Begräbnis-Ritual in Indonesien Der Totentanz der Toraja

Zwischen Tod und Beerdigung können bei den Toraja Jahre liegen. Das Volk in Indonesien pflegt enorm aufwendige Begräbnisrituale. Die Angehörigen kostet das viel Zeit und Geld, Besucher brauchen gute Nerven.

Simone Utler

Von Simone Utler


Nach ihrem Tod lag Adolphine Datuan Bandaso noch drei Jahre lang in ihrem Schlafzimmer. Mumifiziert, mit dem Kopf Richtung Paradies im Süden und inmitten eines Meeres aus Blumen. Erst dann wurde die Verstorbene in einen roten Sarg gelegt und auf einen eigens gebauten Turm aus Bambusrohr gebracht. Hier wird sie fast zehn Tage verbringen - so lange dauert ihre Begräbniszeremonie.

Das Gemälde, das an der Kopfseite des Sarges steht, zeigt eine braunhäutige Frau mit weißen Haaren, einem eingefallenen Mund und einem Blick, als beobachte sie das Geschehen auf dem Festplatz. Sie wurde 84 Jahre alt. Im Gras hocken Männer in schwarzen Sarongs und Hemden, einige Frauen stehen im Kreis und singen. Darüber hinweg schnarrt aus Lautsprechern eine Männerstimme, die über die nächsten Programmpunkte informiert.

Rund um den Festplatz stehen 70 rot gestrichene und reich verzierte Bambushütten, die den angereisten Gästen als Unterkünfte dienen und danach wieder abgerissen werden. "400 Menschen haben zwei Monate lang jeden Tag gebaut und gekocht", sagt Alex Bandaso, einer der Söhne der Verstorbenen, über die Ausmaße der Feier.

Dirapai nennen die Toraja eine Beerdigung dieser Größenordnung, die beim Adel, der höchsten der drei gesellschaftlichen Klassen, üblich ist. Trotz niederländischer Kolonialisierung und christlicher Missionierung konnte der Volksstamm im Hochland der indonesischen Insel Sulawesi seine Traditionen weitgehend erhalten. Noch heute leben viele Menschen in den für die Region typischen Holzhäusern mit den sattelförmigen Dächern, bauen überwiegend Reis an und setzen ihre Toten in Felsgräbern bei.

Ferienzeit ist Beerdigungszeit

Dass die Toraja mit ihren Beerdigungen lange warten, ist Tradition - und zunehmend ein Resultat der schwierigen Terminabstimmung. "Die ganze Familie muss teilnehmen können", sagt Bandaso. Der 64-Jährige ist mit seiner Frau, vier Kindern und etlichen Enkeln aus Westsulawesi in die alte Heimat gekommen.

Die Urlaubszeit ist daher Beerdigungshochsaison in Tanah Toraja. Von Juli bis September und im Dezember können Reisende, die die beschwerliche Busfahrt in die Region um Rantepao auf sich genommen haben, in fast jedem zweiten Dorf Festplätze im Auf- oder Abbau sehen. Auch ausländische Gäste sind willkommen, wenn sie sich in gedeckten Farben kleiden und ein Geschenk mitbringen.

Für die Toraja ist es keineswegs befremdlich, mit einer Beerdigung mehrere Jahre zu warten. Die Verstorbenen sind nach ihrer Vorstellung nur krank. Erst wenn sie beerdigt werden, sind sie tot. Und auch das ist nur der Übergang ins nächste Leben.

Vier Tage Begrüßung

Die Trauerfeier kostet so viel, dass Alex Bandaso mit dem Aufschreiben der Nullen nicht klarkommt. Wenn die mittlere seiner Angaben stimmt, wäre das ein sechsstelliger Euro-Betrag. "Jeder Angehörige gibt, was er kann." Nun wird gefeiert, mit Musik und Tanz, viel Essen und Alkohol, nach einem auf weißen Tafeln detailliert notierten Programm. Allein die Begrüßung der Kondolierenden dauert vier Tage.

