Sterngucker-Tour in Chile Einmal Milchstraße und heiße Schokolade, bitte

Weltklasse-Astronom Alain Maury verliebte sich in den Nachthimmel über der Atacama-Wüste - und blieb gleich in Chile. Jetzt bietet der Franzose Sterngucker-Touren für jedermann an.

Lucas Söchtig

Von Lucas Söchtig


Die Sternschnuppe kommt wie bestellt. Gerade sind die Touristen aus dem Bus gestiegen, keine zehn Sekunden schauen sie hoch zum Nachthimmel - da huscht sie über den Horizont, mit einem langen, silbrig-weißen Schweif. Die Ahhhs und Ohhhs sind noch nicht verklungen, da folgt die nächste Schnuppe. Und die übernächste.

"Das machen winzige Staubpartikel, vielleicht einen Millimeter groß", sagt eine Stimme, als wieder Stille einkehrt. "Wenn sie mit 60 Kilometern pro Sekunde in die Erdatmosphäre dringen, zerfetzen sie Luftmoleküle und bringen sie zum Leuchten."

Alain Maury ist nicht zu sehen, als er das sagt. Tiefschwarz ist die Nacht, nichts erleuchtet das Dunkel hier auf der Astrofarm in der Atacama-Wüste - bis auf das Lichtermeer am Himmel. Als weißes Band zieht sich die Milchstraße über das Firmament, tausendfach funkelt und glitzert es. Die Sternstunde hat begonnen.

Maury zückt seinen Laserpointer, richtet den grünen Strahl gen Himmel auf vier Sterne, die angeordnet sind wie ein Kinderdrachen. "Das Kreuz des Südens", sagt der 56-Jährige. "Und das", er deutet auf einen besonders hell leuchtenden Punkt, "ist Sirius."

Der Franzose ist wegen der Sterne hergekommen in die Einöde der chilenischen Wüste. Ihretwegen hat der Astronom seinen gut dotierten Forscherposten in Europa hingeschmissen - und hält sich und seine Frau nun mit Astro-Touren für Gäste aus aller Welt über Wasser. Denn diese Gegend ist das Mekka der Himmelsgucker.

Allblick per Webcam

Nur eine gute halbe Autostunde weiter östlich recken sich die 66 Antennen von Alma in die Höhe: des größten Radioteleskops der Welt, mit dem unter anderem die Forscher des europäischen Instituts ESO tiefer ins All blicken wollen als je zuvor. Fast nirgends auf diesem Planeten ist die Luft so trocken, so klar, so sauber wie hier am Fuß der Anden, 2400 Meter über dem Meeresspiegel.

Nur selten versperren Wolken den Blick auf die Sterne; bis zu 300 Nächte pro Jahr kann Maury seine eigenen Teleskope ausfahren, um das Universum ins Visier zu nehmen. Vor allem aber gibt es hier in der Einsamkeit keine Lichtverschmutzung: keine künstlichen Beleuchtungsquellen, die gerade in Ballungsgebieten viele Sterne fürs menschliche Auge unsichtbar machen.

So kann Maury seinen heutigen Gästen, Backpackern, Familien und Rentnern aus Europa und den USA, den Südhimmel in voller Pracht präsentieren: Sternbilder wie die Zwillinge Castor und Pollux. Die Magellanschen Wolken: Zwerggalaxien aus mehreren Milliarden Himmelskörpern. Venus, Mars und Jupiter.

Durch das präziseste der zwölf Besucherteleskope, die Maury teils Sternwarten abgekauft, teils selbst zusammengeschraubt hat, kann man an guten Tagen das Tal des Mondes erblicken, in dem 1969 Neil Armstrong und Edwin Aldrin landeten.

Oder Saturn mit seinen Ringen. Von hier aus betrachtet, stehen sie zurzeit fast senkrecht zum subjektiv schönsten aller Planeten. "Von Saturn aus ist die Erde unsichtbar, so klein ist sie", sagt Maury. "Wir können von hier mit dem bloßen Auge etwa 6000 Sterne erblicken. Aber nur auf 170 davon kann man die Erde sehen."

"Das Universum ist nicht für uns gemacht"

Maury lehrt Anfängerwissen, obwohl er selbst ein Meister seines Metiers ist. Als er noch hauptberuflich als Astronom arbeitete, unter anderen für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, für Observatorien in Kalifornien und Frankreich, entdeckte er vier erdnahe Asteroiden - und zwei Kometen. Einer trägt sogar seinen Namen: 115P/Maury. Im Jahr 2000 schickte ihn ein Institut in die Wüste, zum Forschen. Maury blieb, weil er sich verliebt hatte, in den Sternenhimmel und in eine Frau.

Jetzt ist er hier, schlachtet rostige Uralt-Teleskope aus, um aus den Teilen neue Instrumente zusammenzubauen, und sittet die Teleskope reicher Klienten, die bei ihm ihre Apparaturen aufgestellt haben, um über das Internet ins Weltall zu lugen. Für einen Topwissenschaftler sind diese Jobs wohl ein Rückschritt, aber Maury sagt, er sei zufrieden. "Hier gibt es keinen Stress, keinen Lärm, keinen Papierkram. Ich bin wieder Amateur - das heißt: Ich liebe, was ich mache."

Auch als Forscher ohne Auftrag macht er noch Schlagzeilen. 2010 entdeckte er mit einem Team, dass der Zwergplanet Eris kleiner ist als Pluto. Damit widerlegte er die Behauptung eines US-Forschers, dass der eisige Eris der Größere von beiden sei, - diese war ein Grund dafür, dass die Internationale Astronomische Union 2006 Pluto den Status als Planet unseres Sonnensystems aberkannt hatte.

