Südamerika per Motorrad: Reifenpanne in der Wüste

Im eisigen Wind durch Patagonien: Bei schwierigsten Fahrbedingungen gerät Fotograf Michael Martin mit seinem Motorrad ins Schleudern. Die Suche nach einem Ersatzreifen wird zur Odyssee, die Ansprüche ans Material sind hoch - schließlich steht die Fahrt ans "Ende der Welt" bevor.

Patagonien: Reifenpanne in der Wüste Fotos
Thilo Moessner

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Hat Patagonien überhaupt eine Wüste? Diese Frage wurde mir von Freunden immer wieder gestellt, wenn ich erzählte, dass die nächste Reise für mein Projekt "Planet Wüste" mich auch nach Patagonien führt. Dabei dehnt sich die "Patagonische Wüste" von Norden nach Süden 2000 Kilometer zwischen den Anden und Atlantikküste Argentiniens aus und ist extrem dünn besiedelt.

Nach etwa tausend Kilometern in Richtung Südosten durch die argentinische Pampa, die vorwiegend als Viehweide für die Millionen Rinder des Landes genutzt wird, erreichen wir in der Provinz Neuquen Patagonien. Das dichte Netz an Straßen und Orten erinnert zunächst eher an die Poebene in Italien als an das europäische Klischeebild von Patagonien. Der Rio Negro mit seinen Wassermassen aus den Anden macht intensive Landwirtschaft möglich. Wir verlassen aber bald den Flusslauf und sind in der Patagonischen Wüste.

Pisten treten an die Stelle von Teerstrassen, die Entfernung zwischen den Orten beträgt nun oft Hunderte Kilometer, Weidezäune begrenzen riesige Estancias, auf denen Schafen gezüchtet werden. Verkümmerte Sträucher und kleine Grasbüschel bedecken den steinigen Boden, die Landschaft ist weitgehend eben. Über das karge Land jagt ein beständiger Sturm, der meist sechs Windstärken, in Böen auch neun Windstärken aufweist. Wir ahnen langsam, was es heißt, im Winter Patagonien auf dem Motorrad zu bereisen.

40 Kilometer vor Los Menucos gerät das schwer beladene Motorrad bei schneller Pistenfahrt plötzlich ins Schleudern, ich kann es gerade noch abbremsen. Der Reifen ist platt, schlimmer noch, der Mantel hat einen großen Riss. Wir stehen zwei Stunden an der Piste, ohne dass wir etwas ausrichten können, denn wir bekommen die Radschrauben nicht auf. Geduldig warten wir auf ein Auto, stattdessen taucht ein alter Reiter auf. In schwer verständlichem Spanisch kommentiert er unsere Situation. Soweit wir ihn verstehen, preist er die Vorzüge seines Pferdes, das nie eine Panne habe. Wie Recht er doch hat, aber weiterhelfen kann er uns damit nicht.

Reifensuche als Odyssee

Nach drei Stunden kommt ein Pick-up, dessen Fahrer das Motorrad auf der Ladefläche nach Los Menucos transportiert. Damit beginnt für uns eine wahre Odysee. In dem kleinen Ort finden wir zwar eine Gomeria, einen Reifenwerkstatt, aber natürlich keinen passenden Reifen. Carlos, der junge Chef der Gomeria, kennt sich aber aus. Er klebt den Riss im Mantel und legt einen sogenannten "Poncho", einen zweiten, alten Mantel zur Stabilisierung des eigentlichen Mantels ein. Wir zahlen 20 Pesos, 4 Euro, und sind glücklich, am nächsten Morgen die Fahrt zur Küste fortsetzen zu können.

Doch die Konstruktion hält nicht lange. Noch vor Sonnenaufgang stehen wir wieder in der Eiseskälte mit kaputten Reifen an der Strasse, nun klaffen im Mantel zwei große Löcher, er droht zu platzen. Wir brauchen einen neuen Reifen. Wieder hilft uns der Fahrer eines Pick-up, der ohne langes Nachfragen das Motorrad und uns 170 Kilometer Richtung Küste auf der Ladefläche mitnimmt. Wir laden das schwere Motorrad noch einmal auf ein weiteres Fahrzeug um, um endlich nach San Antonio zu gelangen. Das sei der einzige Ort, wo es vielleicht einen neuen Reifen geben könnte. Wir haben riesiges Glück. Die örtliche Werkstatt hat einen einzigen Motorradreifen im Angebot - und der hat die in Argentinien äußerst seltene, von uns aber benötigte Größe von 17 Zoll.

Endlich haben wir etwas Muße, den nahen Atlantik zu genießen, der aufgrund des anhaltenden, ablandigen Sturms aus Westen kaum Wellen schlägt. Die Ruta 3 führt parallel zur Küste 3000 km bis nach Feuerland. Sie wird in den nächsten fünf Tagen unsere Heimat. Es fällt schwer, die einzelnen Etappen voneinander zu unterscheiden, zu gleichförmig ist die Landschaft, zu ähnlich die Tankstellen.

Die pure Eintönigkeit

Wir kommen trotz guter Straße nicht schnell voran, denn der Sturm lässt nur 80 km/h zu. Außerdem zehrt der dauernde Kampf mit den seitlich über das Motorrad herfallenden

Windstößen so sehr an den Nerven, dass wir alle 30 Minuten pausieren müssen. An einem Abend werden wir mit warmem Abendlicht und einem kurzzeitig nachlassenden Sturm an der Küste belohnt, vor der Orcas und andere Walarten auftauchen.

