Südamerika per Motorrad Zelten auf Salz

Rosa Flamingos, rote Felsen, das Braun der Wüste und das Blau des Himmels: Die Hochwüste des bolivianischen Altiplano bietet eine berauschende Fülle an Farben. Bei eisigen Temperaturen übernachtet Fotograf Michael Martin auf dem größten Salzsee der Welt - und fängt seine Schönheit in Bildern ein.

Michael Martin

"Geben Sie Ihre Stimme für die Laguna Colorada als eines der neuen Sieben Weltwunder!" steht auf Plakaten, die im Südwesten Boliviens in fast jedem Hostal zu finden sind. Das Gewässer hätte es wirklich verdient, denn es ist die schönste der gut hundert Lagunen in der wüstenhaften Region Los Lipez.

Sie liegt in einer Höhe von 4275 Meter, ihr Wasser ist durch pflanzliches und tierisches Plankton rot gefärbt, aber es gibt auch grüne Partien, die zusammen mit den weißen Borax-Inseln ein buntes Mosaik in der Hochwüste des Altiplano ergeben. Drei Flamingoarten, darunter die seltenen Andenflamingos, sorgen für einen weiteren Farbton. Die 60 Quadratmeter große Lagune ist nur 0,5 bis 1,5 Meter tief und Teil des Nationalreservats "Andina Eduardo Avaroa".

Corinna, Jörg und ich stehen lange auf einem Hügel westlich der Lagune und verfolgen die scheinbar planlosen Bewegungen der stelzbeinigen Vögel. Als die Sonne hinter den umliegenden Bergen verschwunden ist, wird es schlagartig kalt. Die nahe Unterkunft ist wenig einladend. Die fensterlosen Zimmer sind schmutzig, die sanitären Anlagen unbetretbar und der Aufenthaltsraum eiskalt. Wir richten uns mit den arktistauglichen Schlafsäcken und dem fauchenden Benzinkocher einigermaßen ein - bei Spaghetti und eiskaltem Rotwein.

Morgens zeigt das Thermometer am Motorrad minus 18 Grad Celsius, im Osten kündigt der zarte Kegel des Zodiakallichts die bald einsetzende Morgendämmerung an. Eigentlich ist die Piste zu schwierig, um sie bei Dunkelheit zu befahren, doch wir wollen rechtzeitig an unserem Tagesziel Salar de Uyuni sein.

Bald nach dem Start öffnet sich die Landschaft und wird von versandeten, völlig vegetationslosen Flächen dominiert, begrenzt durch spektakuläre Felsen. Auch hier kontrastieren die Brauntöne der Wüste mit dem dunkelblauen Himmel und dem strahlenden Weiß der schneebedeckten Sechstausender. Kleinere Lagunen. sind wegen der winterlichen Kälte trotz hohen Salzgehaltes gefroren. In den eisfreien Wasserflächen stehen auch hier rosa Flamingos.

Bis zu sieben Meter dicke Salzdecke

Wir kommen gut voran, Xavier steuert den Landcruiser mit Jörg auf dem Beifahrersitz souverän durch das fahrtechnisch schwierige Gelände. Corinna und ich versuchen auf dem Motorrad, so gut wie möglich auf das Gelände zu reagieren. Plötzlich schlägt ein großer Stein, den ich übersehen hatte, bei 70 km/h gegen meinen rechten Fuß. Sofort spüre ich einen stechenden Schmerz - ich halte an und mache Gehversuche. Zum Glück kann ich auftreten. "Lass die Motorradstiefel an, dann kann es nicht so anschwellen", rät mir meine Freundin mit ihrer Erfahrung als Leistungssportlerin.

Ich setze mich wieder auf die Maschine und fahre mit Schmerzen weiter. 40 Kilometer nördlich verbringen wir die Nacht in einem Hostal an der Laguna Hodienda. Am nächsten Morgen tut mein Fuß noch mehr weh. Wir beschließen, das Motorrad zu parken und gemeinsam im Landcruiser zum vier Fahrstunden entfernten Salar de Uyuni zu fahren.

