Stormwatching in Australien Der Blitze-Knipser

Für das perfekte Gewitter würde er seine eigene Hochzeit verschieben: Mike O'Neill verbringt jede freie Stunde mit der Jagd nach den spektakulärsten Blitz-Fotos. Keiner in seiner Heimatstadt Darwin nimmt die Passion für Naturgewalten so ernst wie er.

Aus dem Northern Territory, Australien, berichtet


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Northern Territory: Der Blitzjäger von Darwin
Heavy Metal muss es sein. Oder Roy Orbison. Wenn Mike O'Neill auf Jagd geht, entscheidet nicht seine Stimmung über die Musikauswahl im Auto - es ist das Wetter. "Wenn es richtig kracht, wenn Donner und Wind alles übertönen, dann brauche ich Gitarren, bis zum Anschlag aufgedreht", sagt er.

Aber wozu dann noch Roy Orbison?

"Das ist wie die Zigarette danach. Wenn alles vorbei ist. Wenn ich alles im Kasten habe."

Mike O'Neill ist passionierter Stormchaser, ein Sturmjäger. Der Australier nutzt für die Suche nach tobenden Gewitterzellen jede freie Stunde. Oft auch die unfreien. Die meisten Bewohner Darwins würden ihren Samstag mit der Familie verbringen, mit einem Ausflug, Einkaufen oder Autowaschen. Doch als Mike heute Morgen die Wetterseiten im Internet kontrollierte, sah er Regenbänder auf dem Radar. Gleich mehrere, dicht aneinander und tiefblau.

Nach dem Frühstück eilte er los, raus aus der Stadt, in die Regenzone. Seine Frau Nathalie sei Abgänge wie diese gewohnt, sagt Mike, "sie toleriert es".

Andere Menschen nimmt er selten mit auf Jagd, es ist ein einsames Hobby. "Stormchaser sind egoistisch", gibt er zu. Auch könnte er kaum die Verantwortung übernehmen, falls es doch einmal gefährlich wird. Passiert sei noch nie etwas: "Ich hab schon Hunderte Gewitter verfolgt, Tausende Fotos gemacht. Und ich lebe noch."

Blackout bis ins Landesinnere

Die tropischen Gewitter an der Nordspitze Australiens sind heftig. Erst Ende Januar legte ein Blitzeinschlag das gesamte Stromnetz von der Küste bis 300 Kilometer ins Landesinnere lahm. Es ist kühn, mitten in eine Gewitterzelle zu steuern, das Auto zu verlassen und auf weiter Flur am Fotoapparat zu fummeln. Doch in diesen Momenten zählt für Mike nur die Chance auf das Foto. Das perfekte Foto im perfekten Moment von dem perfekten Blitz.

Alles, was er dafür braucht, sind Auto, Kamera, Laptop, Sonnenbrille und eine Pepsi. Für den Gewitterlaien scheint es ein untypischer Tag, um auf Jagd zu gehen: Darwin glüht bei 38 Grad Celsius, abgesehen von ein paar Federwolken ist der Himmel blau. "Keine Sorge, sie sind da", sagt Mike und meint die Blitze, "ein paar Kilometer weiter draußen." Woher er das weiß? "Erfahrung", sagt er und klingt dabei ein wenig beleidigt.

Während der Fahrt über den Highway stellt er das Radio an, sucht eine unbelegte Frequenz. Zwischen das übliche Rauschen mischt sich plötzlich ein hartes, sekundenkurzes Brummen. Krrr, macht es, kurz danach noch einmal. Krrr, Krrr. "Blitze", sagt Mike triumphierend, alles Blitze, die die Atmosphäre stören und sich versenden.

Der Sturmjäger folgt dem Highway, eine halbe Stunde, eine Stunde. Die Wolken werden dichter, die Hitze drückender. "Da ist ein Gewitter", sagt Mike und deutet nach Norden, "und gleich nebenan ist noch eines." Er sehe es an den Wolken, erklärt er. Wenn sie sich an einer Stelle zusammenballen, anheben und zu einer Kuppel auftürmen, dann steigt der Druck und damit die Wahrscheinlichkeit für Blitze.

"Bang, bang, bang, bang!"

Vor einer weitläufigen Ebene, den Wetlands, hält er an, steigt aus und baut die Kamera auf. Der Platz scheint ideal für ein Gewitterpanorama, abgesehen von den Bäumen. "Ich hasse Bäume", sagt Mike, "sie stehen immer im Weg. Manchmal würde ich sie am liebsten mit einer Kettensäge bearbeiten."

