"Streets of the World" von Jeroen Swolfs "Hoffnung, Hilfe, Überlebenswillen"

195 Hauptstädte, 195 Fotos - jahrelang war der niederländische Fotograf Jeroen Swolfs unterwegs, um Straßenszenen einzufangen. Seine Botschaft: Schaut auf die schönen Seiten dieser Welt.

Jeroen Swolfs

Ein Interview von


Zur Person
  • Pepijn Vanthoor
    Jeroen Swolfs, 43, aus Amsterdam ist Fotojournalist. Sein Projekt "Streets of the World" zeigt jeweils ein Foto pro Hauptstadt - insgesamt 195. Zu sehen sind die Bilder bis zum 1. April 2018 in Zaandam bei Amsterdam und bis zum 17. September 2017 in Kopenhagen. Geplant ist eine Ausstellung in Berlin.
  • Webseite "Streets of the World"

SPIEGEL ONLINE: Für "Streets of the World" haben Sie keine Sehenswürdigkeiten fotografiert, noch nicht einmal bekannte Straßen. Was wollen Sie zeigen?

Swolfs: In den Straßenszenen wollte ich bestimmte universelle Themen einfangen, die man trotz der kulturellen Unterschiede auf der ganzen Welt wiederfindet - so wie Freundschaft, Liebe. Außerdem wie die Menschen zusammenarbeiten, ihre Freizeit verbringen, mit ihren Kindern umgehen. Auch in den schwierigeren Ländern wie Somalia, Afghanistan oder Irak versuchte ich, Hoffnung, Hilfe, Zusammenhalt oder Überlebenswillen darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: 195 Hauptstädte, 195 Straßen, 195 Fotos - wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Projekt?

Swolfs: Während meiner Arbeit als Fotojournalist realisierte ich: Der Schwerpunkt der Zeitungen liegt meist auf negativen und schockierenden Geschichten. Natürlich ist es wichtig, darüber zu berichten, außerdem verkauft es sich. Wir bekommen aber dadurch ein unausgewogenes Bild der Welt und von uns als Menschen. Daher wollte ich eine Balance herstellen und das zeigen, was uns verbindet, was gut an der Menschheit ist - die positive Seite. Wenn man so will, ist auch dieses Projekt eine einseitige Darstellung der Welt.

Fotostrecke

12  Bilder
Fotograf Jeroen Swolfs: 195 Länder, 195 Straßen

SPIEGEL ONLINE: Wieso wählten Sie das Straßenleben als Motiv?

Swolfs: Straßen sind die Plätze, die wir miteinander teilen, wo wir aufeinandertreffen. Dort kann man alles sehen, was die Menschen machen: die schlechten, aber auch die guten Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nur vier, fünf Tage an einem Ort. Wie finden Sie den idealen Spot für Ihr eines Foto pro Hauptstadt?

Swolfs: Ich bereite mich zwar auf die Länder und die politische Lage dort vor. Ich lege aber nicht fest, wo genau ich das Foto machen will. Wenn ich vor Ort bin, laufe ich im Stadtzentrum herum, frage die Locals, wohin sie gehen, welche Tipps sie mir geben könnten. Überlege, was eine gute Komposition wäre, wie das Licht ist. Zwar weiß ich nie, was die Leute machen, aber irgendetwas machen sie, und dann entscheide ich, welches Thema ich zeigen will - zum Beispiel Familie.

        Mutanabbi-Straße
Jeroen Swolfs

Mutanabbi-Straße

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel? Welcher Ort hat Sie beeindruckt?

Swolfs: Die Mutanabbi-Straße in Bagdad. Die sogenannte Bücherstraße ist Jahrhunderte alt und nach einem irakischen Dichter benannt. 2007 ging eine Autobombe vor einem Teehaus hoch, 26 Menschen starben, nur Ruinen blieben. Die Bewohner haben die Straße zusammen wieder aufgebaut, aus der ganzen Welt wurden Bücher gespendet - ein Signal an die Terroristen, dass sie zwar Häuser zerstören können, aber nicht die Idee der Bücherstraße, die für Entwicklung, Intellekt und Dichtung steht. Der Teehausbesitzer hat bei der Explosion seine vier Söhne und einen Schwiegersohn verloren. Ihm von meinem Projekt zu erzählen, fiel mir schwer - immerhin wollte ich hier Optimismus als Thema nehmen. Er sagte aber: "Ich bin sehr glücklich, dass du meine Straße fotografierst, zeige der Welt die starke Seite Bagdads, des Irak."

SPIEGEL ONLINE: 198 Länder wollten Sie ursprünglich bereisen, drei haben Sie noch nicht geschafft. Wieso nicht?

