Street Art in Beirut Graffiti für eine bessere Welt

An der Wand steht, was die junge Generation im Libanon bewegt: In Beirut hat sich eine höchst lebendige Graffiti-Szene entwickelt. Einige Künstler sprühen ganz offiziell mit schriftlicher Erlaubnis der Regierung - andere handeln sich mit politischer Protestkunst immer wieder Ärger ein.

Moritz Piehler

Phantasiewesen mit riesigen Augen, bewaffnete Soldaten, verschnörkelte Schriftzüge: Wenn man in Beirut von der Corniche, dem Meeresboulevard, die schmalen Gassen Richtung In-Viertel Hamra hinaufspaziert, landet man unvermittelt in Beiruts größter Open-Air-Galerie. Direkt unterhalb der Rue Bliss, an der die berühmte American University liegt, ist ein kompletter Straßenzug mit Graffiti verziert. Zwischen überwucherten Häusern und geschäftigen Baustellen schmücken die Wände durch Schablonen vervielfältigte Stencils, Gespraytes und Aufkleber.

Willkommen im Zentrum der arabischen Street-Art-Szene. Während 2011 im Nachbarland Syrien die Verhaftung zweier Teenager für ein politisches Graffito der Auslöser für Großdemonstrationen war, die letztlich bis zum Bürgerkrieg führten, scheint in Beirut in Sachen Street Art zunächst alles möglich zu sein. So finden sich an den Mauern der Stadt politische Botschaften und Geschlechterkampf-Thematiken, Kunstkritisches und Albernheiten. Im Wesentlichen beschränkt sich der besprühte, beklebte und bemalte Raum auf Hamra, das Studentenviertel. Wer dort die Augen offenhält, findet an fast jeder Straßenecke ein Kunstwerk.

Häufig sieht man dort ein zischelndes gespraytes Streichholz, das Markenzeichen von Kabrit. Der heißt eigentlich Raul, ein Mann mit jungenhaftem Gesicht, das er mit einem kleinen Bärtchen zu kaschieren versucht. "Kabrit bedeutet Streichholz", sagt der 18-Jährige, der schon seit sechs Jahren Teil der Szene ist. "Früher war ich ein bisschen pyromanisch veranlagt, da hat mein Vater mich immer so genannt. Seitdem ist es mein Künstlername."

Er kennt die wachsende Szene der Stadt in- und auswendig, besonders inspirierend findet er den häufigen Austausch mit ausländischen Künstlern: "Die Szene ist auch in Beirut sehr international. Franzosen, Deutsche, vor kurzem hatten wir ein englisches Pärchen zu Gast. Die Frau hat tolle Stencils gemacht, der Mann Old-school-Graffiti. Das war eine spannende Mischung."

Vom Sprayer zum Kunststudenten

Kabrit ist Mitglied der beiden großen Beiruter Crews REK (Red Eye Kamikaze) und ACK (ArtCore Krew). "Es gibt zwischen uns eine Art freundschaftlichen Wettbewerb", sagt er. Die Graffiti-Lokalgrößen Fish und Phat nahmen den damals Zwölfjährigen mit offenen Armen auf, als sie seine ersten Sprayversuche sahen. "Das war schon toll für mich damals, als kleiner Junge plötzlich mit diesen Legenden zu arbeiten", erinnert sich Kabrit.

Diese Sprayer-Kollektive suchen nicht den Skandal, wollen nicht primär schocken oder gegen Autoritäten protestieren: Alles, was mit Politik und Religion zu tun hat, ist tabu. Wohl auch deshalb ist ihre Kunst weitestgehend akzeptiert, so dass die Werke nicht wie in den meisten anderen Ländern heimlich und nachts entstehen. Inzwischen stellte die Regierung den beiden Crews offizielle Erlaubnisscheine aus, mit denen sie auf bestimmten Flächen arbeiten dürfen.

Kabrit hat auch schon diverse kommerzielle Aufträge angenommen, gerade bereitet er seine Mappe für die Aufnahmeprüfungen an den Kunstunis vor, um Grafikdesign zu studieren. Seine Graffiti sind häufig von arabischer Kalligrafie inspiriert. Die Beschäftigung mit Schrift liegt in der Familie, denn Großvater und Vater waren beide Kalligrafen.

Libanon wäre besser wenn…

Bei anderen Künstlern steht weniger die Ästhetik, sondern vor allem die Aussage im Vordergrund. Besonders auffällig ist das interaktive Kunstprojekt "Lebanon would be better if...", das Spaziergängern in Form eines riesigen Fragebogens die Möglichkeit gibt, ihre Vorstellung von einem besseren Libanon zu verewigen. Veröffentlicht werden die Einträge dann auf der Homepage des Projekts.

Mindestens ebenso häufig begegnen einem auch die Gesichter von Märtyrern, die in den Kriegen gegen Israel ums Leben gekommen sind. Bis vor ein paar Jahren waren die meisten Graffiti entweder israelfeindlich oder Hisbollah-Propaganda, doch mittlerweile ist das Spektrum größer geworden, auch Humor ist weit verbreitet. Im weit geöffneten Mund einer Comicfigur in Zwangsjacke steht da zum Beispiel in verschnörkelten Buchstaben: "Das Gesundheitsministerium warnt: Denken kann zu lebensgefährlichen Krankheiten führen!"

Der Künstler Zest de Citron gehört zu dieser neuen Generation, für die Street Art mehr Kunstform als Lebenseinstellung ist. Der Endzwanziger trägt hippe Klamotten, modischen Vollbart. Seit er vor zwei Jahren von einem längeren Europaaufenthalt zurückkam, gestaltet er die Straßen Beiruts mit seinen Bildern, längst stellt er seine Kunst auch in Galerien aus. "Früher gab es fast nur Tags und durch den Bürgerkrieg eine Art Selbstzensur bei kritischen Themen. In letzter Zeit findet man auf den Straßen immer mehr Street Art mit Botschaften zu Öko-Themen oder auch dem Verhältnis zwischen Politik und Religion", beschreibt Zest die Veränderung der Szene.

Vor kurzem wurde ein Sprayer verhaftet, nachdem er ein kritisches Werk zur Polizei im Libanon gemacht hatte. Normalerweise bekommen die Künstler keine Probleme: "Die meisten der Sicherheitsleute kennt man, schenkt ihnen ein paar Zigaretten oder auch Geld. Damit sind auch wir Teil des korrupten Systems hier", sagt Zest. Oft helfe ihm die Kunst dabei, der eigenen Meinung eine andere Dimension zu verleihen: "Street Art hat die Möglichkeit, einen Gedanken, ein Lächeln oder Angst auszulösen und ein Gespräch unter Passanten anzuregen."

Bei heiklen Themen bleibt das nicht immer folgenlos. Das zeigt ein Beispiel zweier junger Street-Art-Künstler, die in Beirut Kritik am syrischen Regime äußerten. 2012 wurden sie festgenommen, weil sie damit "die Sicherheit Libanons gefährdeten", wie es im Polizeibericht hieß.



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