St.-Lorenz-Strom per Kajak Tausend himmlische Blütenblätter

Herbe Schönheiten sind sie, die Thousand Islands im St.-Lorenz-Strom, Kiefern klammern sich an glattes Granit, die Eiszeit formte idyllische Buchten. Auf den Inselchen haben Millionäre ihre exklusiven Refugien erbaut, doch auch Kajakfahrer müssen auf gewissen Luxus nicht verzichten.

Von Ole Helmhausen


Kajakfahren im Insellabyrinth: Keine klammen Klamotten, keine Acht im Kreuz
1000 Islands Kayaking Company

Kajakfahren im Insellabyrinth: Keine klammen Klamotten, keine Acht im Kreuz

Keine Müsliriegel, kein Herumstehen am Lagerfeuer in klammen Klamotten und vor allem keine Acht im Kreuz nach einer Nacht auf harter Isomatte - stattdessen fragt Jacques O'Shea, wie ich meinen "Latte" zu nehmen pflege und weist am Buffet auf die frischen Crepes in Blaubeer-Sauce hin, "die sind selbst gemacht". Dann lotst mich der Besitzer des Trinity Inn durch den viktorianischen Dining Room zu einem Tisch am Fenster. Von dort beobachte ich die aufs Wasser zulaufende Stone Street, zwei Kirchen auf makellosem Rasen, ein paar Frühaufsteher im Rentenalter und ein mitten auf der Straße meditierender Hund: Ein Kajak-Wochenende könnte kaum gepflegter beginnen.

Samstagmorgens lässt das Touristenstädtchen Gananoque es langsam angehen. Man weiß, die Gäste kommen ohnehin. Seit über hundert Jahren lebt das 5000-Einwohner-Städtchen am St.-Lorenz-Strom von ein- und mehrstündigen Dampferfahrten durch das Labyrinth der Thousand Islands vor seiner Haustür. Und - auch das seit Uropas Zeiten - von den begüterten "Boat People" von jenseits der Grenze, die hier anlegen, um für (preiswertere) kanadische Dollar in "Supreme of Chicken Oscar with Snow Crab" und "Pecan Crusted Rack of Spring Lamb with Raspberry Mint Demi Glaze" zu schwelgen.

Auch der Veranstalter hat "luxury explorations" versprochen: zwei Tage Kajaking, und übernachtet wird in gemütlichen Inns. Doch ohne Fleiß kein Preis, und eine Stunde später habe ich Mühe, ohne allzu großen Gesichtsverlust von der Pier in Smuggler's Cove in ein wackliges Kajak zu steigen. "Es gibt keinen eleganten Weg, in ein Kajak zu klettern", spricht Scott Heward, unser Guide, das aus, was alle in der Gruppe denken. "Erst das eine Bein, dann den Po, dann das andere", und dann sitzt man in einem der 17-Fuß-Touring-Kajaks der Firma 1000 Islands Kajaking Company, die Füße gegen Fußrasten gestemmt und dem auf jeden Atemzug reagierenden Sensibelchen unterm Hintern misstrauend.

"Let's go"

Die nächste Lektion dreht sich darum, nicht zu kentern. "Hebt die Paddel vor die Brust und wackelt mit den Hüften", befiehlt Scott, "ihr werdet merken, dass eure Kajaks mehr können, als ihr glaubt." Tatsächlich. Nachdem wir auch noch Kurven gelernt haben und rückwärts paddeln, spricht Scott die ersehnten Worte: "Let's go!"

Thousand Islands: Eine Insel ist nur dann eine Insel, wenn zwei Pflanzenarten auf ihr wachsen
Ole Helmhausen

Thousand Islands: Eine Insel ist nur dann eine Insel, wenn zwei Pflanzenarten auf ihr wachsen

Samuel de Champlain war der erste Weiße, der das Insellabyrinth zwischen Brockville und Kingston sah. Ihm folgten Missionare und Pelzhändler, die es "Lac des Milles-Îles" nannten. Im 19. Jahrhundert entdeckten wohlhabende Amerikaner und Europäer die Thousand Islands, seit 1900 kaufen sie sie, um elegante Sommerhäuser darauf zu stellen. Geologen erkannten die von Kiefern und Eichen bedeckten Granitinselchen als Ausläufer des Kanadischen Schilds und gaben ihnen den wissenschaftlichen Namen Frontenac-Achse.

Doch die schönste Erklärung für die Entstehung dieser Inselwelt hatten die Indianer: Himmlische Blütenblätter seien es gewesen, die eines Tages herabregneten und diesen 80 Kilometer langen Abschnitt des St.-Lorenz-Stroms in den Garten des Großen Geistes verwandelten. Die weißen Siedler pflichteten den Ureinwohnern ausnahmsweise bei und gaben den Inseln romantische Namen: Camelot, Endymion, Mermaid, Beaurivage, Georgina.

