Südamerika per Motorrad: Wüste mit Meerblick

Auf der "Traumstraße der Welt" nach Süden: Von Peru aus folgt Fotograf Michael Martin der Panamericana - und erlebt direkt am Pazifik eine der schönsten Motorradstrecken, die er je befahren hat. SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Bilder.

Südamerika per Motorrad: Schroffe Steilküsten, karge Wüstenlandschaft Fotos
Michael Martin

Den ersten Tag meiner Südamerika-Reise verbringe ich am Flughafen. Zehn Stunden dauert es, bis der Zoll alle Formalitäten erledigt hat. Dann kann ich mein Motorrad entgegennehmen, das Tage vorher per Frachtmaschine in einer Holzkiste angeliefert wurde. Die Verzollung würde die meisten Effizienz gewohnten Europäer verzweifeln lassen, doch ich kenne aus Afrika Schlimmeres. Am späten Nachmittag rolle ich mit meiner Freundin Corinna durch den Feierabendverkehr von Lima Richtung Süden.

Vor mir liegt eine lange Reise mit verschiedenen Begleitern, die Teil meines auf Jahre angelegten Fotoprojektes "Planet Wüste" ist. Sie soll zunächst durch Peru in den Norden Chiles führen, dann auf das bolivianische Altiplano und schließlich über die Anden nach Patagonien an die Südspitze des Kontinents. In dieser Zeit werde ich die Wüste kaum verlassen, denn wir folgen mit dieser Route der sogenannten Südamerikanischen Trockendiagonale, die sich als Wüstenband quer durch den Kontinent zieht.

Die erste Nacht verbringen wir, erschöpft vom Jetlag, dem peruanischen Zoll und dem Schwerlastverkehr auf der Panamericana, in einem Hotel direkt an der "Traumstraße der Welt". Am nächsten Vormittag erreichen wir Paracas, für mich seit einem ersten Besuch vor zehn Jahren der schönste Teil der Peruanischen Küstenwüste.

Wüstenlandschaft direkt am Meer

Seit 1975 ist diese weit in den Pazifik hineinragende Halbinsel ein Nationalpark, hier leben über 1500 Tierarten. Direkt an einem Ozean voller Leben liegt eine der niederschlagsärmsten Wüsten der Erde. Dabei stehen Pazifik und Wüste in unmittelbarem Zusammenhang zueinander, verstärkt doch der kalte Pazifik die für diese Breitengrade typische Trockenheit: Der aus der Antarktis kommende Humboldtstrom führt zu einer Wassertemperatur von gerade mal zehn Grad. Dies hat wiederum eine stabile Inversionswetterlage zur Folge, die Wolkenbildung und Niederschläge ausschließt. Nur Nebel legen sich im Winter über die Küste.

Für ein paar hundert Kilometer geht es von hier aus auf der Panamericana ins Inland über Ica und Nazca, bevor wir erneut das Meer erreichen. Die zahllosen in diese Steilküste geschlagenen Kurven, spektakuläre Ausblicke und die Brandung des tiefblauen Pazifiks machen die Strecke zu einer der schönsten Motorradstrecken, die ich je gefahren bin. Der Fahrspaß beginnt aber erst am späten Vormittag, denn so lange hält sich im Südwinter der Küstennebel.

Unser Tagesziel nach 500 Kilometern Fahrt ist Arequipa, das 75 Kilometer landeinwärts liegt und von dem 5822 Meter hohen Vulkan Misti überragt wird. In der zweitgrößten Stadt Perus leben unsere Freunde Martin und Lisa und arbeiten als Lehrer an der Deutschen Schule. Wir genießen für einen kurzen Abend europäischen Komfort, am nächsten Morgen sind wir bereits um 5 Uhr bei Minustemperaturen wieder auf der Straße. Es steht der Grenzübertritt nach Chile an, der sich auch mit Motorrad unkompliziert gestaltet.

Wir folgen bei wolkenlosem Himmel und frischen fünf Grad weiter der Panamericana durch Chiles "Grande Norte". Die Atacama hat die Peruanische Küstenwüste abgelöst, weiter dominieren Geröll- und Kieswüsten. Dennoch ist die Wüste auch im Norden Chiles keineswegs eintönig. Die Berge sind mal ockerfarben, dann wieder schwarz, im Osten leuchten die schneebedeckten Anden.

Salpeterboom im 19. Jahrhundert

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht ist die Atacama kein Brachland. Der deutsche Forschungsreisende Thaddäus Haenke entdeckte Anfang des 19. Jahrhunderts, dass die Atacama voller Natriumnitrat ist, besser bekannt als Salpeter, Grundstoff für die Schießpulverherstellung. Als Justus Liebig noch herausfand, dass man daraus auch Kunstdünger herstellen kann, war der Salpeterboom nicht mehr aufzuhalten. Es entstanden zahlreiche "Oficinas", die Salpeterbergwerke, in denen das weiße Gold gefördert wurde.

Wir besichtigen die stillgelegte Salpetermine Humberstone, die ab 1872 in Betrieb war. Theater, Geschäfte, Wohnhäuser und ein Schwimmbad zeugen vom Wohlstand, den der Salpeter in die Atacama gebracht hatte. Der Boom war aber schnell zu Ende, als der Berliner Chemiker Fritz Haber entdeckte, da sich Natriumnitrat auch künstlich herstellen lässt.

Heute stellt Kupfer den wichtigsten Rohstoff der Atacama dar. In Chuquicamata in gut 2500 Meter Höhe stoßen wir auf die größte Kupfermine der Welt. In den vergangenen Jahrzehnten wurde ein 700 Meter tiefes, vier Kilometer langes und 2,5 Kilometer breites Loch in den Boden gegraben. 8000 Arbeiter wälzen pro Tag 600.000 Tonnen Gestein um und fördern fünf Prozent der Weltkupferproduktion.

Wir verlassen nun die Panamericana und fahren nach San Pedro de Atacama. Der kleine Ort am Fuß der Anden hat sich zur Drehscheibe des Wüstentourismus in Chile entwickelt. Für uns wird es nun anstrengend. Wir wollen eine Woche lang zusammen mit meinem Freund und Fotografenkollegen Jörg Reuther, der uns im Geländewagen begleiten wird, hinauf auf das bolivianische Altiplano. Die Aussicht auf Sauerstoffmangel und arktische Kälte lässt uns den letzten Abend in San Pedro am Kaminfeuer eines guten Lokals besonders genießen.

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Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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