Südamerika per Motorrad Seemannsgrab in der Wüste

Er hat die Wüsten der Welt mit seinem Motorrad befahren - doch auf dem argentinischen Hochplateau erlebt Fotograf Michael Martin die anspruchsvollste Piste, die er je bewältigen musste. SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Bilder von Salzseen und Vulkanen.

Michael Martin

Die Nacht war wieder eisig, aber im Hostal von Tolar Grande auf dem argentinischen Altiplano gut zu überstehen. Drei Stunden vor Sonnenaufgang stehen Thilo und ich auf und ziehen alle verfügbaren Kleidungsstücke an, sieben Lagen schützen unsere Oberkörper vor Kälte und Fahrtwind. Trotzdem sind minus 18 Grad auf dem Motorrad bei schneller Fahrt über den Salzsee Arizaro kaum auszuhalten. Immer wieder halten wir an, laufen auf der Stelle und klatschen in die Hände, um uns aufzuwärmen.

Auch um 7 Uhr morgens von der Morgendämmerung keine Spur, es ist schließlich tiefster Winter auf der Südhalbkugel. Unser Tagesziel ist die Bahnstation "Aleman Muerto" hoch oben in den argentinischen Anden. Ich hatte vor Jahren in einem Diavortrag eines befreundeten Kollegen ein Bild davon gesehen und zu recherchieren begonnen. Der deutsche Seemann Karl Wilmer kam in den dreißiger Jahren nach einer Zechtour zu spät in den Hafen von Buenos Aires und verpasste sein Schiff - wenige Tage später bezahlte er dafür in den Anden mit dem Leben. Der Kapitän war frühmorgens ohne ihn in den Südatlantik ausgelaufen und hatte ihm die Nachricht hinterlassen, dass er im chilenischen Hafen Antofagasta am Pazifik wieder an Bord gehen könne.

Karl Wilmer entschied, sich über die Anden nach Chile durchzuschlagen, während sein Schiff um die Südspitze Südamerikas fuhr. Mit der Eisenbahn gelangte er von Buenos Aires nach Salta, von dort führte eine neue Trasse über Tolar Grande nach Caipe, hoch oben in den Anden. Bis dorthin waren in den dreißiger Jahren die Gleisbauarbeiten fortgeschritten, man plante bereits die Fortsetzung der Bahnlinie über den 80 Kilometer entfernten Paso Socompa nach Chile. Bahnarbeiter warnten Karl Wilmer, zu Fuß weiter nach Westen zu marschieren, doch er ließ sich von seinem Plan nicht abbringen, sein Schiff an der chilenischen Küste abzupassen.

Nächster Halt: Aleman Muerto

Er marschierte los, schlecht ausgerüstet, mit wenig Wasser und Nahrung, der dünnen Luft und eisiger Kälte ausgesetzt. In der Wildnis westlich von Caipe fanden Bahnarbeiter Monate später seine steif gefrorene Leiche und begruben ihn. In der Nähe seines Grabs existiert bis heute die Bahnstation "Aleman Muerto" in 4334 Meter Meereshöhe.

Wir erreichen die Zughaltestelle Caipe oberhalb des Salzsees Arizaro. Während für Karl Wilmer die Eisenbahn hier endete, windet sich heute ein Gleisstrang 80 Kilometer weit hinauf bis zum Paso Socomba in 4000 Meter Höhe und dann weiter nach Chile bis zum Pazifik. Die ersten Kilometer der parallel laufenden Piste sind fahrtechnisch das schwierigste, was ich je auf dem Motorrad gefahren bin. Die Piste ist in einen Steilhang geschlagen, sehr steil, teilweise mit gefrorenen Schnee bedeckt und starkem Steinschlag ausgesetzt, so daß immer wieder große Felsbrocken die Weiterfahrt blockieren. Offensichtlich sind wir die ersten, die nach dem Winter hochfahren.

Je höher wir kommen, dessen spektakulärer wird der Blick auf den Salar de Arizaro. Nach einer Stunde haben wir ein zerklüftetes Hochplateau erreicht. Die Piste bleibt schwierig, vor allem der Altschnee macht uns zu schaffen. Ein langes, gefrorenes Schneefeld blockiert schließlich die Weiterfahrt, ausweichen ist wegen grober Felsen unmöglich. "Das war's", ist mein erster Gedanke. Dabei sind es laut unserem GPS nur noch vier Kilometer Luftlinie zum Grab des toten Seemanns.

