Südkoreas Seefrauen Auf Tauchgang mit den Haenyeo

Sie können bis zu vier Minuten ohne Pressluftflaschen tauchen, sammeln Meeresfrüchte per Hand und sind zwischen 60 und 80 Jahre alt. Die Haenyeo sind eine Attraktion auf der südkoreanischen Insel Jeju - noch.

José Jeuland

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Noch bevor man sie sieht, kann man sie schon hören: Mit einem pfeifenden Geräusch durchbricht eine alte Frau in einem zerschlissenen Neoprenanzug die Wasseroberfläche, klammert sich an eine orangefarbene Boje und füllt gierig ihre Lunge mit Sauerstoff.

Ihr faltiges Gesicht ist von einer altertümlichen, runden Taucherbrille verdeckt, die über Augen und Nase sitzt. Sie verweilt kurz im Wasser, pfeift einige Male durchdringend und taucht erneut ab. Minutenlang bleibt sie verschwunden. Dann ertönt wieder das Pfeifgeräusch, und die Taucherin gleitet geschmeidig zum steinernen Ufer. Mit einem zufriedenen Lächeln befördert sie einen riesigen Oktopus aus dem Wasser.

Die alte Frau ist eine Haenyeo, eine "Seefrau". Seit Hunderten Jahren leben die Haenyeo auf der südkoreanischen Insel Jeju und tauchen nach Meeresfrüchten. Inzwischen gelten sie als lebendes Wahrzeichen der Urlaubsinsel. 2016 nahm die Unesco die Haenyeo auf die Liste des immateriellen Kulturerbes auf. Am Ufer warten häufig Touristen, um die Meerfrauen von Jeju zu beobachten.

Die Haenyeo wollen nicht fotografiert werden

Der französische Fotograf José Jeuland hat sie besucht. "Bekannte Fotografen haben mir vorher erzählt, dass es unmöglich sei, die Haenyeo zu fotografieren", sagt er. Die Frauen mögen das nicht, hieß es, "ich solle meine Zeit nicht verschwenden." Noch dazu spreche er kein Koreanisch, da sei es besonders schwer, einen Zugang zu ihnen zu finden, sagt Jeuland. Doch er sei so von den Taucherinnen fasziniert gewesen, dass er nicht locker gelassen habe. Mehrere Male sei er nach Jeju gereist - bis er schließlich seine Fotos machen durfte.

Zur Person
  • José Jeuland
    José Jeuland, 36, kommt ursprünglich aus der französischen Bretagne und wohnt inzwischen in Singapur. Er ist nicht nur professioneller Fotograf, sondern auch Triathlet. Auf der südkoreanischen Insel Jeju fotografierte er das Leben der Haenyeo.

"Es gibt nur noch wenige Hundert Haenyeo auf Jeju", sagt Jeuland." Die meisten sind zwischen 60 und 80 Jahre alt." Doch ihre sportliche Leistung sei beeindruckend: Denn die Frauen tauchen ohne Pressluftflaschen.

Bis zu vier Minuten lang können die Frauen die Luft anhalten, während sie den Meeresgrund nach kleinen Fischen, Seegras oder Schalentieren absuchen. Wenn sie auftauchen, geben sie rhythmische Pfeiftöne von sich, die durch das Ausstoßen der Luft entstehen. "Sumbisori" nennen sie die spezielle Atemtechnik, die es ihnen offenbar erleichtert, danach erneut in die Tiefe abzutauchen. Das hohe Geräusch dient außerdem dazu, sich auch bei schlechter Sicht zu verständigen.

"Sie bleiben meistens zwischen drei und fünf Stunden im Meer", sagt Jeuland. "Sie müssen ja davon leben und ihre Familien unterstützen." Die geernteten Meeresfrüchte verkaufen die Haenyeo meist an teure Restaurants oder in die großen Städte, nach Busan etwa, die Metropole an der Südküste Koreas. "Sie können andere Tiere fangen als die großen Schiffe mit den weitmaschigen Netzen. Ihr Fang gilt als Delikatesse und ist etwas Besonderes", sagt Jeuland.

