Surfer im Gaza-Streifen "Wenn ein Brett bricht, ist alles vorbei"

Im Gaza-Streifen bestimmen Gewalt und Blockade den Alltag, doch am Mittelmeerstrand können die Bewohner vergessen. Dass die Wellenreiter vom Gaza Surf Club das Meer als Ort der Freiheit entdeckt haben, verdanken sie einem Amerikaner - und einem Israeli.

Alessandro Gandolfi

Von "Mare"-Autor Carsten Stormer


Starr verharrt er auf dem gelben Sand, an der Schnittstelle von Asphalt und Strand. Den Blick aufs Meer gerichtet, schweigt Mahmud nun schon minutenlang. Die See ist ruhig. Nur eine israelische Drohne am wolkenlosen Horizont surrt leise, sonst steht alles still am Strand von Gaza. Zu still für Mahmud. Über seine Lippen geht ein leiser Fluch.

Jeden Tag kommt Mahmud Al Reyashi, der Surfer, an diese Stelle an der Rashid-Straße, gleich vor ihm beginnt der Strand. Mahmud, 21 Jahre alt, glattes Kinn, kneift die Augen zusammen, die Stirn kräuselt, er zählt die Wellen. Nach fünf kleinen kommt eine größere. "Mit solch einer könnte es klappen, vielleicht", murmelt er und fingert sein Mobiltelefon aus der Hosentasche, spricht schnell und kurz: "Wellen … in einer halben Stunde … bis gleich!"

Dann hetzt er über die Straße, hinüber zu dem Haus aus rohem Beton mit rostigen Satellitenschüsseln auf dem Dach und einem verbeulten Autowrack davor, sprintet sieben Stockwerke nach oben, raus aus der Jeans, rein in den Wetsuit, klemmt sich das Longboard unter den Arm, rennt sieben Stockwerke wieder hinunter. Nur keine Zeit verschwenden, wer weiß, vielleicht ändert das Meer seine Meinung bald schon wieder. Surfen. Endlich surfen.

Denn der Alltag in Gaza ist langweilig, geprägt von Arbeitslosigkeit, Stundenzählen und Nahostkonflikt. Wenn er nicht surft, studiert Mahmud Multimedia an der Al-Aqsa-Universität in Gaza-Stadt, spielt mit Kumpels Fußball, chattet auf dem alten Computer eines Freundes auf Facebook mit der Welt, und jeden Tag von fünf Uhr früh bis mittags steht er mit seinem Bruder Ahmed am Familienstand auf dem Al-Yarruq-Markt und verkauft aus China importierte Radkappen, Scheibenwischer oder Rückspiegel, die durch die illegalen Schmugglertunnel nach Gaza gelangt sind.

Abends nimmt er jede Hochzeit mit, die in der Nachbarschaft gefeiert wird. Weil dort Musik gespielt wird und man tanzen, singen und mal ein bisschen die Sau rauslassen kann; allerdings nur mit Jungs, versteht sich. Und wenn er nicht arbeitet, tanzt, studiert oder surft, verfolgt er gebannt, wie sein geliebter FC Barcelona die Gegner deklassiert. So vergeht die Zeit. Surfen und Messi. Hauptsache, raus aus der engen Wohnung, die er sich mit seinen sechs Geschwistern und den Eltern teilt.

17 Jahre und kein Träume mehr

Mahmud ist als Erster am Scheikh-Eylin-Strand. Ein paar Minuten später trudelt Ibrahim Arafat ein, sein bester Freund. Ein frommer junger Mann, der selten lacht, 20 Jahre alt. Sie umarmen sich, klopfen auf Schultern. Das Trio komplettiert Yusuf Abu Ghanem, das Nesthäkchen, das manchmal die Schule schwänzt, wenn die Wellen gut sind. Yusuf ist ein Junge mit traurigem Blick. 17 Jahre alt und schon keine Träume mehr, weil sie ja ohnehin nicht in Erfüllung gehen, glaubt er. Jetzt stehen sie hier an der Schwelle zwischen Enge und Freiheit, vor ihnen Wellen, hinter ihnen der Alltag aus Einschränkungen, Verboten und Arbeitslosigkeit.

Drei Freunde, halbe Kinder noch, drücken ihre Surfbretter in den Sand und schauen aufs Meer, fixieren kurz das israelische Patrouillenboot, das sich dort draußen hin und her bewegt, wie ein Kettenhund an einer Leine. Fünf Mädchen schlendern langsam vorbei, sie tragen Kopftücher und sind in schwarze Mäntel gehüllt, lächeln schüchtern und ein wenig kokett in Mahmuds Richtung. Ihre Gesichter glätten sich, als sie merken, dass die Jungs durch sie hindurchblicken. Beleidigt wenden sie sich ab und wandern zurück in die Schatten von Hochhäusern im Rohbau.

Wellen bedeuten für die drei alles, vor allem Freiheit. Es ist ihre Art, allen, die ihre Träume, ihre Jugend, ihre Zukunft einsperren, zu trotzen: den Israelis, die einen Zaun um ihre Städte im Gaza-Streifen gezogen, die Grenze vermint und dichtgemacht haben. Den religiösen Hardlinern von der Hamas, die Kassam-Raketen in israelische Wohngebiete abfeuern, die Frauen unter Kopftüchern verstecken und Kultur, Tanz, Musik und eigentlich alles, was Spaß macht, verbieten. Und schließlich den Vereinten Nationen und allen anderen, die zwar viel reden, aber selten handeln.

