Straßenkünstler in Cambridge Mit Puppen gegen Uncle Scam

Blue lebt auf der Straße. Blue sieht aus wie Räuber Hotzenplotz. Und Blue führt die Tradition seiner Familie als Prediger weiter – nur auf seine Art: im Blue Puppet Theatre, Mittwoch bis Samstag, im Zentrum von Cambridge/Massachusetts.

Von Henryk M. Broder


Auf den ersten Blick sieht Blue wie eine jüngere Ausgabe von Räuber Hotzenplotz aus. Nur schlanker und eleganter. Ein großer Hut deckt die Augen ab, der zottelige Bart und die langen Haare sind frisch gewaschen, der rote Pullover ist zwei Nummern zu groß und in einem irreparablen Zustand. Darunter trägt Blue zwei Hosen übereinander, die Füße stecken in weißen Turnschuhen.

Blue steht vor dem Schaufenster eines GAP-Ladens in der Brattle Street, im Zentrum von Cambridge. Es sieht aus, als würde er betteln, aber der Eindruck täuscht. Blue ist ein "Busker", ein Straßenkünstler, Intendant des "Blue Puppet Theatre". Sein Hauptdarsteller heißt "Uncle Scam" (Onkel Schwindler) und soll George W. Bush verkörpern.

Blue schaut auf die Uhr, es ist kurz vor 13 Uhr, und sagt: "It's time again." Dann stellt er sich hinter "Uncle Scam" und fängt an zu singen:
"Buy a bomb for Jesus
do it today
Buy a bomb for Allah
it's okay
The infidels are comin'
comin' soon
Buy a bomb for your god
Boom, boom, boom."
Blue hat eine schöne, volle Stimme. Die Leute bleiben stehen, hören ihm zu und legen Kleingeld und Ein-Dollar-Noten in einen Kasten zu Füßen von Uncle Scam.

Eltern besitzen fünf Häuser an der Küste

"Amerikaner für Wahrheit, Gerechtigkeit und den American Way of Life!" ruft Blue und macht wieder eine längere Pause. Er holt bei "au bon pain" nebenan Cherry Strudel und Kaffee, dreht sich eine Zigarette und fängt an zu erzählen.

"Meine Vorfahren sind mit der Mayflower ins Land gekommen, mein Großvater war Prediger, mein Vater wurde es auch. Nachdem er sich mit dem Vorstand seiner Gemeinde verkracht hatte, machte er eine eigene Kirche auf." Blue hat vier Brüder, alle haben was Ordentliches gelernt, bis auf ihn. Er studierte Theatre Art am Bridgewater College.

Dann stieg er aus. Seit über 30 Jahren lebt er auf der Straße, aber "gehungert oder im Freien geschlafen" hat er noch nie. Fast jede Kirche betreibt eine Armenküche, und Blue kennt einige Hausmeister, die ihn in Garagen oder Bürogebäuden übernachten lassen. Und wenn es mal wirklich kalt wird, fährt er zu seinen Eltern, die an der Küste im Süden von Boston wohnen und fünf Häuser besitzen. "Da ist immer irgendwo was frei. Das ist mein Back-up-System."

"Noch zwei Jahre, dann haben wir es geschafft"

Blue arbeitet mit seinem Puppet Theatre von Mittwoch bis Sonntag vor dem GAP-Laden in der Brattle Street. Er fängt um 12 Uhr an und hört bei Anbruch der Dunkelheit auf. Am Montag und Dienstag kümmert er sich um seine Eltern und hilft seiner Mutter, die ein "Shelter" für Obdachlose führt. Sein Leben ist geregelt und dabei macht er nur das, was er machen will. Mit dem Puppet Theatre verdient er ein paar tausend Dollar im Jahr, die er nicht versteuern muss, und weil er kaum etwas braucht, kommt er gut über die Runden.

"I love America. It's a great country!" Nur Bush kann er nicht ausstehen, weil er das Land in einen Krieg geführt hat. "Noch zwei Jahre, dann haben wir es geschafft."

Es ist kurz vor 14 Uhr, Zeit für den nächsten Auftritt. "Every hour on the hour", sagt Blue, trinkt den Kaffee aus und entsorgt den Becher im Abfalleimer. Dann stellt er sich wieder hinter "Uncle Scam" und singt: "Buy a bomb for Jesus, do it today..."

The show must go on.



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