Strandkünstler Andres Amador Der Sandmann von San Francisco

Andres Amador verwandelt Strände in Kunstwerke. Die Muster, die er in den Sand harkt, hat das Meer innerhalb weniger Stunden wieder weggespült. Für den US-Amerikaner ist seine "Beach Art" trotzdem von Dauer - und Sinnbild eines Lebensprinzips.

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Edward Saenz / Andres Amador

Das Meer hat seinen eigenen Terminkalender, und der nimmt auf Andres Amador keine Rücksicht. Wenn der Künstler arbeiten möchte, muss er sich nach den Gezeiten richten. Seine Leinwand ist der Strand: Bei Flut steht sie unter Wasser, zu trocken darf der Sand bei Ebbe aber auch nicht sein. Sonst fehlt den Mustern, die er mit der Harke zieht, der Kontrast.

Vor zehn Jahren hat der 42 Jahre alte Kalifornier angefangen mit der Strandkunst, und noch immer überrascht ihn die Natur. "Ich bin jedes Mal nervös, wenn ich aus dem Auto steige", sagt er. Wie der Sand wohl aussieht. Welche Spuren der Wind hinterlassen hat. Ob ihm gelingen wird, was er sich vorgenommen hat. Manchmal kommen die Wellen eher zurück und zerstören früher als erwartet, was ohnehin nur von kurzer Lebensdauer ist. Und immer wenn das Meer den Strand wieder freigibt, sieht es aus, als wäre Amador nie dort gewesen.

Seine "Playa Paintings" erinnern mit ihren Ausmaßen an die rätselhaften Kornkreise, die immer wieder überall auf der Welt für Furore sorgen. Fasziniert von ihnen, begann er vor einigen Jahren, sich mit antiker Geometrie, Formen und Symbolen zu befassen. Erst auf dem Papier und seit 2004 auch auf Sand. Mehr als 9000 Quadratmeter umfasste sein bislang größtes Werk, sagt er - ein Fußballfeld ist kleiner.

Zwei Stunden plant er für ein Sandgemälde etwa ein. Oft ist er noch vor Sonnenaufgang am Strand, um den richtigen Zeitpunkt zwischen Ebbe und Flut nicht zu verpassen. Meist an der Bucht von San Francisco, seiner Heimat, oder ein paar Stunden weiter an der kalifornischen Küste.

Mexiko, Hawaii und die Bermudas

Die neben ihm am Strand stehen, können meist nicht fassen, was der Mann mit Harke da treibt, barfuß, die dunkle Mähne vom Wind zerzaust. "Das ist zu groß für sie", sagt Amador. Um die ineinandergreifenden Kreise, die psychedelischen Wirbel, die sich zur Wasserlinie schlängelnden Blumen sehen zu können, braucht es Höhe: eine Klippe, ein Flugzeug - oder eines der Fotos, die Amador nach getaner Arbeit mit Kamera und Drohne aufnimmt.

Er war schon in Mexiko, auf Hawaii, in Frankreich und auf den Kanalinseln, nach Sylt wurde er eingeladen, vielleicht geht es in diesem Jahr nach Ägypten und auf die Bermudas. "Jeder Strand ist anders, jeden Tag", sagt er. Der Wind türmt den Sand auf und trägt ihn wieder ab, die Flut bedeckt mal mehr, mal weniger Land. Am liebsten sind ihm flache, nicht zu grobkörnige Strände mit Felsen, Höhlen und Tümpeln - Elemente, die er in seine Entwürfe einbindet.

"Ich gehe vor wie die Biene bei einer Wabe", sagt Amador. "Sie lässt die Struktur wachsen, indem sie erst eine kleine Form baut und dann die nächste - sie denkt nur an das, was sie gerade vor sich hat." Schritt für Schritt, Linie für Linie. "Aber am Ende bin ich richtig erschöpft."

Viele verstehen den Sinn nicht. Wozu sich stundenlang abmühen, wenn am Ende nichts bleibt? "Es gibt immer viele Fragen zum Warum", sagt Amador. "Die Menschen finden das, was ich tue, mysteriös. Aber sie fühlen sich auch inspiriert und spüren Frieden. Die Zeitweiligkeit birgt auch eine spirituelle Seite."

Er wirkt zufrieden - doch das war nicht immer so

Er selbst hätte nie gedacht, dass er jemals so etwas macht, sagt der frühere Umweltwissenschaften-Student, der zuletzt als Computerspezialist arbeitete. Er sei eher rational. "Es hat mich viel Zeit gekostet, den Luxus anzunehmen, den diese Art von Kunst mit sich bringt. Ich weiß nicht, ob sie einen Nutzen hat. Aber ich erlaube mir jetzt einfach, auch Dinge zu erkunden, die nicht unbedingt nützlich sind."

