Von Anke Richter
In den vergangenen 60 Jahren sind viele der Inseln jährlich sogar um zwei Millimeter gestiegen, statt zu sinken. In der gleichen Situation wie Tuvalu sind all die anderen flachen Atolle, deren höchste Erhebungen keine fünf Meter betragen. Doch niemand schlägt in Tokelau, Kiribati oder auf den Marshall-Inseln Alarm - was auch daran liegt, dass die Tuvaluaner die ersten mit Internetzugang waren. Mit dem Verkauf der "tv"-Domain wurde der Beitritt in die Uno gezahlt.
Afafoa Irata, Staatssekretär im Außenministerium, gibt freimütig zu: "Wir sensationalisieren das Thema." Was er sich davon verspreche? "Geld und Pässe." Denn die Emigration in reiche Nachbarstaaten ist auch dann für viele Insulaner attraktiv, wenn keine Evakuierung droht. Wer darüber negativ berichte, so Irata, komme auf eine schwarze Liste.
Am zweiten Tag der Untergangstour geht es für die japanischen Besucher einmal per Boot quer über die Lagune nach Tepuka Savilivili, an den Ground Zero der Südsee: ein Flecken, kahl wie eine Mondlandschaft. Nur ein Stück Styropor bleicht in der Sonne auf den Korallen. Drei Zyklone machten im Jahr 1997 die Vegetation des Inselchens zunichte. 200 Dollar kostet die Fahrt nach Tepuka Savilivili, am Katastrophen-Tourismus lässt sich gut verdienen.
An allem ist plötzlich der Klimawandel schuld
"Natürlich ist der Klimawandel ein riesiges Problem", sagt Arthur Webb, Küsten-Spezialist bei der geowissenschaftlichen Organisation Sopac in Fidschi. "Aber das ist nicht alles, was in Tuvalu passiert. Es ist nur ein Teil davon." Er spricht über Tiden-Zyklen, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte verlaufen. Über Erosion als natürlichen Prozess, den es immer schon gab: Das Meer nimmt Strand an einer Stelle weg und häuft ihn woanders wieder an. "Atolle verändern sich ständig. Da wird so vieles durcheinandergebracht. Alles heißt jetzt plötzlich climate change."
Die schlimmsten Schandflecken Tulavus sind die borrow pits - Löcher am Straßenrand von der Größe eines Tennisplatzes. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern gegraben und nie wieder aufgefüllt. Jetzt sind sie giftige, brackige Müllkippen und für Funafuti momentan eine größere ökologische Katastrophe als ein Ansteigen des Meeresspiegels. Die Hydrologie des Bodens ist dadurch schwer gestört. Im versalzenen Grundwasser sterben Pflanzen ab. Aber solche Fakten sind im PR-Krieg nicht unbedingt erwünscht. Sopac-Experte Webb sieht es pragmatisch: "Tuvalus starke Stimme hilft der ganzen Pazifikregion. Die Bedrohung ist real."
Es ist Abreisetag auf Funafuti. Die Japanerinnen kaufen vor der Flughafenbaracke Muschelketten und fotografieren sich gegenseitig. Der kalifornische Wissenschaftler strahlt, schüttelt Hände. Die Fragebögen für die Datenbank seien so gut wie fertig, verkündet er. Ein großer, schwerer Mann im frisch gebügelten Hawaiihemd checkt sein Gepäck ein: Der Finanzminister Tuvalus muss zu einer Konferenz nach Brüssel. Danach wird er sich um den "Global Environmental Fund" kümmern, den die Vereinten Nationen den 14 vom Klimawandel betroffenen Pazifikstaaten als Geldspritze zukommen lassen. Wie viel davon erhält Tuvalu? "Wir sollten an der Spitze stehen", sagt der Minister.
Das Flugzeug landet. Es spuckt wieder Weiße aus. Ein Fotograf, eine Soziologin, zwei Volunteers, die Bäume pflanzen wollen. The show must go on.
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