Grönland-Expedition von Stefan Glowacz Wenn ein Kletterer mal segelt

Einmal Grönland und zurück: Der Bergsteiger Stefan Glowacz will per Boot, auf Skiern und am Kletterseil die Expedition "Coast to Coast" durchziehen. Allerdings hatte er vorher verdrängt, dass er furchtbar seekrank wird.

Team Stefan Glowacz

Zur Person
  • Klaus Fengler/ Team Stefan Glowacz
    Stefan Glowacz, 53, ist Profi-Bergsteiger und Extremkletterer aus Bayern. 1993 war er Vizeweltmeister der Kletterweltmeisterschaft, danach begann er mit Expeditionen zu Felsen weltweit. Im Sommer 2018 ist auf der Expedition "Coast to Coast" nach und in Grönland unterwegs. Für SPIEGEL ONLINE berichtet er bis Oktober in unregelmäßigen Abständen.
  • Glowacz' Webseite

Wir sind jetzt mal weg - für drei Monate. Die bisher längste Expedition meines Lebens. Nach über eineinhalb Jahren der Vorbereitung, Ausrüstungstests, Hunderten von Kilometern auf dem Rennrad und Klettermetern in der Wand bin ich endlich an Bord der "Santa Maria". Am 11. Juli um 9.30 Uhr laufen wir aus dem Hafen von Mallaig an Schottlands Westküste aus. Wir gleiten an anderen Jachten vorbei und verschwinden im Nebel.

Mit der spannendste Teil von "Coast to Coast" beginnt in diesem Moment: Tausende von Seemeilen auf einer 14,5 Meter langen Stahlsegeljacht. Anfang Juli sind wir bereits mit Elektroautos vom Starnberger See aus nach Schottland gefahren. Von Mallaig segeln wir über Island nach Grönland, das wir mit Skiern, Schlitten und Kites überqueren werden. Im Scoresbysund versuchen wir die Erstbesteigung einer der riesigen Felsformationen, bevor es wieder mit dem Schiff zurück nach Schottland geht. Mitte Oktober plane ich, wieder zu Hause zu sein.

Team Stefan Glowacz

Ich kenne dieses Schiff und seinen Skipper Wolf Kloss bereits von einer Expedition 1999 zum Renard Tower in der Antarktis. Damals wurde ich in der berühmt-berüchtigten Drake-Passage, einer der stürmischsten Segelreviere der Welt, so seekrank, dass ich mir schwor, niemals wieder einen Fuß auf eine Segeljacht zu setzen. Mit den Jahren habe ich die schlimmsten Ereignisse verdrängt - und jetzt bin ich wieder an Bord dieses Schiffes, mit dem gleichen Skipper.

Mit dabei sind neben Wolf Kloss, 60, sein 23-jähriger Sohn Dani sowie Schiffsmechaniker Jan Kiehne, 31. Außerdem der Fotograf und Arktisexperte Thomas Ulrich, 51, aus Interlaken in der Schweiz und der Nachwuchs-Profikletterer Philipp Hans, 24, aus Stuttgart, mit denen ich zusammen klettern und die Überquerung machen werde.

Jan Kiehne, Wolf Kloss, Stefan Glowacz, Dani Kloss, Philipp Hans, Thomas Ulrich (v.l.n.r.)
Team Stefan Glowacz

Jan Kiehne, Wolf Kloss, Stefan Glowacz, Dani Kloss, Philipp Hans, Thomas Ulrich (v.l.n.r.)

Ein Platz an der Reling

Das Ziel an unserem ersten Segeltag ist eine geschützte Bucht in Neist auf der Insel Skye. Dort genießen Thomas, Philipp und ich am nächsten Morgen noch das, was wir am besten können: klettern. Es geht an den Klippen von Neist hoch. Am Nachmittag setzen wir Segel. Wir fahren erst nach Norden, an den Hebriden-Inseln vorbei und dann Richtung Nordwest 580 Seemeilen bis nach Heimaey auf den Westmänner-Inseln südlich von Island.

Wie es an Bord der "Santa Maria" im Hafen von Mallaig aussieht, zeigt das Video:

Stefan Glowacz

Und dann ist es wieder da, dieses grausame Gefühl, das im Kopf und im Körper nichts mehr an seinem Platz bleiben wird. Kopfschmerzen, Schwindel, unerträgliche Übelkeit. Philipp und ich hängen an der Reling und würgen. Alle drei Stunden wechseln wir uns in Zwei-Mann-Teams mit der Ruderwache ab, was noch der angenehmste Teil von allem Übel ist. Die restliche Zeit fliegen wir stundenlang in unseren Kojen hin und her.

Am Abend des 17. Juli zurren wir die "Santa Maria" am Kai von Heimaey fest. Obwohl wir für ein paar Stunden wieder festen Boden unter den Füßen haben, schwanken wir. Am nächsten Mittag laufen wir bereits wieder aus. Die Zeit reichte gerade einmal aus für ein Bier und eine Dusche an Land. Wir wollen in diesem frühen Stadium der Expedition keine Zeit vergeuden, obwohl uns ein Ruhetag nach fast einer Woche auf dem Meer gut tun würde, vor allem Philipp und mir.

Fotostrecke

14  Bilder
Expedition "Coast to Coast": Von Schottland nach Grönland

Bis zu Grönlands Ostküste sind es von hier noch 670 Seemeilen. Meine Stimmung passt sich der des Ozeans an: Kaum strahlt die Sonne auf das Tausende Meter tiefe Wasser und färbt es türkisgrün, könnte ich vor Glück die Welt umarmen. Es gibt in diesem Moment keinen schöneren Ort, an dem ich sein möchte. Nur eine Ruderwache später hängen die Wolken tief, Regentropfen peitschen ins Gesicht. Das Meer ist fast schwarz, bedrohlich, und auf einmal möchte ich nur eins: weg von diesem Ort.

