Karneval auf Trinidad: Musik für die Tonne

Von Martin Cyris

Zum Karneval macht Trinidad ein Fass auf. Oder besser: Tausende Fässer. Kostümierte Musiker dreschen auf ausgediente Öltonnen ein - und sorgen so für eine akustische Adrenalininfusion. Die Steel Pan ist der Stolz der Karibikinsel. Ein Instrument, das die Massen elektrisiert.

Karneval auf Trinidad: Steel Pans und Kopfschmuck Fotos
REUTERS

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Stahl. Überall Stahl. Ein Bühnendickicht. Zusammengeschweißte Aufbauten und Tonnen, Gefäße und Gestelle. Dutzende kostümierte Musiker haben sich hinter ihren Instrumenten in Stellung gebracht. Die Savannah-Arena in Port of Spain vibriert vor Spannung.

Im Publikum ist die Ungeduld fast greifbar. Die Nationalhymne steckt allen noch unter der Haut. Bandmitglieder absolvieren auf die Schnelle Lockerungsübungen, hüpfen von einem Bein aufs andere oder schlagen mit ihren Schlegeln ein paar Rhythmen in die Luft.

Dann plötzliche Stille. Der Taktgeber zückt eine Kuhglocke, schlägt sie mit einem Trommelstock an, und im selben Augenblick bricht ein Höllenspektakel über die Arena herein. Ein Wirbel, pure Energie. Die Steel Pans veranstalten einen Mordslärm bei dem einem fast das Blech wegfliegt. Die pulsierenden, mitreißenden Shows der Orchester elektrisieren die Massen im Publikum und vor den Fernsehern. Der Slogan des Veranstalters lautet "Wenn Stahl spricht".

Es ist "Panorama"-Zeit in Port of Spain, der Hauptstadt von Trinidad und Tobago. Die gängige Abkürzung des Karibikstaats - TNT - bekommt dann eine zusätzliche Bedeutung. Denn die Musik der Steel-Pan-Orchester ist hochexplosiv. Und gleichzeitig hochmusikalisch. Sechs Oktaven werden abgedeckt, von Bass bis Sopran spielt alles mit. Die Tonne macht die Musik.

Triebwerk im Karneval

In Kompaniestärke treten sie alljährlich zum sogenannten Panorama an, dem Wettbewerb der besten Bands im Rahmen des Karnevals. Bis zu hundert Musiker sorgen für schmissigen Orchesterklang. Der famose und virtuose Sound der Steel Pans wirkt wie ein Triebwerk im Karneval, wie eine akustische Adrenalininfusion. In den Tagen vor Aschermittwoch steht Trinidad nahezu komplett Kopf, an Schlaf ist nicht zu denken. Der Steel-Pan-Sound hält die Massen während der tollen Tage auf Trab, begleitet von viel Soca- und Calypso-Musik aus der Konserve.

Zum Beispiel beim J'Ouvert, dem wild-archaischen Kostümfest am frühen Montagmorgen, wenn die Insel ein riesiges Fass aufmacht und Kakao-, Schlamm- und Farbschlachten veranstaltet. Oder bei den Straßenumzügen, die darauf folgen. Während freizügige Schönheiten kaum etwas tragen, tragen die Steel Bands ihre Instrumente um den Hals - sogenannte around-the-neck-pans.

Zwei Begriffe fallen ständig: Bacchanal und wine. Bacchanal beschreibt eine ausufernde Party. Trinidad und Tobago dürfte damit das einzige Land auf der Welt sein, in der das altrömische Bacchusfest in den normalen Sprachgebrauch übergegangen ist.

Wine wiederum ist ein erotischer Tanz, der in einer deutschen Diskothek durchaus zum Rausschmiss führen könnte. Die rhythmischen Bewegungen, die den Koitus nachstellen und im Karneval spontan mit wildfremden Menschen ausgeübt werden, lassen Besucher aus einem Land, in dem eine Sexismusdiskussion tobt, durchaus aufmerken.

Unzählige Kosenamen für den Po

Doch diskutieren will im Karneval freilich keiner. Auch nicht mit dem Partner. "A little wine", einer der diesjährigen Fetenhits, beugt daher möglicher Eifersucht vor. Motto: Das bisschen Winen ist doch kein Problem. Andere Lieder befassen sich in lyrischer und mehrheitlich respektvoller Weise mit dem weiblichen Gesäß. Das wird als völlig normal empfunden. Ähnlich wie manch ein Volk unzählige Begriffe für Schnee kennt, kennen die Trinis unzählige Kosenamen für den Po. Batti, Bamsi und so weiter.

Kreativität kann man den Bewohnern von Trinidad wahrlich nicht absprechen, wie die Steel Pan (wortwörtlich: Stahlpfanne) beweist. Sie hat eine erstaunliche Karriere hingelegt: Vom Ölfass hin zum fein gestimmten Instrument und vom Aggressionsabbau für Unterschichten zum ganzen Stolz der Insel.

Die Geschichte von Merlin Gill ist eine der vielen auf Trinidad, die mit der Steel Pan in Zusammenhang stehen. "Als ich anfing, war ich ein Nobody, ohne Achtung", sagt Gill. In den sechziger Jahren verboten ihm seine Eltern in die panyards zu gehen. Diese Übungsstätten waren ein heißes, gefährliches Pflaster. Heute betreibt er eine der besten Steel-Pan-Manufakturen und exportiert sogar nach Japan, Dubai und Katar. "Wenn du spielst, geht deine ganze Wut in die Steel Pan, aber sie gibt dir Freude zurück", erklärt Gill.

Aufputschen in Deutschland

In seinen Fabrikräumen in Curepe hämmern unablässig Pan-Tuner mit muskulösen Unterarmen auf den Rohlingen aus Stahl herum. Ein donnernder Lärm, nichts für Zartbesaitete. Doch das Stimmen der Instrumente ist kein Fall fürs Grobe sondern eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es an der Universität von Port of Spain seit geraumer Zeit den Studiengang Pan-Tuning.

Regelmäßig schauen Schulklassen vorbei. Schon Vorschulkindern wird die Herstellung einer Steel Pan gezeigt. So bleibt Nachwuchs nicht aus. Gute Pan-Tuner sind genauso begehrt wie gute Pan-Spieler. In der Szene existiert ein regelrechter Spielermarkt mit gegenseitigem Abwerben.

Auch Lisa McClashie hat schon einige Stationen hinter sich. 2006 war sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Als Sopranspielerin bei den Woodbrook Playboyz. Das war ihre Fahrkarte zur Fußball-WM in Deutschland. Denn zum Tross der Nationalmannschaft von Trinidad und Tobago, den "Soca Warriors", gehörte eine eigene Steel-Band. Ein legales Aufputschmittel am Spielfeldrand sozusagen. "Es war eine super Zeit", sagt Lisa.

Mittlerweile spielt Lisa McClashie in einer Band namens Exodus. Die Combo belegte beim Panorama-Wettbewerb den undankbaren vierten Platz. Die Enttäuschung währte nur kurz - bis zur nächsten Pan-Performance. Lisa McClashie ist stolz, dass die Steel Pan von Trinidad aus die Welt eroberte. "Die Musik ist für mich pures Adrenalin."

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