Wenn man ihm zuhört, wie er mit tiefer Stimme, ruhig und überlegt von seiner Arbeit erzählt, wenn man sieht, wie er, von Kameras aufgezeichnet, konzentriert am Strand arbeitet, wirkt er wie ein zufriedener Mann - wie jemand, der im Frieden mit sich und der Welt lebt. Das war nicht immer so.

Zwar brachte ihm ein Strandbild für einen 70. Geburtstag schon 2007 Geld ein, "ein paar hundert Dollar", doch dass er auf längere Sicht seine Familie so würde ernähren können, ist erst seit Kurzem vorstellbar. Gerade rechtzeitig: Amadors Freundin erwartet das erste gemeinsame Kind.

Bis jetzt lebte das Paar den Sommer über in einem großen Zelt auf einer Farm bei San Francisco, den Winter verbrachte es zuletzt in einem Mini-Trailer in Mexiko. Jetzt soll ihr Zuhause etwas stabiler werden. "Wir haben keine großen Ansprüche", sagt Amador. Trotzdem wurde ihm beim Gedanken an die Zukunft manchmal mulmig. "Ich hatte Angst, dass es einfach keinen Platz gibt für das, was ich mache." Dann änderte sich alles.

Heiratsanträge, Geburtstagsfeiern und ein Werbespot

Die Internetseite "Viral Nova" veröffentlichte einen Artikel über ihn, die Zahl seiner Facebook-Likes verfünffachte sich in einer Nacht. Heute liegt sie bei mehr als 190.000. Amador arbeitet nun Vollzeit am Strand.

Er harkt für Heiratsanträge, auf Geburtstagen und Trauerfeiern, gibt Workshops und plant Touren. Das bislang höchste Honorar, 10.000 Dollar, bekam er für einen Werbespot. Demnächst stellt er vielleicht einen Assistenten ein, für administrative Dinge - allerdings nur Teilzeit, denn er möchte niemanden den ganzen Tag ins Büro zwingen. "Die grellen Lichter, die Klimaanlage, all die Menschen, die eigentlich gar nicht da sein wollen" - das alles hat er selbst in schlechter Erinnerung.

Nach dem College in Davis, Kalifornien, und ein paar Jahren beim Friedenskorps in Ecuador arbeitete Amador eine Zeitlang in der IT-Abteilung einer Bank. Das Geld stimmte, deshalb blieb er erst, doch irgendwann wusste er: "Ich kann das nicht. Es würde meine Seele töten." Also nahm er 1999 eine Auszeit. Dann platzte die Dotcom-Blase - und er hatte mehr Zeit, als ihm zunächst lieb war.

Das alljährliche Burning-Man-Festival in der Wüste von Nevada brachte ihn dann zur Musik und zur Kunst. Er begann Skulpturen herzustellen und Lichtinstallationen für Festivals - bis er schließlich zum Sand fand und zu einer Haltung, die längst auch sein Leben abseits des Strandes bestimmt.

"Die Zeit jetzt ist für mich einfach kostbarer als das, was ich dafür vielleicht irgendwann in der Zukunft bekomme", sagt Amador. Soll das Meer ihm nehmen, was er mit der Harke geschaffen hat. Ihm bleibt der Moment.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
renzodohm 21.05.2014
1. Cool ...
... es gibt fragwürdigere Hobbys. Mich hätte bloß interessiert, wie er es schafft, seine Papierentwürfe so ebenmäßig umzusetzen, ohne bei der Arbeit wirklichen Überblick zu haben. Setzt er Markierungen mit Maßband und Seil?
rgsf 21.05.2014
2. Sehr wenig von dem was Menschen tun
ist für die Ewigkeit. Er hat das besser verstanden als Viele...
Tiananmen 21.05.2014
3.
Schade, ich konnte *keinen Bildband* von Andres Amador im "heimischen" Online-Shop entdecken. Endlich einmal Kunst, wie ich sie liebe: schwankend zwischen Zufälligkeit und Vergänglichkeit die Welt aus einem anderen Blickwinkel zeigend. Großartig. Ich bewundere seit Jahren die alten chinesischen Männer, die mit ihren großen Pinseln und Plastik-Wassereimern Gedichte auf dem heißen Pflaster, z.B. im Ritan-Park in Peking kalligraphieren. Manchmal ist der Vers noch nicht zu Ende geschrieben, wenn die Sonne schon beginnt, den Anfang zu trocknen. Für mich die schönste Art von Kunst: absolute Beherrschung der Form (Schrift) gepaart mit absoluter Vergänglichkeit.
gbpa005 21.05.2014
4. Atemberaubend!
Das ist unglaublich schön. Faszinierend, wie gleichmäßig er die Formen hinbekommt. Schließlich arbeitet er aus Ameisenperspektive und von oben ergibt sich dann so ein kohärentes Bild. Wirklich klasse!
peer1210 21.05.2014
5. Cornwall
Die gleiche Kunst macht auch Tony Plant in Cornwall (England). Da gibt es großartige Videos dazu. Einfach mal googeln.
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