Windstärken von bis zu 40 Knoten

An dem Gesicht von Skipper Wolf versuchen wir, das Ausmaß der bevorstehenden Bedrohung abzulesen - der einzige Gradmesser in einem Umfeld, das uns Kletterern wahrscheinlich immer fremd bleiben wird. Aber auch Wolf, der zusammengenommen schon zehn Jahre auf Schiffen verbracht hat, zeigt größten Respekt vor diesen Naturgewalten. 50 Seemeilen vor der Einfahrt in den Prinz Christian Sund in Grönland ruft er über Satellit den Wetterbericht ab, und der verheißt nichts Gutes. In der Nacht soll sich der Wind zu einem massiven Sturm aus Nord aufbauen, mit Windstärken von bis zu 40 Knoten.

Thomas, Philipp und ich können uns nicht vorstellen, was das bedeutet. Nachdem wir die Seekrankheit in den letzten Tagen in den Griff bekommen haben, ist die Klappe wieder groß: "So ein bisschen Sturm könnte jetzt schon mal kommen", behaupten wir. Und dann kommt er, in den frühen Morgenstunden des 25. Juli. Schon Stunden zuvor treiben wir beigedreht mit dem kleinsten Reff im Segel. Wolf will nicht zu nahe an der ihm unbekannten Küste segeln. Er erzählt uns von einem Bekannten, der dort mit seiner Jacht in einer Riesenwelle unter Land eine Rolle vorwärts gemacht hat. Ein seltener Unfall, der für Aufsehen gesorgt hat.

Meine Ruderwache beginnt um 4.30 Uhr am Morgen. Als ich ins Cockpit klettere, rollen riesige Wellenberge auf die "Santa Maria" zu. Bei jeder Wasserwand rechne ich mit unserem sicheren Untergang - wie in diesem Video zu sehen:

SPIEGEL ONLINE

Wolf dagegen sagt nur beiläufig: "Bis jetzt sind die Wellen ja noch nicht groß. Richtig gefährlich wird es erst, wenn sie über dem Schiff brechen oder ein- oder mehrere Fenster zerschlagen. Dann kann die 'Santa Maria' ziemlich schnell volllaufen. Aber macht euch keine Sorgen, über diese See lacht sie nur." Für uns zuvor so wagemutige Kletterer reicht das vollkommen.

Gegen Mittag lässt der Sturm nach, auch die Wellenberge werden kleiner. Als wir am frühen Nachmittag in den Prinz Christian Sund hineinsegeln, ist es wieder da: das Gefühl, die Welt umarmen zu können. Das Meer ist spiegelglatt und schimmert türkis und grün.

Stefan Glowacz wird bis Oktober in unregelmäßigen Abständen von unterwegs über seine Expedition "Coast to Coast" berichten. Im zweiten Teil des Blogs erzählt er, wie das Team den Ausgangspunkt der Inlandeis-Überquerung in Grönland erreicht, im dritten Blog, wie die Kälte ihm zu schaffen macht und wie wichtig Kite-Tage sind.

"Coast to Coast" von Stefan Glowacz: Die Planung
Von München nach Schottland per Elektroauto
Anfang Juli geht es los in Berg am Starnberger See. Mit zwei BMW-i3-Elektroautos fährt das Team von Ladestation zu Ladestation, über Holland, Belgien und England bis zum Hafen Mallaig an der Westküste Schottlands. Ein zusätzliches Auto mit Anhänger transportiert Ausrüstung und Verpflegung für drei Monate.
Von Schottland nach Grönland per Segelschiff
In Mallaig benötigen Glowacz und sein Team zwei Tage, um die Ausrüstung auf der 14 Meter langen Stahljacht "Santa Maria" seetauglich zu verstauen. Am 11. Juli legt das Segelschiff ab und segelt über die Westmänner-Inseln vor Island bis zur Diskobucht in Grönland. Ende Juli/Anfang August soll der Ausgangspunkt für die Grönlanddurchquerung erreicht werden.
Überquerung von Grönland mit Schlitten, Skiern und Kites
Einige Tage benötigt das Team für die Portagen der Ausrüstung aufs Inlandeis. Dann beginnt für Stefan Glowacz, Thomas Ulrich und Philipp Hans die Tour mit Skiern, Schlitten und Kites immer gen Osten. Mindestens 30 Tage sind für die 1000 Kilometer Eiswüste eingeplant, bis die Ostküste erreicht ist und die Männer vom Inlandeis zum Scoresbysund absteigen. Währenddessen umsegelt die "Santa Maria" die Südspitze von Grönland.
Versuch einer Erstbesteigung am Scoresbysund
Der Scoresbysund an der Ostküste Grönlands ist gesäumt von riesigen Felsformationen, die über tausend Meter steil und überhängend direkt ins Meer abbrechen. An einer dieser Formationen ist eine Erstbegehung durch Stefan Glowacz und Philipp Hans geplant, circa zehn Tage soll der Versuch dauern.
Von Grönland nach Schottland per Segelschiff
Mitte September muss die Rückreise mit der "Santa Maria" über Island und die Faröer Inseln zurück nach Schottland beginnen, bevor die Herbststürme in dieser Region aufziehen.
Von Schottland nach München per Elektroauto
Von Schottland geht es mit den Elektrofahrzeugen wieder zurück gen München. Geplante Ankunft: Mitte Oktober.
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