Von Linus Geschke
Gegen die schroffe Küste klatschen die Wellen. Auf dem offenen Meer tragen ihre Kämme weiße Kronen. Der Himmel über Kapstadt zeigt schmutziges Grau, durch das nur ab und zu ein Sonnenstrahl dringt. Es ist einer jener Tage, die wie geschaffen sind für ein lauschiges Kaminfeuer und ein gutes Buch - an Tauchen denkt man dabei weniger.
Und so schrumpft die kleine Tauchgruppe, die ursprünglich aus acht Teilnehmern bestehen sollte, schon vor dem Aufbruch: Der Erste kapituliert angesichts des Seegangs, der Zweite beim Blick auf das kleine Schlauchboot, mit dem es aufs Meer hinausgeht.
Den Übriggebliebenen macht Bearnard Campbell bei der anschließenden Besprechung schnell klar, was Sache ist: "Das hier, Ladys and Gentlemen, ist kein Platz für Weicheier, für sonnenverwöhnte Warmwassertaucher", brummt der Tauchguide. "Kein Mensch kommt nach Kapstadt, um sich gemütlich an farbenprächtigen Riffs vorbeitragen zu lassen. Hierhin kommt man, um das wirklich große Zeug zu sehen - das Zeug, das auch beißen kann!"
Dann greift er tief in die Anekdotenkiste und erzählt von vorwitzigen Blauhaien, die schon mal an den Flossen der Taucher knabbern - denn sie hätten ja keine Arme, mit denen sie die fremden Wesen untersuchen könnten. Und der nächste Gast entscheidet sich, den Tag lieber an Land zu verbringen.
Wrackfriedhof am Meeresgrund
Campbell nennt diese Art der Motivation seine "natürliche Auslese". Wer jetzt schon Angst habe, könne unter Wasser beim Anblick eines Hais schnell in Panik geraten - und das ist das Einzige, was dem gebürtigen Schotten Angst macht: "Nicht der Hai bringt den Taucher um. Der Taucher bringt den Taucher um. Solange man entspannt bleibt und sich an die Regeln hält, ist das Tauchen mit Haien eine recht sichere Sache."
Bevor man nun lange überlegen kann, warum er vor der sicheren Sache ein "recht" gesetzt hat, geht es auch schon los. Zwei starke Außenbordmotoren peitschen das Schlauchboot durch die Brandung, und man hofft, schnell genug ins Wasser zu kommen, bevor der Mageninhalt seinen Weg nach oben findet.
Die Gegend rund um das Kap der Guten Hoffnung gilt Seefahrern seit jeher als eines der schwierigsten Gewässer der Welt. Hier am Südzipfel Afrikas, wo der Atlantik auf den Indischen Ozean trifft, ist der Meeresgrund zum Wrackfriedhof geworden. Doch Campbell hat heute keine der versunkenen Schiffsruinen auf dem Tourenplan. Während der Fahrt deutet sein Zeigefinger nach vorne, hin zum Partridge Point, einem Felsen in Küstennähe, von dem aus Seelöwen ins Meer springen. "Wisst ihr, was das ist?", fragt er seine Gäste. "Robben", sagt Celine, eine junge Französin. "Nein", sagt Campbell und lacht. "Das ist Nahrung - Nahrung für den großen Weißen!"
Kurz darauf ist das Boot am Pyramide Rock angekommen. Mit vier Gästen lässt sich Bearnard Campbell ins Wasser fallen. Die Französin bleibt an Bord, sie hat es sich im letzten Moment noch anders überlegt. Kalt ist das Wasser hier, lediglich zwölf Grad, und die Sichtweiten sind nicht überragend: Nach gut zehn Metern verschwimmt jede Kontur mit dem dunklen Grün. Mächtige Tangwälder erheben sich vom Meeresboden, ihre Blätter schwingen in der Strömung hin und her, es sieht aus wie in einem verwunschenen Märchenwald.
