Radtour in Namibia und Südafrika Wüstentour im Mondschein

300 Kilometer per Rad durch die Wüste - im Grenzgebiet zwischen Namibia und Südafrika ist das nur zweimal im Jahr möglich. Dann durchqueren bis zu hundert Radler den |Ai-|Ais Richtersveld Transfrontier Park bei Vollmond.

Christian Selz / TMN

Schon morgens brennt die Sonne unerbittlich über der kargen Steinwüste. Nur vereinzelt sträuben sich Büsche mit kleinsten, knochenharten Blättern gegen das Vertrocknen. Die fast unheimlich stille Landschaft gehört zu einem Nationalpark mit dem etwas sperrigen Namen |Ai-|Ais Richtersveld Transfrontier Park.

Er erstreckt sich vom nördlichen Teil Südafrikas bis ins südliche Namibia und wird von dem Grenzfluss Oranje geteilt. Durchquert man die Region mit dem Auto oder dem Reisebus, fährt man teils stundenlang durch sanfte Hügellandschaften und über staubige Straßen, ohne einem anderen Menschen zu begegnen.

Zweimal im Jahr, wenn die Temperaturen im April und September einigermaßen erträglich sind und der Vollmond auch nach Sonnenuntergang für ausreichend Licht sorgt, wird es im Richtersveld-Nationalpark etwas wuseliger: Dann durchqueren bis zu hundert Radfahrer die Wüste. Ohne Stoppuhr, jeder in seinem Tempo. "Desert Knights" heißt die Fahrradtour von Namibias Süden über den Grenzfluss Oranje in den südafrikanischen Norden. 300 Kilometer müssen zurückgelegt werden, 20 davon im Kayak auf dem Oranje.

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Fahrradtrip durch Afrika: Wüstentour auf zwei Rädern

Der Wald stirbt - und niemand weiß warum

Nach einer Einfahrrunde am ersten Tag führt die Etappe am nächsten Abend von dem kleinen Campingplatz Hobas nach |Ai-|Ais. "Heiß wie Feuer" bedeutet der Name in der Sprache der Nama. Gemeint ist das 65 Grad warme, schwefelhaltige Wasser der Thermalquelle. Seit den frühen Siebzigerjahren ist hier ein kleines Ferienparadies mit einem heißen Pool entstanden.

Weiter geht es auf der Schotterstraße, die sich von Hobas aus gen Süden durch die welligen Weiten zieht. Ein erbarmungsloser, staubtrockener Gegenwind lässt selbst dann den Schweiß laufen, wenn es einmal leicht bergab geht. Im Westen dringen Sonnenstrahlen durch die Wolken über dem Fish River Canyon, dem zweitgrößten Canyon der Welt.

Route der Wüsten-Fahrradtour
TMN

Route der Wüsten-Fahrradtour

Erosion ließ im Laufe der Zeit die bis zu 550 Meter tiefen Canyons entstehen. Der Fluss, der sich hier in die Erdkruste eingeschnitten hat, hat deren bewegte Geschichte wie ein Buch offengelegt. Vor 300 Millionen Jahren schob sich ein Gletscher über die Senke.

Die Ökosysteme des Parks sind bedroht. Am Grund des Oranje, dem einzigen ganzjährig Wasser führenden Fluss der Region, wimmeln exotische Schnecken, deren Vorfahren vermutlich von Aquariumsbesitzern stromaufwärts "entsorgt" worden sind. Der dünne grüne Uferstreifen leidet zudem unter der Überweidung durch die Ziegenherden der örtlichen Bevölkerung.

Die für ganz Afrika so charakteristischen Hirtenbäume, die sich mit einer hellen Borke vor der starken Sonneneinstrahlung schützen, können im Park locker 1500 Jahre alt werden. Doch von den einst 2000 Kilometern Auenwald ist nur noch ein Zehntel erhalten.

Woran genau das liegt, kann auch der Biologe Pieter Van Wyk nicht erklären, denn längere Trockenperioden sind in der Gegend eigentlich normal. "Es muss mit dem Klimawandel zu tun haben", sagt er. "Diese Pflanzen sind so angepasst an Dürre und Hitze, wir verstehen nicht, was passiert."

Van Wyk kann jede Pflanze der Region bei ihrem lateinischen Namen nennen - zum Lernen habe er fast 17 Jahre gebraucht, sagt er. Als er anfing, war er elf. Nun ist er 28 und schreibt neben einem Pflanzenführer gerade seine Abschlussarbeit. Seit 1847 lebt seine Familie bereits in der Landschaft Richtersveld.

