Fußball-Weltreise in Fotos "Man schreit, jubelt, vergisst den Alltag"

Jürgen Rank reist um die Welt, um Fußballstadien zu besuchen, die Kamera immer dabei. Ein Bildband zeigt seine schönsten Fotos und rückt sie in eine ungewohnte Perspektive.

Jürgen Rank / Fischer Taschenbuch

Schon vor Jürgen Ranks Geburt war der Fußball für sein Leben entscheidend. Sein Vater, ein großer Fan der Frankfurter Eintracht, nannte seinen zweiten Sohn nach der mutmaßlich größten Ikone des Vereins, Jürgen Grabowski, der von 1965 bis 1980 bei der Eintracht spielte. Schon 1971 war Jürgen kein moderner Vorname mehr.

Der Mann aus Bayreuth, der als Trikotdesigner bei Adidas arbeitet, ist seinen Eltern dankbar für die Rolle, die der Fußball für ihn bis heute spielt. Er erinnert sich noch genau an den ersten Stadionbesuch an der Hand des Vaters, an den Geruch von Bratwurst, an die Ränge mit den Zuschauern, an die Fans, die mal entgeistert, mal enthusiastisch dreinblickten.

All das fasziniert ihn noch heute, nach Tausenden Spielen, die er mit Freunden im Stadion verbracht hat, für die er in die USA, nach Südafrika oder Südostasien gereist ist, Begegnungen der Premier League, der Regionalliga West und jene seines Lieblingsvereins, der Spielvereinigung Bayreuth.

Zwei Welten, eine Leidenschaft

Nun hat der 44-Jährige einen Fotoband veröffentlicht, der die Begeisterung abzubilden versucht, die so schwer in Worte zu fassen ist. "Der Grund ist Fußball - Fotografische Begegnungen in den Stadien der Welt", heißt das Buch, in dem Rank seine Fotos auf ungewöhnliche Art und Weise gruppiert: als Paar.

Jeweils in der Mitte einer Doppelseite stoßen zwei Bilder aus unterschiedlichen Stadien aufeinander. Was zunächst willkürlich und erratisch klingen mag, schafft in den allermeisten Fällen interessante Perspektiven. "Ich fotografiere häufig vom Boden aus. Dabei entstehen oft ähnliche Linien", sagt der Autodidakt, der während des Studiums in England seine Liebe zur Fotografie entdeckte und schon damals Wert auf die Details legte. "Damals hat man analog fotografiert und hat nicht so wahllos draufgehalten wie heute."

Schon das Cover des Buches verbindet vermeintliche Gegensätze: die leeren Tribünen vom Bernabéu-Stadion in Madrid sind den Rängen im Stadion Nou Camp in Barcelona gegenübergestellt. Zwei Erzrivalen in einer Collage, die manch einer wohl erst auf den zweiten Blick erkennt, weil sie sich so ähnlich sehen.

Sitzschalen, Wurststände, Bierbecher, Grasbüschel

Besonders originell ist das Buch, wo es Details zeigt: Die ausrangierten Sitzschalen bei Besiktas und Galatasaray Istanbul, die Wurststände, die Bierbecher, die Grasbüschel, die aus den Traversen eines Fünftligisten herauswachsen.

Besiktas versus Galatasaray Istanbul: Der direkte Sitzschalen-Vergleich
Jürgen Rank / Fischer Taschenbuch

Besiktas versus Galatasaray Istanbul: Der direkte Sitzschalen-Vergleich

Da sind zum Beispiel die Tribünenaufgänge beim FC Liverpool und dem FC Everton. Die beiden Stadien der im gleichen englischen Ort beheimateten Vereine liegen nicht einmal einen Kilometer voneinander entfernt, doch während bei den "Reds" die Treppenstufen nummeriert sind, sind sie bei Everton mit Buchstaben versehen.

Und falls es tatsächlich Menschen geben sollte, die bislang nicht wussten, dass die Toiletten bei den "Hearts of Midlothian" aus Edinburgh aus dem Jahre 1914 stammen: Nach der Lektüre des Buches weiß man sogar, wie sie aussehen.

Es sind Informationen für Nerds, die Rank versammelt. Geht es also um die "small differences", die das Große und Ganze erklären, wie es im berühmten Dialog bei "Pulp Fiction" heißt? Durchaus, meint Rank. Doch eigentlich gehe es noch um viel mehr.

Magische Momente für Fußballfans an allen Orten

"Egal ob in Sunderland, Gelsenkirchen oder Porto: Jeder Fußballfan liebt diesen magischen Moment, wenn du in einem Wohngebiet um die Ecke biegst und plötzlich den Flutlichtmast siehst", sagt er. Oder wenn nach dem Erklimmen der Tribünenaufgänge zum ersten Mal der Blick auf das satte Grün im Flutlichtkegel fällt. Rank muss lachen. "Vielleicht haben wir Fußballverrückten ja alle eine Art Erstbesteiger-Gen."

"Für mich wird Fußball immer ein Katalysator für den Alltag sein", sagt Rank. "Man schreit, lacht, jubelt und vergisst einfach mal den Alltag." Fußball, das wisse jeder Fan, sei die beste Therapiesitzung. Am kommenden Wochenende wird Rank wieder im Stadion sein und mit seiner Kamera ein paar Momente einfangen - für die Zeit, in der er nicht auf den Rängen jubeln kann.

Jürgen Rank: "Der Grund ist Fußball - Fotografische Begegnungen in den Stadien der Welt". Fischer; 256 Seiten; 16,99 Euro.



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insgesamt 14 Beiträge
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thomas.slowhand 07.11.2014
1. Leider ist...
Fußball - zumindest in den "Fankurven" - nur noch zum Vehikel verkommen, möglichst viel Randale zu veranstalten, viel Schaden anzurichten, durch vorsätzlich verursachte Brände mit Pyrotechnik andere Menschenleben zu gefährden sowie Schlägereien anzuzetteln, für die dieser Begriff viel zu harmlos ist. Fußball? Nein Danke.
kurosawa 07.11.2014
2. Fußball-Weltreise in Fotos
...Brot und spiele eben. Wenn man sich dann noch die Krawalle ansieht scheint es auch ein vorgegebenes Ventil für angestaute aggressionen zu sein.
max-mustermann 07.11.2014
3.
Brot und Spiele, ein altbewährtes Mittel seit über 2000 Jahren.
kurosawa 07.11.2014
4. ach so...
...parallel dazu gibt es natürlich noch die abgeschotteten VIP loungen. Da kann sich eine vermeintliche Elite bei lachshaeppchen und schampus ein wenig wie nero fühlen. Fehlt nur noch Daumen hoch oder runter.
Frankonius 07.11.2014
5. Schade...
... das die durch Medien und Politik erzeugten Schubladen so fleissig von Menschen genutzt werden, die augenscheinlich zu faul sind, sich ihre eigene Meinung zu bilden oder einfach mal ins Stadion gehen, um eigene Erfahrungen zu machen. Ich gehe seit 25 Jahren zu Fußballspielen, habe keinerlei Brandverletzungen (abgesehen von diversen Brandlöchern in Jacken, die durch Zigaretten verursacht wurden), keine Schlägereierlebnisse und auch sonst keinerlei Sachschäden zu verzeichnen. Obwohl ich im Regelfall in den "Fankurven" stehe. Aber dafür weiß ich, dass jedes Jahr mehr Leute im Stadion durch Tränengas verletzt werden, als durch Pyrotechnikeinsatz. Genauso wie ich weiß, dass ein Oktoberfestwochenende für mehr Verletzte sorgt, wie ein ganzes Jahr deutscher Fußball.
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