Schon an Tag drei sieht Alex Bandaso mitgenommen aus. Seine schwarzen Haare hängen in Strähnen ins Gesicht, die Augen sind blutunterlaufen, der weiße Sarong sitzt schief. Er hat bis tief in die Nacht getanzt, selbstgebrannten Palmwein getrunken und ab 6 Uhr den Festplatz gereinigt. Gegen Mittag hat er bereits Hunderte Gäste begrüßt und dabei irgendwann seine Stimme verloren.

Ein Gongschlag verkündet die Ankunft neuer Gäste. Diese Gruppe hat 20 Schweine als Geschenke dabei. Männer tragen sie auf den Schultern, die Füße nach unten, mit je einem Bambusstab am Rücken und am Bauch bewegungsunfähig gemacht. Eines der Schweine stößt schrille Schreie aus. Bandaso hält sich die Ohren zu.

Büffel und Schweine für den Verstorbenen

Wenige Kilometer von den Bandasos entfernt verabschieden sich in diesen Tagen Freunde und Verwandte von Maria Namunu. Sie musste knapp zwei Jahre auf ihre Beerdigung warten. Eine lebensgroße Holzkopie der Dame - im pinkfarbenen Kleid, mit Goldschmuck und Bambushut - sitzt mit etwas grimmiger Miene im Zentrum des Festplatzes und wacht über das siebentägige Spektakel.

An diesem Morgen sind die Schlächter im Einsatz. "Damit es den Verstorbenen an nichts mangelt, werden zur Beerdigung Wasserbüffel und Schweine geopfert. Die Zahl variiert je nach sozialem Status", erklärt Salvinus Banne, ein Mitglied des Dorfkomitees.

Auf der Flanke eines rosafarbenen und damit sehr teuren Büffels steht in Sprühschrift der Name des Spenders. "Das wird alles ganz genau festgehalten, damit die Familie weiß, was sie wem bei einer künftigen Beerdigung zurückgeben muss", sagt Banne. "Außerdem müssen für jeden getöteten Büffel und jedes Schwein Steuern gezahlt werden."

Fast lautloses Massaker

Mit einem schnellen und kraftvollen Schnitt durchtrennt ein Büffeltöter die Kehle des ersten Tieres. Der Puls pumpt das Blut im Takt heraus, nach wenigen Sekunden sinkt das Tier zusammen. Die Männer lassen es zum Sterben liegen und führen die nächsten Büffel heran. Tiere stolpern übereinander, sinken nebeneinander nieder, mal den Kopf auf der Flanke eines Artgenossen, mal in einer Blutlache.

In der Luft hängt ein Geruch von Eisen. Es riecht, wie es schmeckt, wenn man sich auf die Lippe oder die Zunge gebissen hat. Zu hören ist von dem Massaker fast nichts. Die Büffel wirken, als hätten sie keine Angst und keine Ahnung, was eigentlich mit ihnen geschieht.

Für ungeübte Beobachter ist der Anblick dennoch schwer zu ertragen. Die wachsenden roten Lachen scheinen das Sandbraun des Festplatzes aufzusaugen, ein Tier bäumt sich noch einmal auf, versucht zu fliehen. Blut spritzt, Menschen johlen. Vor allem Männer und Jungen stehen dicht gedrängt um den Platz, auf dem die Tiere später zerlegt werden, damit die Gäste zum Abschied Fleisch mitnehmen können.

