Currywurstbude in Taiwan Drei Meter Deutschland

Deutsche Grillwaren zwischen Stinke-Tofu und Hello-Kitty-Strumpfhosen: In der taiwanischen Großstadt Kaohsiung brät ein junger Sachse Currywurst auf dem Nachtmarkt. Seine härteste Konkurrenz? Schweinshaxen-Verkäufer.

Von Stephan Orth

Stephan Orth

Das Wursthaus befindet sich in Gasse zwei, gegenüber vom Entenblut- und Tofu-Stand, gleich neben der Zitroneneisteefrau. Auf dem Tresen eine Schnitzfigur aus dem Erzgebirge, mit rundem Mund wie ein Staun-Emoji. "Bratwurstmax" steht auf der Schürze des Holzmännchens, vor ihm ein faustgroßer Mini-Grill mit Senftopf. Vervollständigt wird die Deko durch eine Dose Oettinger-Hefeweizen.

Am echten Grill dahinter steht Pascal Grabner aus Lugau in Sachsen und ruft: "Zhao pai, chou ren qi xiang chang, wo zi ji zuo de!", das heißt in etwa: "Besonderes Essen, sehr populäre Wurst, ich habe sie selber gemacht!" Immer wieder drehen sich Köpfe in der vorbeiwabernden Menschenmasse zu ihm um, auf dem Rueifong-Nachtmarkt ist er als einziger Deutscher ein Exot. Das laminierte Poster "NO.1 Currywurst" mit schwarzrotgoldener Flagge enthält keine Übertreibung, das Monopol ist ihm in Kaohsiung im Süden Taiwans gewiss.

Der Name "Das Wursthaus" dagegen ist etwas dick aufgetragen, schließlich handelt es sich um einen kleinen Stand aus Holz, etwa drei Meter breit. Doch es geht hier nicht um Größe: "Kunden, die schon einmal in Deutschland waren, sagen: 'Toll, jetzt haben wir hier unser kleines Deutschland'", berichtet Grabner. Der 32-Jährige mit Dreitagebart und schwarzem "Attitude is everything"-T-Shirt ist ein Job-Weltenbummler. Er hat in Holland Marketing studiert und jahrelang in Tschechien und China gearbeitet.

Drei Meter Deutschland, mitten in der Ameisenhügelgeschäftigkeit des quirligsten Nachtmarkts einer taiwanischen 2,7-Millionen-Metropole. Ein Hauch von Currywurst-Gemütlichkeit zwischen Tarot-Kartenlesern und Schießständen, zwischen Anbietern von Chicken Nuggets, iPhone-Schutzhüllen, gebratenem Tintenfisch, Hello-Kitty-Strumpfhosen und Früchten in Zuckerglasur.

Und Schweinshaxen. Insgesamt sechs Stände sind auf Schweinshaxe spezialisiert, die Verkäufer sind allesamt Taiwaner. Was sie nicht daran hindert, ihr Angebot mit vielen Deutschlandflaggen zu bewerben. "Die sind die größte Konkurrenz für mich", sagt Grabner. Schweinshaxe ist längst etabliert, gilt als die deutsche Spezialität, angekommen wie Adidas oder Mercedes. Auch wenige Meter von Grabner entfernt arbeitet ein Haxenmann mit Kohlegrill. "Wenn der Wind falsch steht, stinke ich den ganzen Abend", schimpft der Sachse.

60 Dollar für eine Wurst

"Deguo xiang chang, deguo xiang chang!", ruft er den Passanten zu, "deutsche Wurst, deutsche Wurst!" Mit seinem Produkt anzukommen, ist nicht ganz leicht, obwohl Freude am Essen zum nationalen Selbstverständnis gehört. "In Taiwan kennt man Würstchen, aber die sind meistens süßer und grober. Für viele sind die weichen Currywürste sehr ungewohnt." Außerdem sei es schwierig, klares Feedback zu bekommen. "Wenn ich frage, ob es schmeckt, antworten sie fast immer 'ja'. Aber Taiwaner sind nicht immer ehrlich - weil sie sehr höflich sind und nicht wollen, dass ihr Gegenüber das Gesicht verliert."

Zudem ist der Preiskampf auf dem Nachtmarkt hart und die Auswahl riesig. Die Portion "stinkender Tofu" kostet 60 Taiwan-Dollar (etwa 1,70 Euro), eine Plastikschale Tintenfisch 55. Grabner nimmt 75 Taiwan-Dollar für eine große Portion ohne Pommes. Nach vier Monaten auf dem Markt kam er zum ersten Mal bei null raus, jetzt, nach über zwölf Monaten, hat er bereits einige Stammkunden und fährt kleine Gewinne ein. Die Frage, inwieweit verarbeitete Fleischwaren das Krebsrisiko erhöhen, war hier in der Presse kein so großes Thema wie jüngst in Deutschland.

Den Taiwanern Currywurst zu verkaufen, war eigentlich eine Schnapsidee. "Ich bin ein spontaner Mensch, die wichtigsten Entscheidungen habe ich immer in wenigen Minuten getroffen", sagt der 32-Jährige. Seine Freundin ist Taiwanerin, deshalb wollte er in Kaohsiung leben. An einem Wochenende brachte ihm ein befreundeter Metzger in Sachsen das Wursten bei.

Der Wurstexperte ist Vegetarier

Heute kann Grabner zehnminütige Monologe halten über Därme mit Kaliber 26 und 28 und die Schwierigkeiten, in Taiwan gute Lieferanten dafür zu finden; über Wurstfüller mit Handkurbel; über seine Pläne für einen Online-Wurstversand; über den praktischen Service der allgegenwärtigen 7-11-Shops, gekühlte Waren an einen beliebigen Laden im ganzen Land zu versenden. Und über seine Wohnung, wo sich einmal pro Woche Wohnzimmer und Balkon in eine Metzgerei verwandeln. Zusammen mit seiner Freundin braucht er zehn Stunden, um 50 Kilogramm Fleisch zu verarbeiten. Er selbst sei eigentlich Vegetarier, aber im fleischverrückten Taiwan habe man es damit nicht leicht.

Viele Kunden waren selbst einmal in Deutschland, natürlich kommen ab und zu deutsche Expats vorbei, die den Geschmack der Heimat vermissen. "Und manche sind Studenten und wollen Deutsch üben. Sie reden die ganze Zeit und stören das Geschäft. Und dann kaufen sie nur einen Kartoffelsalat." So sehr "Made in Germany" in Taiwan als Qualitätssiegel geschätzt wird: Von einem Currywurst-Siegeszug, vergleichbar mit dem Durchbruch von taiwanischem Bubble Tea in deutschen Großstädten, ist er wohl noch weit entfernt.

Was er an seiner Wahlheimat mag? "Das Wetter ist gut, die Menschen sind freundlich, die Kriminalität ist niedrig. Und die Natur ist schön. Von der habe ich allerdings noch nicht so viel gesehen, nur auf Fotos im Internet." Seit über einem Jahr ist er hier, doch für längere Besichtigungstouren war bislang keine Zeit. "Ich hatte ja keine Ahnung, wie viel Arbeit das Wurstgeschäft ist", sagt Grabner.

Adresse: Rueifong-Nachtmarkt, Yucheng Road, Zuoying District, Kaohsiung. Nächstgelegene Metrostation: Kaohsiung Arena. Bekannter ist der "Liouhe Tourist Night Market", dort geht es aber erheblich touristischer zu.

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