Es wird immer eisiger in der Wüste, die Besucher gehen in die Lodge, wo Tee und heiße Schokolade auf sie warten. Maury beantwortet noch ein paar Fragen, auch die unvermeidliche nach außerirdischen Lebensformen. "Das Universum ist nicht für uns gemacht", sagt er ausweichend. "Es ist ein glücklicher Zufall, dass es die Erde gibt mit ihrem einzigartigen Klima."

Draußen lässt der Bus den Motor an, Alain Maury geleitet die Gruppe heraus. Für ihn selbst hat die Arbeitsnacht gerade erst begonnen, bis zum Morgengrauen wird er wieder vor dem Teleskop sitzen, sein geliebtes Weltall erforschen und bewundern. Wie es sich für einen echten Amateur gehört.


Anreise: Mit Air France, KLM, Iberia oder LAN nach Santiago de Chile, von dort aus weiter mit SkyAirlines oder LAN nach Calama; ab 800 Euro für den Transatlantik-Flug plus 100 bis 200 Euro nach Calama. Von dort aus weiter per Shuttlebus nach San Pedro de Atacama.

Unterkunft: Im Wüstenstädtchen San Pedro gibt es Hostels und Hotels für jeden Geldbeutel. Alain Maurys Agentur Space hat ein Büro in San Pedro und organisiert den Transport zum Observatorium. Sternen-Freaks können auch in der Astrofarm-Lodge übernachten, ab 75.000 Pesos (um 100 Euro) pro Nacht und Lodge.

Buchung: Space, Caracoles 166, San Pedro de Atacama, Tel: +56 55 2566 278 oder +56 99 817 8354 . Die zweieinhalbstündige Standard-Tour in Englisch, Spanisch oder Französisch kostet 18.000 Pesos (um 24 Euro) pro Person. Warme Kleidung ist empfehlenswert: In der Wüste auf 2400 Meter Seehöhe kann es nachts ungemütlich werden.

Reisezeit: Die Tour findet allnächtlich statt, außer bei Vollmond. Bei stärkerer Bewölkung wird sie abgesagt, das Geld gibt es dann zurück. Am häufigsten ist der Himmel von Dezember bis Februar bedeckt. Wer die Tour unbedingt machen will, sollte ein paar Puffertage einplanen. Rund um San Pedro gibt es jede Menge andere Attraktionen: Geysire, Salzseen, Vulkane, Canyons und vieles mehr.

Fotostrecke

9  Bilder
Sterne de luxe: Die besten Orte für Himmelsbeobachter
Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Maverick Maven 02.06.2014
1. Wie kann es sein
..dass man von Saturn aus die Erde nicht sehen koennte weil sie zu klein ist, dagegen aber aber von 170 Sternen schon? Ausserdem spricht die Tatsache dass man das Streulicht eines Laserpointers als Strahl sieht nicht gerade fuer die angeblich so einzigartig klare und trockene Luft.
Layer_8 02.06.2014
2. Kreuz des Südens
Zitat von sysopLucas SöchtigWeltklasse-Astronom Alain Maury verliebte sich in den Nachthimmel über der Atacama-Wüste - und blieb gleich in Chile. Jetzt bietet der Franzose Sterngucker-Touren für jedermann an. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/sternegucken-in-der-atacama-wueste-astronom-alain-maury-a-972013.html
Für die meisten Menschen muss der südliche Sternenhimmel wirklich wie auf einem fremden Planeten wirken. Und die bekannten Sternbilder stehen dann alle "verkehrt rum", genauso wie die Mondphasen. Komischerweise ist dort "unten" fast überall Wüste oder sonstiges wenig besiedeltes Land. Sei es in Chile oder Südafrika oder Australien. Beste Sicht also.
lachabaur 02.06.2014
3. Kreuz des Südens ist ein Sternbild
---Zitat--- Maury zückt seinen Laserpointer, richtet den grünen Strahl gen Himmel auf vier Planeten, die angeordnet sind wie ein Kinderdrachen. "Das Kreuz des Südens", sagt der 56-Jährige. ---Zitatende--- Sterne, keine Planeten.
Funfood 02.06.2014
4.
Zitat von sysopLucas SöchtigWeltklasse-Astronom Alain Maury verliebte sich in den Nachthimmel über der Atacama-Wüste - und blieb gleich in Chile. Jetzt bietet der Franzose Sterngucker-Touren für jedermann an. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/sternegucken-in-der-atacama-wueste-astronom-alain-maury-a-972013.html
Aua! Wer so einen Bericht verfasst, sollte wenigstens das bisschen Grundwissen mitbringen, dass Sternbilder nicht aus Planeten, sondern eben aus (Fix-)Sternen bestehen.
jot-we 02.06.2014
5. Wk!
Zitat von sysopLucas SöchtigWeltklasse-Astronom Alain Maury verliebte sich in den Nachthimmel über der Atacama-Wüste - und blieb gleich in Chile. Jetzt bietet der Franzose Sterngucker-Touren für jedermann an. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/sternegucken-in-der-atacama-wueste-astronom-alain-maury-a-972013.html
Was bitte ist denn nun schon wieder ein 'Weltklasse-Astronom'? Und was wird aus so einem, wenn er seine aktive Berufsumlaufbahn beendet? Ein 'Weltklasse-Rentner'? Fragt sich ernsthaft der Weltklasse-User jot-we.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.