Nur der Wind rauscht, sonst ist Ruhe

Trocken und zurückgenommen wirkt die Heimat des Biologen. Nur der Wind rauscht in den fast blattlosen Sträuchern, sonst ist Ruhe. Unterbrochen wird sie nur von drei Verpflegungsstationen, an denen die Radler Wasser und Energie tanken. Letztere in Form von Datteln, Keksen und Biltong, dem in Namibia und Südafrika allgegenwärtigen Trockenfleisch. Nach einer langen Vollmondfahrt über enge, steinige Pfade wartet schließlich das Ziel der sechstägigen Radtour: der Grenzübergang Sendelingsdrift.

Wer hier ankommt, hat nicht einfach nur Urlaub gemacht. "Es ist die Möglichkeit, in einer der großartigsten Landschaften der Welt zu meditieren", sagt Raymond Siebrits, ein Teilnehmer aus Kapstadt. Für seine Frau Hannah Baleta liegt die Besonderheit des Trips vor allem in dem engen Zeitfenster, das die Wüste bietet. Denn so meditativ die Ruhe auch sein mag, die kräftezehrenden Pisten sind mit dem Fahrrad nur an den relativ lauen Vollmondabenden zwischen Sommer und Winter sicher zu durchqueren.

Fahrradtour "Desert Knights"
Reisezeit
Die sechstägigen Radtouren finden immer rund um die Vollmondphasen im April und September statt. Tagsüber ist es dann sehr warm, nachts kann es kühler werden. Der nächste Termin ist der 2. bis 8. September 2017.
Anreise
Der vom Startpunkt in Hobas nächstgelegene erreichbare Flughafen ist Upington im Norden Südafrikas (400 Kilometer entfernt). Die Flüge in die Kleinstadt sind jedoch meist recht teuer, hinzu kommt, dass die Mietwagenanbieter für Fahrten nach Namibia in der Regel eine Grenzübertrittsgebühr verlangen. Günstiger ist daher die Anreise über Namibias Hauptstadt Windhuk (650 Kilometer entfernt). Hobas ist nur per Mietwagen zu erreichen, ein Geländefahrzeug ist für die guten Schotterstraßen aber nicht notwendig. Bei der Vermittlung von Leihfahrrädern und Fragen zur Anreise hilft der Veranstalter.
Einreise
Für die Einreise sowohl nach Südafrika als auch Namibia reicht für EU-Bürger ein Reisepass, der bei Reisebeginn noch sechs Monate lang gültig sein sollte.
Kosten
15.000 südafrikanische Rand (etwa 1100 Euro) pro Person für die gesamte Tour mit Vollverpflegung und Übernachtung in Zelten. In Namibia gelten sowohl der südafrikanische Rand als auch der daran gekoppelte Namibia-Dollar, in Südafrika jedoch nur der Rand. Die jeweilige Landeswährung kann in allen Städten am Geldautomaten abgehoben werden, nicht jedoch in den Camps des Parks.
Gesundheit
Besondere Impfungen oder Prophylaxen sind für den Süden Namibias nicht nötig, der "/Ai/Ais-Richtersveld Transfrontier Park" ist kein Malaria-Gebiet.
Informationen
South African Tourism, Friedensstraße 6-10, 60311 Frankfurt (Tel.: 069 92912950, E-Mail: info.de@southafrica.net, www.southafricantourism.de)
Informationen gibt es auch auf der Webseite Desert Nights.

Für den Rest des Jahres verschließt sich die oft so unwirtliche Landschaft wieder, dann wird die Sonne des Tages unerträglich oder der Wind der Nacht zu eisig. Einen Vorgeschmack gibt es dazu bereits am letzten Tag, als der Helskloof Pass die Radfahrer bei dichtem Nebel und neun Grad Celsius empfängt. Der Mensch ist da nur kurz geduldeter Gast.

Christian Selz, dpa/kry

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insgesamt 3 Beiträge
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wwwradtouren4ude 21.08.2017
1. Tolle Ecke der Welt. Radrennen im Swakopfluss
Das neben der eigenlichen Landschaftsschau noch mehr gehen kann, lesen wir in "Gegen Sand, Sonne und sich selbst". Hier nimmt Michael Schmitz als Kröhnung noch an einem Rennen im Swakopfluss teil. Die Teilnehmer sind fast alles deutsch sprechende Menschen. Die Wüste lebt!
Layer_8 21.08.2017
2. Jo
War mal im Januar da. Ziemlich sehr heiß. Auch nachts. Fishriver Canyon deswegen gesperrt (Reise kam kurzfristig zustande). Gegend trotzdem interessant. Zumindest für Leute aus dem grünen Europa.
Okello 22.08.2017
3. Noch mehr Radtour Bilder
Mein Freund hat vor kurzem Namibia durchquert. Hier noch mehr Bilder : http://www.lostcyclist.com/
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