden. Sie sind schon im Flugzeug zu hören, auch später immer wieder, und jetzt am Ende der Reise berichtet davon auch Matthias Zielke, der Biologe. Immer widersprechen sich die Geschichten in keinem Detail - als hätten die Bewohner sie auswendig gelernt, um Reisende von ihrem Svalbard fern zu halten. Der letzte tödliche Vorfall liegt immerhin fast acht Jahre zurück. Aber trotzdem, so versichert Zielke, sollte die Gefahr auf keinen Fall unterschätzt werden.

Von Dietmar Telser, gms



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