Surinam in Südamerika Faultierretter unterwegs

Dichter Regenwald bedeckt noch weite Teile Surinams. Doch wilde Tiere lassen sich im tropischen Dschungel nicht so einfach entdecken. Umweltschützer helfen dabei - und zeigen Delfine und Faultiere.

TMN

Nur wenige Zentimeter beträgt die Sichtweite auf dem Suriname-Fluss. Das schlammige Wasser platscht im Takt gegen den Rumpf des hölzernen Fischerbootes. Am Himmel das gleiche Trauerspiel. Gerade herrschen in Surinam schlechte Bedingungen für außergewöhnliche Fotos.

Doch dann springen plötzlich Guyana-Delfine aus dem Brackwasser. Links neben dem Boot hört man einen schnaufen, er bläst eine drei Meter hohe Fontäne in die Luft. Rechts zeigt sich kurz eine kleine Rückenflosse. Dann tauchen vor dem Boot kurz mehrere Tiere auf. Ein Schnappschuss ist schwierig.

Das merken auch die jungen Freiwilligen an Bord. Seit 2005 ist der Green Heritage Fund Suriname (GHFS) jeden Sonntagmorgen mit einigen Helfern auf dem Fluss unterwegs. Wenn die Sonne hinter den Bäumen aufgeht, erfassen die Aktivisten vor der Hauptstadt Paramaribo den gefährdeten Bestand an Delfinen. Sie werden chauffiert von einheimischen Fischern und gelegentlich auch begleitet von Touristen.

Monique Pool ist jeden Sonntag dabei. Die 54-Jährige mit schwarz gelocktem Haar ist die Gründerin des GHFS. Der Schutz der Delfine im Bereich der Flussmündung hat sich zu einem Vorzeigeprojekt für nachhaltigen Tourismus entwickelt. Die Organisation hat die Fischer zu Delfinbeobachtern gemacht.

Pools Team mietet jede Woche ein Fischerboot samt Kapitän, obwohl es wesentlich günstiger wäre, ein eigenes Boot anzuschaffen. Doch so verdienen die Fischer mit. Inzwischen werden mehrmals pro Woche Touren angeboten - für die wenigen Urlauber im Land.

Per Buschflugzeug nach Palumeu

Surinam ist einer der letzten weißen Flecken auf der touristischen Landkarte. Das kleinste unabhängige Land Südamerikas ist multikulturell wie kein anderes, wegen der Kolonialgeschichte. Heute leben Menschen mit Vorfahren in Westafrika, Indien, Java, China, Europa und dem Libanon in Surinam. Die Küche des Landes ist entsprechend vielfältig.

Außerhalb der Städte ist das Fortkommen mit dem Auto schwierig - oder unmöglich. Die dichte Bewaldung des Landes mit etwa 90 Prozent Primärregenwald verhindert das. Zwar ist die Küstenlinie gut erschlossen, in südlicher Richtung aber ist am Brokopondo-Stausee Schluss. Dort muss man mit dem Boot weiter. Reisende haben keine andere Wahl, als Ausflüge bei örtlichen Veranstaltern zu buchen.

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12  Bilder
Surinam: Prustende Delfine, träge Faultiere

In den tiefen Regenwald geht es nur über den Luftweg. Ein kleiner Buschflieger startet auf dem Inlandsflughafen Zorg en Hoop. Wenige Minuten nach dem Start verschwindet Paramaribo aus dem Blickfeld. Schnurgerade Straßen ziehen sich durch das grüne Land. Dann sind weite abgeholzte Flächen zu sehen: Für illegale Goldschürfungen auf Höhe des Brokopondo-Stausees wurde der Regenwald gerodet. Zwischen den lehmartigen Böden schimmern silbrige Wasserflächen in allen erdenklichen Grün- und Blautönen.

Der Pilot des Flugzeugs zeigt nach unten und schüttelt den Kopf. Es ist das Quecksilber, das er problematisch findet. Es wird eingesetzt, um das Gold aus dem Gestein zu bekommen. Irgendwann gelangt es in die Flüsse und verseucht die Gewässer des Landes. Im Süden sollte man besser nicht fischen. Selbst im Norden, wo die Flüsse ins Meer münden, ist der Quecksilber-Anteil erheblich.

Nach der Landung im Dorf Palumeu begrüßt Reiseführer Espanyo die Passagiere. Er ist ein Enkel des Dorfältesten. Im Amazonas-Gebiet Surinams aufgewachsen, arbeitet er seit dem 16. Lebensjahr als Tourguide. In Palumeu wohnen 300 Einheimische der drei Stämme Trio, Wayana und Akurio, für Touristen wurden fünf Holzhütten mit jeweils zwei abgetrennten Wohnbereichen für insgesamt 20 Personen geschaffen.

