Südamerika per Motorrad Zähneklappern beim Morgenkaffee

Minus 15 Grad Kälte, Kopfschmerzen und Sinnestäuschungen: Eine Motorradfahrt über die Hochwüste Altiplano in über 4000 Meter Höhe wird zur fordernden Expedition. Fotograf Michael Martin muss sich gegen einen Haftbefehl wehren und begibt sich auf die schwierigste Etappe seiner Reise.

Michael Martin

Der Rückweg vom bolivianischen Salar de Uyuni nach San Pedro de Atacama in Chile gestaltet sich schwierig: Eine Revolte und Straßenblockaden erschüttern die Provinzhauptstadt Uyuni und machen ein Betreten der Stadt unmöglich. In dem kleinen Dorf San Juan können wir zum Glück Benzin auftreiben, und zügig geht es nun zur Grenze nach Chile. An der Station erwartet uns eine böse Überraschung: Mir wird ein Haftbefehl präsentiert!

Ich werde stundenlang festgehalten. Immer wieder frage ich nach dem Grund, den aber die Beamten offensichtlich selbst nicht kennen. Endlich lässt man mich mit der Auflage einreisen, mich am nächsten Tag im hundert Kilometer entfernten Calama bei der Ausländerpolizei zu melden. Dort wird der Vorwurf konkret: Ich hätte bei einer Chile-Reise im Jahr 2000 die Zollfrist für mein damaliges Motorrad um einen Monat überschritten.

Zum Glück kann ich dem detectivo Bilder auf meinem Notebook präsentieren, die zeigen, dass ich nicht mehrere Monate in Chile war, sondern zwischenzeitlich nach Bolivien und Peru gereist bin. So ist die Polizei bald von meiner Unschuld überzeugt, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich frei bin. Den Haftbefehl könne nur ein Gericht aufheben! Für Montag, 9 Uhr werde ich beim Gericht von Calama vorgeladen.

Zelten bei minus 15 Grad

Zwischenzeitlich verabschiede ich Jörg und Corinna, die zurück nach München fliegen. Mein neuer Reisepartner ist der Fotokünstler Thilo Moessner, der tags zuvor aus Berlin eingetroffen ist. Aber wird es überhaupt eine Fortsetzung der Reise geben? Der Richter erfasst zum Glück schnell den Sachverhalt, schüttelt den Kopf über die eigene Zollbürokratie und hebt den Haftbefehl auf.

Ich bin wieder ein freier Mensch, mit Vollgas fahren wir voller Tatendrang die hundert Kilometer durch die Atacama-Wüste zurück zu unserem Hotel in San Pedro de Atacama. Auch wenn es unangenehm war, habe ich immerhin die Erfahrung gemacht, dass Gericht und Polizei immer freundlich, fair und um Schadensbegrenzung bemüht waren.

Wir haben zwei Tage verloren, und so geht es am gleichen Tag noch weiter. Vor uns liegt die schwierigste Etappe der Reise, die Durchquerung der einsamen Hochwüste Puna de Atacama auf dem argentinischen Altiplano. Thilo und ich werden in über 4000 Meter Höhe eine Woche lang zu zweit auf meinem Motorrad unterwegs sein - ohne Autobegleitung und ohne Tankmöglichkeit. Ein zusätzlicher 20-Liter-Benzinkanister erhöht unsere Reichweite auf 900 Kilometer.

Die Ausreiseformalitäten aus Chile finden noch in San Pedro de Atacama statt, die argentinische Grenzstation befindet sich 210 Kilometer weiter auf dem Passo de Sico in 4200 Meter Höhe. Wir kommen auf dem Weg nach oben an der Lagune Miscanti vorbei, erleben die Laguna Aqua Calientes bei bestem Abendlicht und schlagen an der Laguna Tuyaito in 4400 Meter Höhe unser Zelt auf.

Salzwüsten, Lagunen und ein immer blauer Himmel

Für Thilo ist es die erste Zeltnacht bei minus 15 Grad Celsius. "Am schlimmsten ist das Aufstehen in der Kälte" ist sein morgendliches Resümee. Ich versuche, den Benzinkocher in Gang zu setzen, bald halten wir heißen Kaffee in unseren eiskalten Händen und warten zitternd auf den Sonnenaufgang.

Um 8 Uhr stehen wir an der argentinischen Grenzstation. Der freundliche Zollbeamte fragt nach unserem Ziel in Argentinien. "Vamos a Tierra del Fuego - Wir wollen nach Feuerland", antwortet Thilo mit seinem Schatz aus hundert spanischen Wörtern. Der Beamte aus Buenos Aires schüttelt ungläubig den Kopf. Die Südspitze Südamerikas ist von der einsamen Grenzstation im äußersten Nordwesten Argentiniens genauso weit entfernt wie Berlin von New York.

Wir sind nun wieder auf dem Altiplano, das als Hochwüste zwischen die von Nord nach Süd verlaufenden, 6000 Meter hohen Gebirgsketten der Anden eingebettet ist. Feuchte Luftmassen werden durch sie ferngehalten. Die Landschaft ist schlichtweg atemberaubend. Mineralien sorgen für farbige Felsen, dazwischen weiße Salzwüsten und schimmernde Lagunen, überspannt von einem immer tiefblauen Himmel.

Eine gute Piste bringt uns zu einem winzigen Dorf am Salar de Pocitos. Ich hatte Thilo eine Nacht in einem Hostal versprochen, doch die einzige Unterkunft ist seit Wochen geschlossen. So schlagen wir unser feuerrotes Zelt am nahen Salzsee auf und kochen trotz eisigen Winds und minus 15 Grad noch Nudeln auf dem fauchenden Benzinkocher.

Sinnestäuschungen in der Höhe

Ich schlafe gut, doch Thilo ist noch nicht an die Höhe angepasst. "Heute hat es ja Nebel" sind seine ersten Worte am Morgen. "Nebel? Es ist klar, wie jeden Morgen", stelle ich irritiert fest. Es dauert ein paar Augenblicke, bis wir das Missverständnis lösen. Thilo hat wegen der Höhe nicht nur rasende Kopfschmerzen, sondern auch Sinnestäuschungen. Außerdem weisen seine Handrücken Erfrierungen auf. Haben wir uns zu viel zugemutet?

Endlich geht die Sonne auf, die Farben des Altiplano beginnen zu leuchten, ein heißer Kaffee mildert Thilos Kopfschmerzen. Wir bauen unser Zelt ab, beladen das Motorrad und finden uns nach einer halben Stunde zügiger Fahrt in einer Erosionslandschaft wieder, deren rote Kegel an die Marsoberfläche erinnern.

Unser Tagesziel ist Tolar Grande, ein Dorf in 3800 Meter Höhe. Die Wolle und das Fleisch der Lamaherden sowie eine nahe Mine ernähren die 200 Einwohner. Dort betreibt Martha ein kleines Hostal, das wir nach zwei Nächten im Zelt besonders genießen.

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