Swolfs: Eine Freundin arbeitet im Jemen bei Ärzte ohne Grenzen, sie sagte, es sei zurzeit sehr gefährlich dort, auch für ihre Organisation. Ich solle noch warten. In Libyen ist im vergangenen Jahr ein guter Freund von einem Sniper erschossen worden. Ich werde irgendwann dorthin reisen - aber erst mal nicht. Und nach Äquatorialguinea werde ich wohl nie kommen, da ich keine Einreisegenehmigung erhalte. Ich habe sogar mit einem der Prinzen getextet, aber die trauen mir einfach nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch ein fotografisches Konzept?

Swolfs: Von 2006, als ich das erste Foto für dieses Projekt in Chisinau in Moldawien gemacht habe, bis März dieses Jahres in Islamabad habe ich exakt mit der gleichen Technik gearbeitet: Weitwinkel, maximale Tiefenschärfe, Horizont in der Mitte, gleicher Standpunkt auf der Straße. Auch wenn der Inhalt so unterschiedlich ist, sollte die Technik die Fotos verbinden und damit die Menschen. Die Horizonte auf den Bildern passen exakt aneinander.

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SPIEGEL ONLINE: Für die "Streets of the World" haben Sie zwei Jahre länger als geplant gebraucht. Wie war das Unterwegssein?

Swolfs: Ich habe tatsächlich die Folgen dieser Entscheidung für das Projekt unterschätzt. Heute denke ich, wie verrückt das eigentlich war. Während dieser Zeit hat sich vieles in der Welt verändert, viele Orte wurden schwieriger zu bereisen. Das alleine reisen war okay, aber sieben Jahre allein zu sein - das war schwierig. Doch wenn ich die viele Menschen in den Straßen sah, die niemals die Gelegenheit haben würden, so viel unterwegs zu sein, sagte ich mir, wie glücklich ich sein könnte, und fühlte mich verpflichtet, das Projekt zu beenden.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Kamillo 01.09.2017
1.
Grundsätzlich toll, und die gezeigten Bilder hier gefallen auch. Aber gleich beim ersten gezeigten Bild ein Patzer, der einem Bauchschmerzen bereiten sollte. "Swolfs hat alle seine Fotos mit dem gleichen Konzept fotografiert - Horizont in der Mitte, Weitwinkel, große Tiefenschärfe." ----> Der Horizont ist sehr schief! Das sollte einem Profi nicht passieren.
dubap 01.09.2017
2. nicht ganz richtig
spannendes projekt und tolle fotos. aber eine kleine korrektur: das asphaltierte strassennetz von funafuti/tuvalu ist in der tat das kürzeste der welt, es umfasst aber schon etwas mehr als nur die ca. 2k. lange landebahn des flughafens. laut wikipedia sollen - stand 2002 - 8km straße asphaltiert sein. aber auch dies ist nicht korrekt, denn es ist seitdem jedoch weitere kilometer gewachsen. inkl. aller seitenstrassen sind es inzwischen fast 14km.
Papazaca 01.09.2017
3. Ist das Konzept von VIEL (195 Länder) wirklich schlüssig?
Ich bin jetzt mal der Spielverderber, zu mindestens etwas. Mir gefällt es, die Vielfältigkeit der Welt zu zeigen. Aber aus meiner Erfahrung ist es besser, in interessante Länder tiefer einzutauchen. 4,5 Tage für jedes Land ist eher oberflächlich. Wahrscheinlich habe ich auch ein Problem mit dem Vollständigkeitswahn (Messmer: Alle Achttausender bestiegen). Auch die die Idee der Vereinheitlichung per technischer Vorgabe (Horizont in der Mitte, Weitwinkel etc.) ist für mich kein schlüssiges Konzept. Da muß sich das Bild den technischen Vorgaben anpassen und nicht umgekehrt. Und Hauptstädte? Amsterdam ist doch keine Hauptstadt, oder? Oft sind andere Städte interessanter. Aber grundsätzlich ist es eine sehr gute Idee, die Vielfalt unserer Welt positiv zu zeigen. Aber wir wissen ja, irgend jemand hat ja immer was zu meckern. In diesem Fall ich. Okay, insgesamt eine sehr gute Idee mit sicher vielen guten Fotos - wir sehen hier ja nur relativ wenige.
larsi79 01.09.2017
4. @Papazaca
Und was ist dann Ihrer Meinung nach die Hauptstadt der Niederlande?
Papazaca 01.09.2017
5. Erwischt
Zitat von larsi79Und was ist dann Ihrer Meinung nach die Hauptstadt der Niederlande?
Hauptstadt ist Amsterdam, Regierungssitz ist Den Haag. Stimmt, kleiner Irrtum. Aber bei Benin ist Porto Novo die Hauptstadt und nicht Cotonou. Aber ist auch nicht sooo wichtig, oder?
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