Strände von Goa Rückzug aus dem Paradies

Wirtschaftskrise, Terrorangst, Sorge vor einem Krieg mit Pakistan: Der Tourismus in Indien bricht drastisch ein. Die Strände von Goa sind leer, bis ins neue Jahr hinein sind nun auch die legendären Strandpartys gestrichen. Das einstige Hippie-Paradies wird zur Urlauber-Einöde.

Aus Patnem, Goa, berichtet


Patnem - Wenigstens die Hunde haben es jetzt gut. Die Köter von Patnem, einem kleinen Strand im Süden von Goa, sehen wohlgenährt aus, besser als sonst. All den Fisch, das Fleisch, das eigentlich gut gewürzt auf den Tellern von Touristen angerichtet werden sollte, bekommen nun die Hunde. Der Duft von gegrilltem Kingfish weht über den Strand, ein Kellner hebt ihn von der Holzkohle und packt ihn in Alufolie ein. "Wir hatten gehofft, dass sich jemand vom Geruch überzeugen lässt und ihn bestellt", sagt Yashpal. "Jetzt kriegen ihn doch die Hunde. Es ist zum Verzweifeln."

Yashpal arbeitet erst seit einem Monat in Goa, er stammt aus einem Dorf in Himachal Pradesh, im Norden Indiens. Dort ist es jetzt eisig kalt, Reisesaison ist in dieser Region im Sommer. Deshalb hat sich der 25-Jährige für den Winter einen Job in Goa gesucht, in einem der Restaurants, die sich am Strand vor den Kokospalmen reihen, Blick nach Westen, wo die Sonne im Indischen Ozean versinkt.

"Meine Kollegen sagen, normalerweise könnte man hier von mittags bis spät in die Nacht keine drei Minuten Pause machen, so viele Urlauber gibt es hier." Er blickt sich um: Die Tische seines Restaurants sind leer - und die der benachbarten Häuser auch. "Viel Geld werden wir diesen Winter nicht verdienen", sagt er.

Dabei ist der Winter die Hauptsaison in Goa, vor allem zwischen Weihnachten und Silvester tummeln sich hier üblicherweise Tausende von Menschen. Nach Angaben des Tourismusministeriums in Delhi kommen jährlich mehr als 2,5 Millionen Menschen nach Goa, dem kleinsten der indischen Bundesstaaten, davon allein 400.000 aus dem Ausland.

Goa ist besonders bei Briten und Israelis beliebt

In den sechziger Jahren entdeckten Hippies aus aller Welt Goa als idealen Ort, um freie Liebe unter Palmen zu praktizieren. Heute sind noch ein paar Alt- und Neo-Hippies anzutreffen, inzwischen aber viele Paare und Familien, die den kalten Tagen in Europa entkommen und lieber ein sonniges Weihnachten feiern wollen.

In diesem Jahr ist alles anders. "Wir spüren die Folgen der Terroranschläge von Mumbai", sagt Nandini, der ein Gasthaus im Örtchen Talpona betreibt. In der gut 600 Kilometer nördlich von Goa gelegenen Metropole ermordete eine Gruppe von zehn Terroristen mindestens 172 Menschen, darunter 26 Ausländer. Die Attentäter, allen Erkenntnissen nach Islamisten, hatten es dabei vor allem auf US-Amerikaner, Briten und Juden abgesehen.

Gerade bei Briten und Israelis aber ist Goa als Reiseziel besonders beliebt. "Klar, dass die nun nicht mehr kommen", sagt Kellner Yashpal. "Wir haben so gut wie gar keine Restaurantbesucher, und unsere fünf Gästezimmer sind leer", sagt auch Gastronom Nandini. "Alle Buchungen, die wir hatten, sind storniert worden." Nandini, der aus Nepal stammt und wie die meisten Menschen in Goa nur während der Hauptsaison als Gastronom arbeitet, hat jetzt die Preise gesenkt: Für eine Übernachtung verlangt er jetzt nur noch 500 Rupien, umgerechnet etwa 7,50 Euro, ein Drittel des zu dieser Zeit üblichen Preises. "Aber selbst wenn wir gar kein Geld nehmen, würde uns das nichts nützen - es gibt einfach keine Touristen."

Wie Nandini haben nicht nur viele Hotelbetreiber, sondern auch Fluggesellschaften reagiert: Preise für Tickets innerhalb Indiens sind um mehr als 15 Prozent gesunken - dennoch sind die Flugzeuge selbst auf derzeit normalerweise ausgebuchten Strecken wie von Neu-Delhi oder Mumbai nach Goa kaum voll. Das inländische Passagieraufkommen liegt ersten Zahlen zufolge im Dezember um 30 Prozent unter dem des Vorjahresmonats. Flugverkehrsminister Praful Patel fordert deshalb und wegen des gesunkenen Ölpreises weitere Preissenkungen.