Ausflüge mit dem motorisierten Kanu, Picknick mitten im Regenwald und Baden im Tapanahony River - das ist das Programm für die kommenden fünf Tage. "Das Schwimmen im Fluss ist ungefährlich", sagt Espanyo - und fängt mit Schnur, Haken und Wasserpflanzen einen Piranha. "Einen vegetarischen Piranha", sagt er. Diese Art gehört zu den sogenannten Sägesalmlern. Der Fisch ernährt sich nur von Pflanzen und lebt im Amazonas zwischen Surinam und Französisch-Guayana.

Information Suriname
Anreise
Surinam Airways, KLM und TUIfly fliegen von Amsterdam direkt zum Johan Adolf Pengel International Airport (PBM) in Paramaribo. Günstiger sind Flüge ab Deutschland mit mehreren Zwischenstopps, beispielsweise in Miami und Trinidad und Tobago.
Einreise und Formalitäten
Deutsche Staatsangehörige benötigen für die Einreise kein Visum, müssen am Flughafen in Paramaribo aber für 30 Euro eine Touristenkarte kaufen, die für eine einmalige Einreise gültig ist. Wer auf dem Landweg kommt, muss die Karte vorab erwerben. Eine Gelbfieberimpfung ist nötig. Mehr Infos bei den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amts.
Gesundheit
Neben den Standardimpfungen wird eine Impfung gegen Hepatitis A empfohlen, bei Langzeitaufenthalt auch gegen Hepatitis B, Tollwut und Typhus. Ganzjährig hohes Übertragungsrisiko von Malaria. Mückenstiche durch lange Kleidung, Netze und Insektenspray vermeiden.
Veranstalter
Reisen nach Palumeu oder Kasikasima bieten zum Beispiel METS und Orange Travel an. Wer einen deutschen Ansprechpartner bevorzugt, kann über Napur Tours oder Reisen mit Sinnen buchen. Reisen ins Kabalebo Nature Resort können auf www.kabalebo.com gebucht werden.

Am Abend landet der Piranha in einem Kochtopf. Das geht hier vielen Tieren so - vom Leguan bis zum Tucan. Das Geld aus dem Tourismus hat geholfen hat, das Dorf zu entwickeln, Schulen zu bauen und Lehrer zu bezahlen. Ansonsten leben die Menschen hier weitgehend autark. Seit Espanyo laufen kann, ist er mit den Männern des Dorfes zur Jagd gegangen, hat Spurenlesen gelernt, Bogenschießen und die Jagd mit dem Gewehr. "Ich habe schon fünf Jaguare erlegt", erzählt er beim Abendessen.

Viele Reisende kommen nach Palumeu, um in der Abgeschiedenheit des Regenwalds wilde Tiere zu beobachten. Das Töten können sie nur schwer nachvollziehen. Espanyo erklärt, er habe in Notsituationen gehandelt. "Lieber stirbt der Jaguar als ich." In Palumeu sieht man keine Tiere, sie haben sich aus Angst vor den Jägern tief in den Wald zurückgezogen.

Faultierretter unterwegs

"Wenn man Tiere beobachten möchte, dann sollte man in Palumeu die Wanderung zum 718 Meter hohen Berg Kasikasima unternehmen", sagt Monique Pool, die Umweltschützerin an der Küste. Viele Reisende wenden sich an ihre Organisation, wenn sie vor der Abreise unbedingt noch Ameisenbär oder Faultier sehen wollen, die durch die Abholzung des Regenwalds bedroht sind und durch herabstürzende Bäume verletzt oder getötet werden.

Das Team von der Faultierrettung ist jeden Tag im Einsatz. Es liest Tiere auf, bringt sie ins Rettungszentrum und päppelt sie für die Rückkehr in den Regenwald wieder auf. Bis Juli 2017 befand sich das Herzstück des Zentrums in Moniques privater Wohnung. Dutzende Faultiere okkupierten oft wochenlang die Räume der 54-Jährigen.

Dann konnte mit Spendengeldern ein modernes Rettungs- und Besucherzentrum aus alten Schiffscontainern in Misgunst gebaut werden, eine Stunde westlich von Paramaribo. Dort werden die Tiere auf zwei Etagen versorgt. Das Grundstück hat Moniques Organisation aus dem Familienbesitz ihrer Tante erstanden.

Fragt man die Umweltschützerin nach ihrem größten Traum, gesteht sie, dass sie gerne Millionärin wäre. Damit würde sie den letzten verbliebenen Regenwald in Paramaribo kaufen und unter Naturschutz stellen.

Steven Hille, dpa/abl

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