Unsere Versuche, Seelöwen und Pinguine an der Küste zu sehen, schlagen fehl, weil die Tiere im Winter nicht da sind und die entsprechenden Reservate geschlossen sind. In den vielen Stunden auf dem Motorrad wird mir langsam klar, warum die Patagonische Wüste niemand kennt. Die Landschaft ist einfach zu eintönig! Der gesamte Küstenstreifen ist ohne größere Erhebungen, die spärliche Vegetation im Winter braungrau.

Nach fünf Tagen Eintönigkeit wird es mir zuviel und ich schlage meinem Sozius Thilo vor, die Ruta 3 zu verlassen und durch die Wüste zu den Anden zu queren. Inzwischen sind wir so weit im Süden des nach unten spitz zulaufenden Kontinents, dass die Querung gerade mal 200 Kilometer Pistenfahrt bedeutet. Wir haben schon 50 Kilometer geschafft, als die Sonne hinter uns aufgeht. Vor uns leuchten die schneebedeckten Anden in der Morgensonne. Wir spüren, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und sind voller Neugier auf die Andenregionen Patagoniens.

Wir erreichen El Calafate, eine Art Chamonix der argentinischen Anden. Zahllose Lokale und Hotels lassen den Ansturm von Touristen im Sommer erahnen, doch nun sind viele Einrichtungen geschlossen oder leer. Wir bekommen erst ein Zimmer, nachdem der Hotelier unsere angebotenen Dollarnoten minutenlang auf seinen Händen gewärmt hat. Als sich die grünen Scheine zu krümmen beginnen, huscht ein Lächeln über sein Gesicht: Sie sind echt. Metallhaltige Farbe sorgt angeblich für diesen Effekt.

Allein am Perito Moreno

Im Nationalpark "Los Glaciares" sind wir fast allein. Ein Ranger berichtet uns von bis zu 15 Jets, die im Sommer Tag für Tag auf dem kleinen Flughafen von El Calafate landen. Die Touristen kommen aus aller Welt, um ein echtes Naturwunder, den Perito Moreno Gletscher zu bestaunen. Thilo und ich stehen bald fassungslos an der 60 Meter hohen und

4 Kilometer breiten Gletscherfront und genießen es, ganz alleine hier zu sein.

Nur bei einem Abstecher nach El Chalten bereuen wir es, im Winter in Patagonien zu sein. Der Ort ist völlig ausgestorben und der Fitz Roy und Cerro Torre, die beiden bekanntesten Berge Patagoniens, haben sich seit Tagen nicht blicken lassen.

Wir machen uns auf zur letzten Etappe nach Feuerland, einer Inselgruppe an der Südspitze Südamerikas, vom Festland durch die Magellanstrasse getrennt. Das Klima dort ist wesentlich feuchter als im Osten Patagoniens, geht doch die regenabschattende Wirkung der Anden nach Süden zunehmend verloren.

Wir durchqueren zunächst den chilenischen Teil Feuerlands, um nach Ushuaia, die südlichste Stadt der Erde zu kommen. Die Stadt zieht mit diesem Attribut Touristen aus aller Welt an. Wir parken das Motorrad im Hafen an einem Schild mit der Aufschrift "Ushuaia - Fin du Mondo" und schippern mit einem Boot raus zum Leuchtturm von Les Eclaireurs. Dort ist der Endpunkt der fast 10.000 Kilometer langen Motorradreise, die vor gerade mal vier Wochen in Lima, Peru begonnen hatte. Das Ende der Welt ist das für mich aber noch lange nicht - in absehbarer Zeit möchte ich von Ushuaia in die Antarktis aufbrechen.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Ein wenig unvernünftig
candido 01.09.2010
Zitat von sysopIm eisigen Wind durch Patagonien: Bei schwierigsten Fahrbedingungen gerät Fotograf Michael Martin mit seinem Motorrad ins Schleudern. Die Suche nach einem Ersatzreifen wird zur Odyssee, die Ansprüche ans Material sind hoch - schließlich steht noch die Fahrt ans "Ende der Welt" bevor. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,715063,00.html
... ist es schon ohne Ersatzreifen auf Schotterpisten (carreteras de ripio wie sie in Argentinien heißen)und in abgelegenen Gegenden zu fahren. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist werden teilweise von den Einhemischen sogar 2 Ersatzreifen empfohlen. Zum FitzRoy noch ein tröstendes Wort: ich war im Sommer mit Frau in El Chalten(Ende November), sind von da aus bis zum Lago Capri gewandert und in zwei Tagen konnten wir ein einziges Mal ganz kurz die Spitze des FitzRoy sehen. Ansonsten immer in Wolken.Geschneit hat es übrigens auch noch.Selten solche Wetterkapriolen erlebt wie dort.
2. lesenwerter Artikel
chassespleen 01.09.2010
eine schöne Artikelserie von Michael Martin. Gut und kompetent geschrieben, tolle Fotos. Im Winter würd ich allerdings nicht nach Patagonien. Aber genau das Richtige für die Mittagspause am Schreibtisch ;-). Freu mich auf den nächsten Teil.
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Zur Person
Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de

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