Weltenbummler mit Stil: Anzugmann auf Reisen

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Ob Almwiesen, der Grand Canyon oder die mongolische Steppe - wer an Orten wie diesen Anzug trägt, fällt auf. Und genau das will Young Kim. Der Amerikaner reiste zwei Jahrzehnte lang im feinen Zwirn durch die Welt, auf der Suche nach seiner Identität.

Reise im schwarzen Anzug: Suitmännlein im Walde Fotos
Suitman aka Young Kim

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Young Kim hasste Anzüge. "Ich habe mich vor diesem Outfit gefürchtet", sagt der heute 52-jährige US-Amerikaner. Doch weil er sich als Werbeberater ständig schick anziehen musste, wollte Kim seine Phobie überwinden - so wie andere ihre Angst vor Spinnen überwinden. Irgendwann in den Neunzigern fasste Kim einen Entschluss: Ab sofort wollte er jeden Tag in den Anzug springen. Montags bis freitags. Samstags und sonntags. Bei Geschäftsterminen. Privat. Auf Reisen.

Sein erster nicht beruflicher Trip in Sakko und passender Hose war ein Roadtrip durch die USA. Als Kim die Grenze zwischen den Bundesstaaten New York und New Jersey überschritt, wurde der "Suitman" geboren: Gekleidet in einem schicken schwarzen Anzug des japanischen Designers Yohji Yamamoto, war Kim gerade zu einem Urlaub in Richtung Westküste aufgebrochen. Doch was für den jungen Amerikaner begann, war die Suche nach einer neuen Heimat. Sie dauerte mehr als 20 Jahre.

Young Kim wurde 1960 in Südkorea geboren. Als Zehnjähriger wanderten seine Eltern mit ihm in die USA aus, wo er in Boston zur Schule ging und später Kunst und Design studierte. "Ich war naiv", sagt Kim, "und landete in der Werbung." Als Marketingberater und Regisseur von Imagefilmen reiste er viel um die Welt.

Kim fing an, sein Unterwegssein im Anzug mit einem Fotoapparat festzuhalten. Tausende Bilder gibt es von seinen Reisen, aufgenommen in den USA, Neuseeland, Äthiopien oder Deutschland. Sie zeigen einen ernst blickenden Mann, der verloren in Wäldern, Steppen oder Städten steht und ein bisschen wirkt wie in einer Fotomontage.

Schwarzer Anzug statt Blaumann

Der Vielreisende klebte seine Schnappschüsse in Tagebücher, die dicker und dicker wurden: Kim im Anzug mit mongolischen Pferden. Kim im Anzug mit indischen Kindern vorm Taj Mahal. Kim im Anzug auf einem Bahngleis im japanischen Nagano. Kim im Anzug vor einem antiken Tempel in Athen.

Er ging mit der schwarzen Kleidung campen, angeln, selbst sein Motorrad reparierte er nun im schnieken Zweiteiler. Ob in Amerika, Afrika oder Australien - die Leute blieben stehen, guckten ihn an, fragten, warum er im Anzug reiste und ständig Fotos von sich knipsen ließ. "Die Leuten fanden mich merkwürdig", sagt Kim. Das Gefühl kannte er schon.

"Als Teenager wollte ich unbedingt wie die anderen sein", sagt Kim über seine Jugend in Boston. "Ich gab mich amerikanisch, gab alles dafür, mich anzupassen, doch ich sah nun mal anders aus." Mit dem Anzug verstärkte er diese Tatsache nun bewusst. Am Grand Canyon stand außer ihm einfach niemand im Anzug, auch über die Almwiesen in den Alpen spazierte niemand außer ihm im feinen Zwirn.

