Südamerika per Motorrad Kamerafahrt zum Kraterrand

Mächtige Dampfsäulen, sprühende Gischt: Die Geysire auf dem Altiplano Boliviens sind echte Naturwunder. Zusammen mit seinen Begleitern trotzte Fotograf Michael Martin hier tödlichen Absturz-Gefahren - und brachte jede Menge spektakuläre Fotos mit.

Jörg Reuther

"No gasolina en Bolivia", hören wir immer wieder. Die Nachrichten, die aus unserem krisengeplagten nächsten Reiseziel kommen, sind nicht gut. Abgesehen vom notorischen Benzinmangel ist es bolivianischen Reiseagenturen seit einer Woche nicht mehr erlaubt, in das chilenische San Pedro de Atacama zu fahren. Und chilenischen Agenturen ist es nicht erlaubt, mit eigenen Autos nach Bolivien zu fahren.

Doch Mauricio von der Agentur Nomade hat eine Lösung. Wir sollen ein leeres 200-Liter-Fass auftreiben und das Benzin zur 40 Kilometer entfernten bolivianischen Grenze in 4500 Meter Höhe schaffen. Dort könnte ein bolivianischer Toyota Landcruiser mit leerem Tank auf uns warten. Damit scheint unserer Tour auf das bolivianisches Altiplano nichts mehr im Wege zu stehen.

Doch eine weitere Schwierigkeit ergibt sich gleich in San Pedro de Atacama. Nach einem neuen Erlass füllt die Tankstelle keine 200-Liter-Fässer mehr. So müssen wir zehnmal bis tief in die Nacht zur einzigen Tankstelle, um in 20-Liter-Portionen unser Fass zu füllen.

Am nächsten Morgen fährt Mauricio meinen aus Deutschland eingetroffenen Freund und Fotografenkollegen Jörg Reuther den eigentlich nach Argentinien führenden Passo de Jama hinauf. Meine Freundin Corinna und ich fahren auf dem Motorrad voraus. In 4200 Meter Höhe weist ein kleines Schild nach Bolivien. Kurz darauf erreichen wir den einsamen Grenzposten in der Hochwüste.

Kaum sind die bolivianischen Stempel im Pass, taucht am Nordhorizont unser gecharterter Landcruiser auf. Wir werden mit einem freundlichen "Buenos Dias" von dem Fahrer Xavier begrüßt, der in den nächsten sieben Tagen unser wichtigster Ansprechpartner sein wird. Dann befüllen wir die zahlreichen leeren Kanister und den Tank des Landcruisers mit dem kostbaren, chilenischen Benzin und verabschieden uns von Mauricio. Das Abenteuer Altiplano kann beginnen.

Höhenluft und absolute Trockenheit

"Euch erwartet die schönste Landschaft, die ich je auf der Welt gesehen habe", schwärme ich Corinna und Jörg vor. Von drei früheren Reisen kenne ich die äußerste Südwestecke Boliviens, die Los Lipez genannt wird. Dort überspringt die Südamerikanische Trockendiagonale die Anden. Absolute Trockenheit und extreme Temperaturen prägen diese selten besuchte Region, die zwischen 4000 und 6000 Meter über Normalnull liegt.

Es geht gleich spektakulär los. Bereits wenige Kilometer nach der Grenze liegt die Laguna Verde am Fuße des 5960 Meter hohen Vulkans Lincancabur, der bereits von San Pedro de Atacama zu sehen war. Wir sind zur Mittagszeit dort und erleben das täglich wiederkehrende Naturschauspiel: Durch den hohen Sonneneinstrahlwinkel und die Reaktion des pflanzlichen Planktons in Verbindung mit einem hohen Blei-, Kalzium- und Schwefelgehalt schimmert die vorher kristallklare Lagune mittags plötzlich grün. In der Mitte beginnt es, und von hier aus breitet sich der smaragdgrüne Schimmer über die gesamte Wasseroberfläche aus. Weiße Cirruswolken und rosa Flamingos vervollständigen den Farbenrausch.