Linker Hand zieht der 5869 Meter hohe Vulkan Ollague mit seiner weißen Rauchfahne vorbei. Dann queren wir auf einem Salzsee die Schienen der einspurigen Bahnverbindung zwischen Bolivien und Chile und stehen schließlich am Ufer des größten Salzsees der Erde, dem Salar de Uyuni. Der schwere Landcruiser wird von der ausgetrockneten, zwei bis sieben Meter dicken Salzdecke leicht getragen. Plötzlich sind alle auf Pisten üblichen Rumpelgeräusche verschwunden, denn die 160 mal 135 Kilometer große Salzfläche ist absolut eben.

Nach einer halben Stunde schneller Fahrt haben wir noch lange nicht die Mitte des Salzsees erreicht. Die Salzfläche ist von einem feinen Polygonmuster überzogen, das entsteht, wenn das auf dem Salzsee im Sommer stehende Regenwasser im Herbst verdunstet. Nichts als unberührte Natur ist zu sehen.

Doch die Rohstoffe des Salar de Uyuni wecken Begehrlichkeiten. Der Abbau des Salzes zur Gewinnung von Speisesalz stellt noch den kleinsten Eingriff dar. Eine Handvoll Männer fördert mit Schaufeln und Spitzhacken pro Jahr 20.000 Tonnen Salz, nur ein winziger Bruchteil der geschätzten zehn Billionen Tonnen Salz des Salar de Uyuni.

Lithium ist das Gold der Zukunft

Ein ganz andere Dimension haben die Pläne internationaler Konzerne, den eigentlichen Schatz des Salar de Uyuni zu heben, die größten Lithiumvorräte der Welt. Über Jahrmillionen haben die sommerlichen Regenfälle das Lithium aus den Flanken der umliegenden Vulkane und aus der Vulkanasche gewaschen. Die hohen Verdunstungsraten führten zu einer ansteigenden Konzentration.

Die Salzlauge des Salars enthält pro Liter 300 Gramm verschiedener Salze: Steinsalz, Kali-, Magnesium- und Lithiumsalz. Der US Geological Survey geht von Vorräten von 5,4 Millionen Tonnen Lithium im Salar de Uyuni aus. Wenn man noch das Lithium im chilenischen Salar de Atacama und im argentinischen Salar de Humbro Morte hinzuzählt, finden sich auf dem Altiplano 70 Prozent der Weltlithiumvorräte.

Derzeit werden weltweit nur 93.000 Tonnen Lithium gefördert. Das Lithium des Salar de Uyuni ist daher Voraussetzung, um die Visionen der Autokonzerne hinsichtlich Hybrid- und Elektroautos Wirklichkeit werden zu lassen. Der bolivianische Präsident Evo Morales, auf dem die Hoffnungen vieler verarmter Indios ruhen, will keine Abbaulizenzen an internationale Konzerne vergeben, sondern Wege finden, um den Reichtum des Salar de Uyuni der Indiobevölkerung zugute kommen zu lassen.

Wir haben unsere Zelte auf der Salzfläche aufgeschlagen, Xavier ist mit dem Landcruiser ans Ufer zurückgekehrt, weil er die Kälte der Nacht fürchtet. Kaum ist die Sonne hinter den fernen Bergen verschwunden, stürzen die Temperaturen um 20 Grad auf weit unter den Gefrierpunkt. Jede Minute tauchen mehr Sterne auf, bald leuchtet die Milchstraße über der Salzfläche des Salars.

Bis weit nach Mitternacht hält es Jörg, Corinna und mich trotz der Kälte an den Stativen, um die Schönheit dieser Wüstennacht in Bildern einzufangen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eikfier 20.08.2010
1. ...besser hören
Zitat von sysopRosa Flamingos, rote Felsen, das Braun der Wüste und das Blau des Himmels: Die Hochwüste des bolivianischen Altiplano bietet eine berauschende Fülle an Farben. Bei eisigen Temperaturen übernachtet Fotograf Michael Martin auf dem größten Salzsee der Welt - und fängt seine Schönheit in Bildern ein. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,712311,00.html
...die Wüste mit dem Motorrad ist schon was Schönes, sobald man den Motor abstellt, nur noch das leise Knacken des abkühlenden Motors hört und sich der faszinierenden Stille der Wüste hingibt und dabei fast automatisch die Luft anhält, um sie besser hören zu können...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.