Gaza ist ein Fliegenschiss von einem Landstrich, gerade so groß wie Sylt. 1,7 Millionen Insassen auf engstem Raum, 42 trübselige Kilometer lang und zehn Kilometer breit, mit einem Hafen, in dem keine Schiffe mehr anlegen, und einem Flughafen, in dem keine Flugzeuge mehr landen. Abgeriegelt von der Außenwelt - kaum jemand kommt heraus, fast nichts hinein. Hier ist die Zukunft für die meisten nie weiter entfernt als der nächste Tag.

Surfen heißt Spaß haben

Aber diese dunklen Gedanken haben auf einem Surfbrett nichts zu suchen. Surfen heißt, für ein paar Augenblicke Spaß am Leben haben, die Unbeschwertheit genießen, sich unbeobachtet fühlen, stolz darauf sein, eine Welle zu besiegen, Unabhängigkeit. Es ist ein bisschen so, als hätte man Gaza für eine Weile verlassen.

"Los!", brüllt Mahmud. Die Jungs rennen über den Strand, sie werfen sich in die Brandung, lachen, schreien, johlen. Mahmud, Ibrahim und Yusuf pflügen durchs Wasser. Der Einflussbereich der Hamas endet mehr oder weniger am Strand. Drei Meilen weiter draußen beginnt israelisches Gebiet, dort lauern die Marineboote. Es ist ein schmaler Korridor im Windschatten der Weltpolitik, der Mahmud und seinen Kumpels gehört. Mahmud hat schon öfter darüber nachgedacht, einfach hinaus aufs offene Meer zu paddeln, immer weiter. Einfach so. Aber das wäre Selbstmord. Es wurden schon Fischerboote beschossen, die über die Dreimeilenzone hinausgetuckert waren, weil dort Sardinenschwärme lagen.

Überhaupt, Mahmud träumt schon lange davon, den Gaza-Streifen zu verlassen, fremde Länder zu besuchen, mit anderen Surfern in Hawaii abzuhängen oder in Kalifornien. Aber er war noch nie raus aus Gaza, hat nie ein anderes Land besucht oder woanders Urlaub gemacht. Einmal war er eingeladen, an einem Schwimmwettbewerb in Ägypten teilzunehmen. Aber kurz vor der Abreise wurden die Grenzen dichtgemacht. Das war's dann.

Aber auch wenn Reisen möglich wäre: Wie sollte sich jemand ein Flugticket oder ein Hotel leisten, der jeden Tag von morgens um fünf bis mittags um zwölf Radkappen, Scheibenwischer und Schraubenschlüssel verkauft? In Gaza ist er eine lokale Berühmtheit. "Aber im Ausland kennt mich niemand." Das würde er gerne ändern. Aber dazu müsse erst einmal Frieden einkehren, die Grenze offen sein, und, na ja, ein bisschen mehr Geld würde auch helfen. In dieser Reihenfolge.

Es ist kalt, die Nässe und der aufkommende Wind lassen die Temperaturen sinken, aber für die Jungs beginnt die glücklichste Zeit des Tages. Adrenalin und Endorphin schießen durch die Venen, der Kopf wird leicht. Nur diese Welle, dieser Augenblick zählt, sonst nichts.



insgesamt 12 Beiträge
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Ganzgeber 30.09.2011
1. Gazastreifen
Der ist doch am Mittelmeer? Vielleicht nutzen sie die Wellen vorbeifahrender Schlachtschiffe aus?
teltowlle 30.09.2011
2. Syltvergleich
Sylt ist wesentlich kleiner als 42km. Wenn andere Spiegelartikel über Gaza genau so ungenügend recherchiert sind, ist eigentlich niemandem mehr vorzuwerfen, dass er sich doch lieber eine andere Meinung BILDet.
Roana, 30.09.2011
3. Deprimierend
die ganzen Umstände dort. Schön dass die Jungs sich einen kleinen Freiraum erobert haben. Unter den Umständen fast schon ein großer Sieg. Jungs ich wünsche Euch Hohe Wellen und Frieden! und... hang loose!
felisconcolor 30.09.2011
4. Religion
ist der falsche Weg Überall. Ich kann nicht surfen, leider aber ich kann es gut nachvollziehen was in den Jungs vorgeht.
gsfx, 30.09.2011
5. Da sieht man mal, was das größere Problem ist: Islamisten
Zitat von sysopIm Gazastreifen bestimmen Gewalt und Blockade den Alltag, doch am Mittelmeerstrand können die Bewohner vergessen. Dass die Wellenreiter vom Gaza Surf Club das Meer als Ort der Freiheit entdeckt haben, verdanken sie einem Amerikaner - und einem Israeli. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,789112,00.html
Da sieht man mal wieder, dass entgegen dem in der Presse oft dargestellten Zerrbild (Israel sei an allem schuld) auch die Islamisten einen guten Anteil an der Misere haben.
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