Wir zögern nicht lange, lassen das Motorrad samt Ausrüstung stehen, schnappen uns Kameras und Wasserflaschen und laufen los. Das Marschieren in Motorradstiefeln ist kein Spaß, auch die dünne Luft läßt uns nur langsam vorankommen. Verirren ist aber ausgeschlossen, denn Bahnlinie und Piste sind perfekte Wegweiser, ausserdem ist es früh am Tag und das Wetter ist stabil. Nach zwei Stunden stehen wir an dem gemauerten Grab mit einem schlichten Holzkreuz, keine hundert Meter entfernt ein verwittertes Holzschild, das dem Bahnhof in der Hochwüste seinen Namen gibt: "Aleman Muerto".

Vulkan im Salzsee

Nachmittags sind wir erschöpft, aber gesund zurück am Motorrad, auch die steile Abfahrt zum Salzsee Arizaro gelingt ohne Sturz. Wir halten uns nach Südosten und schlagen an seinem südlichen Ufer das Nachtlager auf. Im Salzsee liegt der Vulkan "Cono de Arita", dessen gleichmäßige Form ihn zu einem der schönsten Berge macht, die ich je gesehen habe. Ich fotografiere die halbe Nacht, was den Vorteil hat, daß ich die Kälte ein wenig vergessen kann.

Der nächste Tag führt uns über zwei 4600 Meter hohe Pässe nach Süden. Während der zehn Fahrstunden begegnen wir keinem Fahrzeug und keinem Menschen, sehen aber Hunderte zierliche Vicunjas, die wie die domestizierten Lamas zur Familie der Kameliden, also der kamelartigen Tier gehören. Mit dem letzten Liter Benzin erreichen wir bei Einbruch der Dunkelheit Antofagasta de la Sierra, einen kleinen Ort mit Tankmöglichkeit und einigen Läden.

Der Ort liegt im Zentrum einer gewaltigen Caldera, eines riesigen Kraters, der auf einen eingebrochenen Vulkan zurückgeht. Darin finden sich jüngere Vulkane, Lavafelder und ein spektakuläres Bimssteinfeld: das Campo del Piedra Pomes. Es wirkt mit seinen wellenförmigen Steinflächen wie ein zu Stein gewordenes, weißes Meer.

Dort beginnt eine neue Teerstrasse, die uns in wilden Kurven zügig an das Südende der "Puna de Atacama" bringt. Doch die Wüsten des argentinischen Altiplano setzen sich mit der "Puna San Juan" noch einmal weit nach Süden fort, wenn auch diese Wüste mit durchschnittlich 2000 Meter über Normalnull deutlich tiefer liegt. Die Puna ist nun besiedelter, zwischen den Dörfern liegen nur noch ein paar Dutzend Kilometer.

In einem Dorf erleben wir ein lokales Pferderennen, in einem anderen Ort lassen die Bewohner ihre Windhunde gegeneinander antreten und wetten auf ihre Favoriten mit hohen Geldbeträgen. Dann verlassen wir endgültig die Anden und erreichen spätabends die Millionenstadt Mendoza. In der quirligen Innenstadt finden wir ein schönes Hotel, in einem Restaurant studieren wir bis nach Mitternacht bei gutem argentinischen Rotwein die Landkarte. Nach Feuerland, unserem Ziel, sind es noch 4000 Kilometer.

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Herim 27.08.2010
1. Südamerika per Motorrad: Seemannsgrab in der Salzwüste
Man muss Michael Martin zu seinen großartigen Fotos gratulieren. Er bildet einzigartige Landschaften kompositorisch und technisch in hervorragender Qualität ab. Ich hoffe und ich freue mich bereits darauf, seine Präsentationen live hier in München erleben zu dürfen. Was er und sein Gefährte mit der Durchquerung der Anden leistet kann ich sehr gut nachempfinden, weil ich selbst in zahlreichen Reisen durch Südamerika die meisten von ihm in seinen Artikeln dieser Serie beschriebenen Gebiete besucht habe. Der besondere Reiz dieser Regionen liegt wohl neben der Begegnung mit überaus freundlichen Menschen in der vollständigen Andersartigkeit und der Lebensfeindlichkeit verglichen mit den uns vertrauten Landschaften. Die mühseligen Umstände einer Reise dorthin, die Michael Martin sehr gut beschreibt, verhindern glücklicher Weise eine touristische Erschließung der dort anzutreffenden Naturwunder, z. B. der Laguna Colorada, obgleich den dortigen, spärlich anzutreffenden indigenen Bewohnern eine Verringerung ihrer Armut durch den Tourismus zu wünschen wäre.
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