Bald wird das Wasser kabbeliger. Beim Verlassen von Smuggler's Cove, einer hübschen Felsenbucht mit im Granit versteckten Bootshäusern, sehen wir eine dunkle Linie an der Wasseroberfläche, die Strömung. Der St. Lorenz ist hier am engsten, sein Wasser verdreifacht in diesem "Nadelöhr" die Fließgeschwindigkeit. "Ich fahre zuerst", ruft Scott über die Schulter, dann gleitet er in die klar erkennbare Hauptströmung. Sofort versucht sein Kajak die Nase flussabwärts zu drehen, doch mit ein paar kräftigen Paddelschlägen bringt Scott sein Gefährt souverän wieder in die richtige Richtung. Minuten später verschwindet er hinter einem Felsvorsprung, dort ist das Wasser ruhiger. Der Nächste, bitte.

Paddeln auf dem St.-Lorenz-Strom: Sensibelchen unter dem Hintern
1000 Islands Kayaking Company

Paddeln auf dem St.-Lorenz-Strom: Sensibelchen unter dem Hintern

Danielle aus Montréal, Kajak-Novizin wie ich, braucht ein paar Schrecksekunden, um sich auf das jetzt notwendige Manöver zu besinnen. Während die Strömung ihr Kajak umzudrehen droht, paddelt sie hektisch gegen die unfreiwillige Kehrtwende an und driftet dabei immer weiter Richtung Flussmitte. Erst als sie mit dem Paddel große Cs ins Wasser malt, stellt sich ihr Bug wieder flussaufwärts. Ich profitiere von ihren Erfahrungen, staune aber dennoch über die Kraft unter dem Boot.

Hundert Jahre Freizeitkultur

Natürlich haben die französischen Pelzhändler damals nicht genau gezählt. "Mille-Îles", darunter verstanden sie "unendlich viele Inseln", und selbst heute wagen Experten keine genaue Zahl zu nennen. 1700 sollen es insgesamt sein - hält man sich an den von Parks Canada benutzten Maßstab, wonach eine Insel sich erst als solche qualifiziert, wenn auf ihr mindestens zwei verschiedene Pflanzenarten wachsen. Hill Island, eine der größten, verfügt über ein eigenes Straßennetz, die kleinsten dagegen sind gerade groß genug, um ein Haus darauf zu setzen. Gemütlich paddeln wir an hundert Jahren Freizeitkultur vorbei.

Ein Geschäftsmann aus Colorado hat sich sein palastartiges Sommerhäuschen 17 Millionen Dollar kosten lassen. Sein Klärwerk, zitiert Scott das Gerücht auf dem Festland, sei größer als das von Gananoque. Andere Cottages integrieren sich so perfekt in den Granit des Kanadischen Schilds, dass nur der Steg sie verrät. Manche sind viktorianische Lebkuchenhäuschen aus der Zeit, als Helena Rubinstein und Co. sich hier erholten, andere postmoderne Behausungen mit Sonnenkollektoren und auffällig unauffällig gestaltetem Biotop ringsherum. Inseln der Glückseligen sind sie alle, mit Pier und Bootshaus, in denen sie ihre schneeweißen Spielzeuge parken und mit denen sie die Verbindung zur Außenwelt halten.

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Gott sei Dank wurde auch an uns Sterbliche gedacht. Westlich von Ivy Lea, einem hübschen Nest mit Marina und Seafood-Restaurant, überqueren wir den belebten Main Channel, die an Wochenenden von Freizeit-Skippern benutzte Hauptverkehrsader durch die Inselwelt. Schon 1904 wurde der Thousand Islands National Park, Kanadas kleinster Nationalpark, aus der Taufe gehoben. Er besteht aus 24 Inseln. Herben Schönheiten, auf denen schlanke Kiefern sich an glatten Granit klammern, Blaubeerbüsche wachsen und die letzte Eiszeit schöne kleine Buchten zum Landen, Baden und Faulenzen hinterlassen hat.

Scott steuert Constance an, eine Mini-Insel mit Steg und Picknickbänken. Während wir Kranichen beim Fischen zuschauen und die Hechte unter dem Steg zählen, sorgt Scott für den gebuchten Luxus: Avocado-Salat mit Käseplatte und selbstgebackenem Brot, Fruchtsäfte, frisches Obst. Streifenhörnchen flitzen um den Tisch herum, ein Waschbär wartet in sicherer Entfernung, bis die Luft rein ist. Ein Königreich für ein Zelt - doch das King Size Bett im Gananoque Inn, wo ich die zweite Nacht verbringe, ist auch nicht schlecht und kommt uns Kajakanfängern gerade recht. Anderntags zeigt Scott uns die enge Landon Bay. Truthahngeier kreisen über uns, ein paar Dutzend Karpfen lassen sich nicht beim Laichen stören. Scott will weiter, doch an einem Wasserfall streiken wir. "You're the boss", grinst er. Und springt mit uns ins kühle Nass.



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