Nachmittags verlassen wir die Laguna Verde und fahren weiter nach Norden. Die Landschaft ist so wunderschön, dass zwischen den einzelnen Foto- und Filmstops immer nur wenige Kilometer liegen. Die Hochwüste wird überragt von 6000 Meter hohen Vulkanen, die in den Farben Rubin, Ocker, Braun und Gelb schimmern. Aufgrund der wüstentypischen Trockenheit sind sie nicht vergletschert.

Wenig Schlaf bei minus 16 Grad

In einer Hütte der Nationalparkbehörde an der Laguna Chalviri finden wir Unterschlupf für die Nacht. Diese wird, wie erwartet, wenig angenehm. Zur Kälte im kargen Schlafraum kommt die Höhe, an die wir noch nicht angepasst sind. Als um 4.30 Uhr der Wecker klingelt, sind wir drei sowieso wach - gerädert von heftigen Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Xavier, natürlich gut adaptiert, begrüßt uns mit einem freundlichen "Estan bien?". Mühsam kriechen Corinna und ich in unsere steifen Motorradklamotten und gehen in die Eiseskälte der sternklaren Nacht hinaus.

Das Thermometer im Cockpit des Motorrads zeigt minus 16 Grad Celsius. Trotzdem springt die Maschine an. Aufgrund der geringen Batteriespannung hat die Elektronik die Beheizung der Handgriffe aber ausgeschaltet. So fahren wir mit allen verfügbaren Kleidungsstücken und zwei Paar Handschuhen los. Jörg hat es deutlich besser im Landcruiser, auch wenn dort die Heizung auch nicht funktioniert. Die Piste führt steil nach oben und erreicht nach wenigen Kilometern schon fast die 5000-Meter-Marke. Inzwischen erkenne ich in den Rückspiegeln einen Dämmerungsstreifen, was mich den Sonnenaufgang umso mehr herbeisehnen lässt.

Auf der Passhöhe verlassen wir die Piste und biegen in ein kleines Seitental. Dort liegen die Geysires Sol de Manana. Es ist noch eine Stunde bis Sonnenaufgang, als wir an dem speienden Geysir und an heftig dampfenden Quellen stehen - bei Windstärke zehn und weiterhin Minusgraden. Der Sturm drückt die Dampfsäulen nieder und jagt den Dampf mit 100 km/h in die Hochwüste hinaus. Der Wind, das Fauchen des Geysirs und das hundertfache Blubbern der Quellen sorgen für eine furchteinflößende Geräuschkulisse. Die bis zu vier Meter großen Krater sind von Eis überzogen, zu dem der austretende Dampf erstarrt ist.

Ein Sturz in den Krater wäre tödlich

Ich bin völlig fasziniert und fotografiere zwischen Kratern, Dampfsäulen und sprühende Gischt Hunderte Bilder, ständig beschlägt das Objektiv. Zwischen den Kratern sehe ich im Morgengrauen immer nur für Sekundenbruchteile Jörg und Corinna - immer dann, wenn der Sturm eine Lücke in die Dampfschwaden reißt. Wir müssen höllisch aufpassen, auf den schmalen, glitschigen Steinen zwischen den Kratern nicht auszurutschen. Ein Sturz in einen kochenden Krater wäre sofort tödlich.

Dann geht die Sonne auf und taucht das Dampfspektakel in tiefes Gelb und Orange. Ab und zu lege ich die Kamera erschöpft weg und drehe einige Minuten Film, der die rasende Geschwindigkeit der Dampfwolken viel besser wiedergibt. Mit steigendem Sonnenstand legt sich der Sturm. Die Dampfsäulen steigen nun hoch in den Himmel. Zwei Stunden nach Sonnenaufgang ist es mit fünf Grad so warm geworden, dass der Dampf merklich nachlässt.

Wir kochen in der Morgensonne Kaffee auf unserem ebenfalls geysirartig fauchenden Benzinkocher, essen hartes Brot und sind alle drei einfach nur glücklich, dieses natürliche Spektakel erlebt zu haben. Jörg steigt zu Xavier in den Landcruiser, Corinna und ich setzen uns auf das mit Eiskristallen überzogene Motorrad. Nur ein paar Dutzend Kilometer nördlich wartet das nächste Naturwunder, die Laguna Colorado.



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