Zuletzt werden die Särge in einer großen Prozession zu ihren Ruhestätten getragen. Die Felsgräber der Toraja sind schon von weitem zu erkennen - an den Nischen, in denen Platz für die Abbilder der Verstorbenen ist. Auch die Figur von Maria Namunu wird dort Wind, Regen und Sonne trotzen. Ihre Holzversion wird noch an sie erinnern, wenn das Pink des Kleides schon lange nicht mehr zu erkennen ist.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version haben wir die Verstorbene Maria Namunu "Nenekku Tercinta" genannt. Die bedeutet jedoch auf Deutsch "geliebte Großmutter". Wir haben den Namen der Verstorbenen eingefügt und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
calipso1000 12.01.2014
1. ein kleiner Zusatz vielleicht...
... bei den Toraja geht es nicht nur darum dass alle Verwandte da seien, sondern es besteht auch die Meinung dass die "Verstorbenen" nachts ihr Bett verlassen und bei den Nachbarn und Bekannten ihre moralischen Schulden ausgleichen, also, wenn nötig, um Verzeihung bitten. Die Begräbnisse selber sind wirklich fröhliche Feste, denn der "Verstorbene" kann jetzt endlich zur Ruhe kommen da alles erledigt wurde. Zu meinen dass es sich nur um ein kompliziertes Rechnungswesen handelt, wie es leicht aus dem Artikel rüberkommt, ist ein bisschen zu zynisch.
spon-facebook-684330739 12.01.2014
2. Faszination pur
Im Sommer 2011 haben wir uns auf die abenteuerliche Reise nach Tana Toraja begeben. Sulawesi ist infrastrukturell ziemlich schwierig zu bereisen. Aus diesem Grund haben wir uns einen Wagen mit Fahrer gemietet, der uns auf einer lebensgefährlichen Fahrt von Ujung Pandang bzw. Makassar nach Tana Toraja gebracht hat. Ich würde in jedem Fall empfehlen auf einen Bus zu warten, da man eine solche Fahrt nicht erleben muss. In Tana Toraja fiel man selbst im Juli, der “High Season“ direkt auf, da es kaum andere Touristen gab. Aus diesem Grund hat es auch nicht lange gedauert bis wir einen Guide gefunden haben, der uns zu den Zeremonien mitgenommen hat. Man sollte auf jeden Fall ein Geschenk in Form von Alkohol oder Zigaretten mitbringen, da man der Familie des Vestorbenen seinen Respekt erbietet und daher nicht mit leeren Händen auftauchen sollte. Die Opferungszeremonie an sich war ein einzigartiges Spektakel, was die Reise in jedem Fall wert ist, auch wenn das “Gebotene“ wirklich nichts für schwache Nerven ist. An einem Tag wurden 15 Schweine und 6 Büffel vor unseren Augen getötet. Bilder gibt es unter http://daenyo.de/photos/southeast-asia/indonesia/east/
ghenry 12.01.2014
3. Nenekku Tercinta
Kleiner Hinweis: Das ist nicht der Name der Verstorbenen, sondern heißt 'meine geliebte Großmutter'.
spon-facebook-1563530921 12.01.2014
4.
Zitat von spon-facebook-684330739Im Sommer 2011 haben wir uns auf die abenteuerliche Reise nach Tana Toraja begeben. Sulawesi ist infrastrukturell ziemlich schwierig zu bereisen. Aus diesem Grund haben wir uns einen Wagen mit Fahrer gemietet, der uns auf einer lebensgefährlichen Fahrt von Ujung Pandang bzw. Makassar nach Tana Toraja gebracht hat. Ich würde in jedem Fall empfehlen auf einen Bus zu warten, da man eine solche Fahrt nicht erleben muss. In Tana Toraja fiel man selbst im Juli, der “High Season“ direkt auf, da es kaum andere Touristen gab. Aus diesem Grund hat es auch nicht lange gedauert bis wir einen Guide gefunden haben, der uns zu den Zeremonien mitgenommen hat. Man sollte auf jeden Fall ein Geschenk in Form von Alkohol oder Zigaretten mitbringen, da man der Familie des Vestorbenen seinen Respekt erbietet und daher nicht mit leeren Händen auftauchen sollte. Die Opferungszeremonie an sich war ein einzigartiges Spektakel, was die Reise in jedem Fall wert ist, auch wenn das “Gebotene“ wirklich nichts für schwache Nerven ist. An einem Tag wurden 15 Schweine und 6 Büffel vor unseren Augen getötet. Bilder gibt es unter http://daenyo.de/photos/southeast-asia/indonesia/east/
was an der fahrt lebensgefährlich sein soll, erschließt sich mir nicht. die busse sind so ziemlich das beste was ich auf mehr als 40 reisen in asien erleben durfte. und die straße ist absolut normal.
D_v_T 12.01.2014
5. optional
Interessant, dass dem Schlachten der Büffel weit mehr Text eingeräumt wird als der eigentlichen Beerdigung des Leichnams. Das muss den Autor wirklich sehr fasziniert haben. Vielleicht sollte dieser mal einen mitteleuropäischen Schlachthof besuchen, um zu sehen, wo seine Bärchenwurst herkommt.
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