Kim verbrachte viel Zeit in Bayern, er lief im Anzug durch München und posierte vor Fachwerkhäusern. Er habe einiges von Europa gesehen, sagt Kim, "ich hatte mal eine deutsche Freundin". Doch der Kontinent, der ihn am meisten interessierte, war Asien. "Ich bin Koreaner, aber ich wusste nichts von der Geschichte meines Landes - vielleicht gerade mal, dass Japan es kolonisierte hatte." Kim wollte beide Länder kennenlernen und hatte ein gutes Gefühl vor der Abreise. "Ich sehe asiatisch aus, ich werde kaum auffallen." Doch er irrte sich.

"Ich habe meine eigene Welt geschaffen"

Wieder fühlte sich Kim wie ein Außenseiter. Die Leute sprachen ihn auf Japanisch an und waren irritiert, dass er nur Englisch sprach. Er verhielt sich auch anderes als die Einheimischen. "Mein Gesicht passte nun zwar in die Umgebung, aber ich passte nicht rein."

Das war nicht nur in Japan so, sondern auch in Korea - ein Schock für Kim. "Ich fing an, darüber nachzudenken, in welche Gesellschaft ich überhaupt passe." Er war frustriert, weil ihn dieser Gedanke schon sein Leben lang umtrieb. Die Erkenntnis, auch in Asien "herauszustechen wie ein Fremdkörper", traf Kim hart. Er wollte sich plötzlich nicht mehr krampfhaft anpassen. "Ich habe das Verlangen nach Zugehörigkeit verloren", sagt er. "Ich wollte nur noch meine eigene Welt schaffen."

Der Werbeprofi versuchte von nun an, weniger kommerzielle Aufträge anzunehmen, und sich wieder mehr der Kunst zuzuwenden. Mit all seiner Erfahrung fiel es ihm nicht schwer, sich in eine Marke zu verwandeln. Er gab sich nun ganz offiziell den Namen "Suitman", und bewarb sich als Anzugmann für Shows, Werbekampagnen und internationale Ausstellungen. In einer kleinen New Yorker Galerie hatte er seinen ersten Auftritt, seinen zweiten bei einer Schau in Paris. Internationale Aufträge folgten, Young Kim stellte seine Fotografien aus und eröffnete ein Atelier in Hongkong - der perfekte Ort für ihn.

Wegen der mehr als 150 Jahre dauernden britischen Besatzung sei Hongkong keine typisch asiatische Stadt. "Die Menschen dort haben zwar immer ihre chinesischen Traditionen gelebt, sind aber offener für die westliche Kultur." Das Zentrum der Stadt flimmere wie der Times Square in New York, sagt Kim, und ein paar Blocks weiter sehe die Stadt heruntergekommen aus.

Das Wichtigste: "Du wirst akzeptiert, egal, ob du weiß bist, asiatische Gesichtszüge hast oder von wo auch immer kommst." Egal, ob man Jeans und Baumwoll-T-Shirts trägt. Oder einen schwarzen Anzug.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Trümmer
Anton Reiser 30.10.2012
Armes Erechtheion! Nicht einmal der Status "Ruine" wird ihm zugebilligt, "Tempeltrümmer in Athen" genügt als Bildbeschreibung offenbar schon.
2. Dem sein Problem...
c54 30.10.2012
... möchte ich haben! Aber von (Selbst-)Marketing versteht er was, der Knabe.
3.
jochus 30.10.2012
Ja, das mit dem Erechthion und den Trümmern hat mir auch sehr gefallen. Als ob man das Letzte Abendmahl mit "Fressen & Saufen" beschreibt.
4. optional
Kamillo 30.10.2012
Die Bilder sind auf ihre Weise irgendwie sehr witzig, ich würde gerne eine größere Ausstellung oder so damit sehen.
5. Ich...
Moin 30.10.2012
Zitat von KamilloDie Bilder sind auf ihre Weise irgendwie sehr witzig, ich würde gerne eine größere Ausstellung oder so damit sehen.
...auch! Die Bilder sind cool, gibt es die als Buch? Die Geschichte dahinter ist mir eigentlich egal, die Bilder wirken auch so genug.
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