Kleine Haie, große Haie
Plötzlich schießen aus dem Grün dunkle Schatten auf die Taucher zu und drehen ab, kurz bevor es zur Kollision kommt. Seelöwen, nur neugierige Seelöwen, der Pulsschlag beruhigt sich langsam wieder. Campbell hält kurz inne und schaut sich um, als warte er auf etwas, das die anderen Taucher erst später sehen könnten.
Dann kommt der Hai. Es ist ein Puffotter-Katzenhai, und er ist nur 50 Zentimeter lang. Der scheue Winzling, dessen Körper mit orangefarbenen und weißen Flecken betupft ist, wendet wie ein Helikopter auf der Stelle und verschwindet wieder rasend schnell im schützenden Tang. Doch lange bleiben die Taucher nicht allein: Der nächste Hai nähert sich, und diesmal ist es ein anderes Kaliber.
Der Breitnasen-Siebenkiemerhai hat nicht nur einen sonderlichen Namen, er sieht auch genauso aus: skurril, altertümlich, wie ein lebendes Fossil. Ganz langsam zieht er an der Tauchgruppe vorbei, dann folgt ein zweites Exemplar, ein drittes. Wer diese bis zu drei Meter großen Haie sieht, mag kaum glauben, dass manche Experten sie als "potentiell gefährlich" einstufen.
Auch einer der Taucher lässt sich von der Optik täuschen und versucht, den Hai an seiner Unterseite zu streicheln. Das ist nicht ganz ungefährlich - weniger wegen des Hais als wegen Campbell, der bei so viel Unvernunft unter Wasser fast einen Tobsuchtsanfall bekommt.
Fast eine Dreiviertelstunde verbringt die Gruppe noch bei den Siebenkiemern, dann geht der Luftvorrat langsam zur Neige. Die Taucher verlassen den Märchenwald und steigen hoch, hinauf zum grauen Himmel über dem Kap.
Respekt vor dem Raubfisch
Und die Weißen Haie? Wenn man rund um Kapstadt tauchen geht, so erzählt Campbell auf der Rückfahrt, seien sie immer in der Nähe, obwohl man sie nur selten sehe. Außer auf Touren, bei denen die Tiere angefüttert werden, während man selber sicher in einem Käfig steht. Der erfahrene Taucher ist kein Freund solcher Touren: "Ich mag das nicht und auch nicht die Fotos, die dabei entstehen und bei denen der Hai oftmals mit aufgerissenem Maul in die Käfigstäbe beißt. Die dienen doch nur dazu, das völlig falsche Bild einer Bestie zu fördern."
Wenn Campbell dagegen einen Weißen Hai sieht, ist es immer Zufall. Es sind ungeplante Begegnungen, bei denen sich das Tier auch völlig anders verhält, als wenn gleichzeitig Futter im Wasser wäre. Scheu, meint der erfahrene Tauchguide, fast schon schüchtern würde der große Räuber dann wirken. Weiße Haie, die aus dem Nichts heraus einen Taucher attackieren? So etwas habe er noch nicht erlebt.
Ob Blauhai, Siebenkiemer oder Weißer Hai: Für Campbell sind dies lediglich große Raubfische, denen er mit Respekt begegnet, aber keine Monster. Eine Bedrohung sieht er in ihnen nicht: "Es ist ja nicht so, als würden sich die Haie aus dem Meer erheben, in unseren Lebensraum eindringen und uns angreifen. Wir sind es, die den Lebensraum des Haies aufsuchen. Dass uns ein solches Spitzenraubtier darin überhaupt duldet und maximal gleichgültig bis leicht neugierig reagiert, ist vielleicht die beeindruckendste Erkenntnis, die ein solcher Tauchgang vermittelt."
Celine nickt: Morgen, sagt sie, morgen will sie mutiger sein und es auch wagen. Zumindest wenn die Sonne scheint.
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