Ruiniertes Image

Der Ruf von Goa hat in den vergangenen Monaten aber auch aus anderen Gründen gelitten: Über die Vergewaltigung und Ermordung eines britischen Mädchens im Februar wurde in der britischen Presse ausführlich berichtet. Und der Sohn des Erziehungsministers von Goa soll im Oktober eine 14-Jährige aus Deutschland missbraucht haben. Er selbst sieht darin eine Kampagne der politischen Gegner seines Vaters, um "den guten Namen meiner Familie zu beschmutzen", und weist alle Vorwürfe von sich.

"Solche Geschichten haben das Image von Goa als sicheres Reiseziel ruiniert", sagt Richard Gaywood. "Dabei ist es gerade erst gelungen, den Ruf von Goa als Hippie- und Drogenhochburg halbwegs loszuwerden." Der Londoner betreibt seit zehn Jahren gemeinsam mit seiner Frau Julia das Gasthaus Home. "Diese Fälle, die weltweite Wirtschaftskrise, die vor ein paar Wochen noch sehr hohen Flugpreise und nun auch noch der Terror von Mumbai machen der Branche erheblich zu schaffen", sagt er.

Nachrichten über die Forderung von Hardlinern in der indischen Regierung, auf den Terror von Mumbai mit Militärschlägen gegen Pakistan zu reagieren, sorgen für weitere Verunsicherung. "Klar, dass sich in dieser Situation immer mehr Menschen überlegen, ob sie wirklich Urlaub in Indien machen wollen", sagt Gaywood. "Dabei hatten wir uns gerade vom Tsunami im Dezember 2004 erholt." Obwohl die Küste von Goa im Westen Indiens vom Tsunami nicht betroffen war, blieben damals die Besucher aus.

Im gesamten Land ist der Tourismus ausgerechnet in der Hauptsaison eingebrochen: Hotels, Gasthäuser und Pensionen in Rajasthan, Kerala oder in Himachal Pradesh melden Umsatzrückgänge. Indien hat in den vergangenen Jahren Milliarden von Rupien investiert, hat neue Flughäfen gebaut, private Fluggesellschaften als Konkurrenz zu den staatlichen zugelassen, aus Holperwegen Straßen gemacht und dafür gesorgt, dass zumindest bei Touristen attraktive Städte ein halbwegs sauberes Bild abgeben.

Rund 50 Millionen Menschen arbeiten in Indien in der Tourismusbranche. "Die jetzige Lage ist eine Katastrophe für uns", sagt ein hochrangiger Beamter im indischen Tourismusministerium. "Das mühsam erarbeitete Bild vom attraktiven Reiseland Indien ist von ein paar Terroristen innerhalb weniger Stunden zerstört worden."

Patrouille auf Surfbrettern

Aus Angst vor Terroranschlägen hat die Regierung von Goa nun für die Zeit vom 23. Dezember bis zum 5. Januar Strandpartys untersagt. Es bestehe die Gefahr, dass Terroristen Goa von der Küste aus angreifen würden, sagt der Regierungschef des Bundeslandes Digamber Kamat. Hubschrauber der indischen Marine patrouillieren nun die Küste entlang, das Heer hat 25 Einzelkämpfer auf Surfbrettern geschickt. Gegen schwerbewaffnete Terroristen werden sie wohl kaum etwas ausrichten können, aber immerhin sorgt ihr Auftauchen an den Stränden für das Gefühl, dass etwas unternommen wird.

Die Gastronomen wollen trotzdem feiern. In Nord-Goa haben einige nun Zelte ein paar Meter vom Strand entfernt aufgebaut, dort sollen nun die Weihnachts- und Silvesterpartys steigen. "Der Ort der Feier ist damit nicht der Strand", sagt ein Hotelier. "Dass unsere Gäste womöglich den Strand betreten, können und wollen wir nicht verhindern."

Am Strand von Patnem haben Sicherheitskräfte einen Schießstand aus Sandsäcken aufgebaut. Aber niemand überwacht den Strand, die weiße mannshohe Wand steht verwaist da. Nachdem sie errichtet worden war, zogen die Soldaten wieder ab. Es fehlt an Personal.

Im Schatten dieser Wand liegen nun die Hunde von Patnem. Bei 35 Grad Celsius ist das immerhin ein ganz gemütliches Plätzchen.

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