Fotostrecke

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Haenyeo auf Jeju: Die Meerfrauen von Südkorea

Mit sechs Jahren begann ihre Ausbildung, mit etwa 13 Jahren fingen sie an zu arbeiten. Meist lernten sie die wichtigsten Grundlagen von ihren Müttern. Diese zeigten ihnen geheime Tauchplätze und brachten ihnen bei, wie man die Meerestiere mit Messern und Eisenhaken von den Steinen löst.

Die Körper der Taucherinnen sind biologische Wunder. Forscher haben herausgefunden, dass sie Techniken beherrschen, mit denen sie ihr Lungenvolumen erweitern können. Sie nutzen etwa die Milz als Sauerstoffspeicher und können so mehrere Minuten unter Wasser bleiben. Doch auch für geübte Taucherinnen ist das nicht ungefährlich: Beim Auftauchen drohen Ohnmachten, deshalb arbeiten die Haenyeo immer mindestens zu zweit.

"Früher sind Männer und Frauen zusammen getaucht", sagt Jeuland. "Aber als im 17. Jahrhundert hohe Steuern auf die Arbeit der Männer eingeführt wurden, haben sie aufgehört." Es sei nicht mehr lukrativ genug gewesen. Die Frauen hingegen, die keine Steuern zahlen mussten, hätten weitergemacht.

Und so kam es, dass die Frauen auf Jeju - im Gegensatz zu vielen anderen ostasiatischen Kulturen, in denen das Patriarchat galt - oft das Familienoberhaupt waren. Sie sorgten für die Einkünfte, die Männer für die Kinder. In den Siebzigerjahren waren die Taucherinnen die treibende wirtschaftliche Kraft auf Jeju.

Stolz und unabhängig sind die Haenyeo bis heute. Die meisten von ihnen sind inzwischen Großmütter, doch immer noch tauchen sie in den Ozean hinab und ernten dort die Meeresfrüchte. "Nur Junge kommen keine mehr nach", sagt Jeuland. "Sie wollen in die großen Städte und dort zur Schule gehen oder studieren."

Die Zukunft der Seefrauen ist ungewiss. "Vielleicht gibt es sie noch 20 Jahre", sagt Jeuland. "Dann wird die Tradition wohl aussterben."

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insgesamt 3 Beiträge
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hornochse 08.02.2018
1. Wundervolle Bilder
wunderschöne und faszinierende Fotografien! Auf den Bildern 7 u. 8 ist eine Dame zu sehen, die mir bekannt vor kam. Sie kommt auch in der sehr interessanten Dokumentation vor aus dem Jahr 2013: Haenyeo Koreas Meerjungfrauen.
henrikb1 08.02.2018
2. Bewundernswerte Frauen ...
... aber sehr schade, dass auch dieser Beruf wohl in absehbarer Zeit aussterben wird ... MfG
opitz2010 08.02.2018
3. Nicht nur in Korea
Es ist angesichts der beginnennden Winterspiele in Südkorea verständlich, dass diese Geschichte dort spielt. Aber wie so oft im Leben ist das, was man für einzigartig hält, auch an anderer Stelle zu finden. Dazu braucht man nur den kleinen Sprung über das Meer nach Japan zu machen. Die Geschichte und gegenwärtige Lage der "Ama", wie sie dort genannt werden (gleichbedeutend mit der koreanischen Bezeichnung Haenyeo, nämlich "Meer-Frauen") wird unter https://munchies.vice.com/de/article/pgvp4m/unterwegs-mit-den-ama-den-70-jaehrigen-apnoetaucherinnen-japans zumindest genauso schön und mit vielleicht noch etwas farbiger erzählt.
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