Es nieselt, vom Horizont nähert sich ein Wolkenband, mit tiefblauen Gardinen aus Regen. "Come on, come on, come on!", murmelt Mike. Ein warmer, feuchter Wind weht über die Wiesen, Mike erstarrt, blickt reglos gen Himmel. 20 Minuten vergehen, nichts passiert. Gerade will er die Kamera wieder einpacken, da blitzt es. "Verdammt!", flucht er.

Stormchaser fangen Blitze mit einem sogenannten Trigger ein, der bei Lichtreiz automatisch den Auslöser der Kamera aktiviert. Ein Sekundenblitz wie der jäh verpasste genügt nicht - er muss auf- und zurückprallen, also mehrere Male hin- und herspringen, bis ihn der Trigger registriert. Einmal habe er einen Blitz 14-mal am Stück zucken sehen, erzählt Mike hektisch, "es war unglaublich - bang, bang, bang, bang!"

Von einer solchen Energieentladung kann Mike im Moment nur träumen. Ein tiefes Grummeln schiebt sich über die Ebene. Klick klick klick klick, macht der Trigger. Alles Blitze, zwischen den Wolken, allerdings nicht sichtbar, auch nicht auf den Fotos.

Geruch von verbrannter Luft

Mike erwägt einen Ortswechsel. Im Auto klappt er seinen Laptop auf und studiert den Regenradar. "Zu viele Optionen", murmelt er. Fährt er zurück an die Küste, wo sich gerade viele Wolken ballen, könnte sich das nahe Gewitter zu einem prachtvollen Unwetter entwickeln. Ein anderes Wolkenband ist mehr als 200 Kilometer entfernt - bis er dort angekommen ist, könnte es sich bereits wieder aufgelöst haben. Also wird gewartet. Und gehofft.

Eigentlich arbeitet der Australier in der Druckerei der ansässigen Regionalzeitung. Während der Regenzeit im Northern Territory, wenn die Segelboote eingeholt, die Nationalparks geschlossen, viele Straßen überschwemmt sind, geht für Mike die Jagd los. Fotos seiner Streifzüge stellt er auf seiner Internetseite aus oder verkauft sie an Tourenveranstalter, für ihre Broschüren.

Unwetter sind in Mikes Heimatstadt dauerpräsent. Seit Zyklon "Tracy" Darwin 1974 nahezu komplett zerstörte, nur wenige hundert Gebäude stehen ließ und Zehntausende Menschen in Qantas-Jets ausgeflogen werden mussten, sind die meisten Häuser der Stadt mit Schutzräumen ausgestattet. "Tracy" hat sich glücklicherweise nicht wiederholt: Heute ziehen die vielen spektakulären, aber meist harmlosen Unwetter in der "Wet" Hobbyfotografen an, Einheimische treffen sich häufig mit einem kühlen Bier auf dem Balkon zum kollektiven stormwatching.

Doch keiner nimmt die Sache so ernst wie Mike O' Neill.

Er will nicht auf das Unwetter warten. Er fährt ihm entgegen, seit sechs Jahren. Angefangen hat alles mit einem Bildband des Landschaftsfotografen Peter Javer und ersten Fotoexperimenten mit einer kleinen Digitalkamera im Vorgarten. Inzwischen treibt Mike die "Sucht nach dem Adrenalinrausch", wie er sagt, und die Magie des Jagdgefühls, dem unterschwellig pulsierenden Bewusstsein von Gefahr. Manchmal, erzählt er, rieche es mitten unter einem Gewitter nach verbrannter Luft.

56 Blitze in 20 Minuten

Wie im April 2009, um 1.20 Uhr, als er auf dem Rückweg von der Nachtschicht auf ein unerwartetes Gewitter traf. Über dem Ozean hatten sich die Wolken konzentriert, ganze Salven von Blitzen ließen das Küstenpanorama in taghellem Licht auflodern. Mike fotografierte 56 Blitze in 20 Minuten, wie im Wahn hielt er drauf, immer wieder. Völlig durchnässt, erschöpft und glücklich zählte er daheim seine Ausbeute: ein Dutzend "Keepers" - so nennt er die gelungensten Bilder zum Archivieren und Verkaufen.

Für ein gigantisches Gewitter, sagt der 48-Jährige, würde er, ohne zu zögern, jeden wichtigen Termin absagen - sogar seine eigene Hochzeit. "Zum Glück bin ich schon verheiratet", fügt er grinsend hinzu.

Das Gewitter über der Ebene an den Wetlands ist abgeklungen, ein "Keeper" war dieses Mal nicht dabei. Die Suche nach dem einen, dem perfekten Foto geht weiter. Eine genaue Vorstellung hat Mike nicht von der alles überstrahlenden Blitzaufnahme, "aber wenn ich sie sehe, weiß ich, dass sie perfekt ist".

Morgen geht es wieder auf den Highway, nach Katherine, ins Landesinnere. Dort soll es ein Gewitter geben.



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