Tadschikistan Schönheit auf dem Schafdung-Pass

Trocken wie die Sahara ist der Osten des Pamirgebirges - trotzdem weiden Yaks auf den Hochebenen und Geysire sprudeln heiße Fontänen. Fotograf Michael Martin gelangt über den Pamir-Highway zu Hirtenjurten und Containerdörfern. SPIEGEL ONLINE zeigt seine besten Fotos.

Michael Martin

Von Schlagloch zu Schlagloch hüpft unser UAZ-Bus über den Pamir-Highways in Tadschikistan. Viel zu schnell treibt unser Fahrer Pamirbek das störrische Gefährt in die Kurven, immer wieder kommen wir dem Abgrund bedrohlich nahe.

Die Steigung des 4200 Meter hohen Koitezek-Passes setzt zum Glück die Reisegeschwindigkeit auf 20 km/h herab. Mühsam quält sich nun das Produkt sowjetischer Autobaukunst die engen Haarnadelkurven nach oben, unterbrochen von Kühlpausen, in denen die überhitzte Benzinpumpe mit einem Schuss Wasser dazu gebracht werden muss, Benzin statt heißer Luft zu fördern.

Jörg sinniert: "Wieso heißt die Strecke eigentlich Highway?" "Wohl weil große Streckenteile auf über 4000 Meter Meereshöhe verlaufen", antworte ich eher ironisch, als wir den Scheitelpunkt des Koitezek-Passes erreicht haben.

Die Passhöhe bildet die natürliche Grenze zwischen dem West- und Ostpamir. Während im Westen tief eingeschnittene Täler und Steilhänge die Hochgebirgslandschaft prägen, sind glattere Reliefformen und Hochebenen typisch für den Osten. Hier ist das Klima kontinental und so trocken wie in der Sahara. Das von den Gletschern und Schneefeldern gespeiste Schmelzwasser lässt auf dem "Dach der Welt" fruchtbare Hochweiden gedeihen. Ein paar tausend Kirgisen züchten dort Yaks und Schafe.

Geysir zum Privatvergnügen

Nach Überwindung des Koitezek-Passes (zu deutsch Schafdung-Pass) verlassen wir den Highway und rumpeln auf einer winzigen Piste in das 15 Kilometer westlich gelegene Dorf Bulunkul. Der Ort besteht aus einigen festen Häusern, ein paar Jurten und einer Reihe sowjetischer Container, die zu Hütten umfunktioniert wurden. Der Ort hält den landesweiten Temperaturrekord: minus 63 Grad Celsius! Aber schon Ende September fallen die Temperaturen nachts auf minus zehn Grad.

Jörg, ich und Benjamin, unser für die deutsche Entwicklungshilfeorganisation GTZ arbeitende Reisebegleiter, finden Unterschlupf in einem "Homestay", einer Art Privatpension. Am nächsten Morgen sorgen der klare Himmel, die aufgehende Sonne sowie der Rauch der vielen Öfen das von Kirgisen bewohnte Dorf für eine ganz besondere Atmosphäre.

Am frühen Vormittag erreichen wir den Yashil Kul, einen tiefblauen See, der von vergletscherten Sechstausendern überragt wird. Spektakulärer Höhepunkt der Region ist ein namenloser Geysir, der zwar hinsichtlich der Höhe der Fontäne nicht mit den Geysiren des amerikanischen Yellowstone Parks mithalten kann, den wir aber ganz alleine für uns haben.

Eine miserable Piste bringt uns zurück auf den Pamir-Highway, der nun der langgestreckten Hochebene von Alichur folgt. Auf den sattgrünen Weiden grasen Yaks und Schafe, dazwischen stehen die weißen Jurten der Kirgisen, welche die Sommermonate dort verbringen. Ende September werden die Tiere in die wenigen Ortschaften getrieben, wo sie besser vor dem Wind geschützt sind. Die Familien überstehen den grimmig kalten Winter, indem sich alle Mitglieder in einem beheizten Raum drängen.

Doch noch wärmt die Sonne und die Tiere stehen gut im Futter. Wir machen Rast an einem winzigen See, der bekannt ist für seine schmackhaften Fische, die in einer benachbarten Jurte zubereitet werden. Der See hat für die Kirgisen große Bedeutung, wird seinem türkisblauen Wasser doch heilende Wirkung zugeschrieben. Krankes Vieh wird daher von den Halbnomaden um den See getrieben.

Wärmedämmung mit Algen

Unser Tagesziel ist Murghab, Verwaltungszentrum des Ostpamirs und seit der Fertigstellung des Pamir-Highways im Jahre 1934 wichtiger Etappenort. Wir finden wieder Unterschlupf in einem Homestay und verbringen einen gemütlichen Abend mit unseren Gastgebern in der neben dem Haus aufgebauten, beheizten Jurte.

Am nächsten Morgen führt uns Benedikt zu einem der 50 Häuser, die mit Hilfe der GTZ in Murghab isoliert wurden. Der Hausbesitzer erzählt, dass er einen Mikrokredit bekommen habe, um den Einbau von Isolationsfenstern sowie die Wärmedämmung von Fußboden und Decke mit einheimischen Algen in einem Zimmer zu finanzieren. Mit deutlich weniger Heizenergie erzielt er nun auch in der kalten Jahreszeit im Winterzimmer eine angenehme Raumtemperatur.

Diese Isolationsmaßnahmen tragen neben der geringeren Kohlendioxidbelastung vor allem dazu bei, dass weniger Teleskin-Büsche aus dem Boden gestochen werden müssen. Das massenhafte Herausreißen der bis zu 50 Jahre alten Bodenpflanzen führt zu erhöhter Erosion und setzt den Teufelskreis der Desertifikation, der Verwüstung, in Gang.

Wir besuchen den Markt von Murghab, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Ortszentrum entstehen konnte. Die einzelnen Marktstände befinden sich in russischen Containern, das Angebot reicht von der Satellitenschüssel bis hin zu Obst aus Kirgistan.

Wir ergänzen unsere Vorräte und packen den UAZ-Bus für die nächste Etappe. Wir wollen das Symboltier des Pamirs finden, das Marco-Polo-Schaf.

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