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Tattoo-Künstler in Neuseeland: Meister der Mokos

Von Alva Gehrmann

Robbie Williams hat eins, Mike Tyson auch: ein Moko. Inia Taylor gilt als Meister der neuseeländischen Tattoo-Kunst. Seine Werke sind mehr als Körperschmuck. Sie erzählen vom Leben des Trägers.

Tattoo-Künstler in Neuseeland: Ein Muster für jeden Kunden Fotos
Alva Gehrmann

Das Studio erinnert an eine alte, verlassene Ranch. Man braucht schon eine genaue Wegbeschreibung, um die Holzhütte in der grünen Einsamkeit zu finden, rund 30 Autominuten außerhalb von Auckland. Auf der Veranda stehen verstaubte Sofas und Stühle mit aufgeplatzten Polstern, neben dem Eingang streckt eine gezeichnete Figur dem Besucher die Zunge entgegen. Und dann ist man mittendrin: in Inia Taylors Studio "Moko Ink".

Der Neuseeländer mit Maori-Wurzeln ist der bekannteste Tätowierer seiner Heimat. Er hat dicke Dreadlocks, trägt schwarze Kleidung und ist gerade in die Arbeit vertieft. "Kein Problem", sagt Taylor. "Schnapp dir einen Hocker und dann reden wir nebenbei." Seit ein paar Stunden schon sitzt sein heutiger Kunde auf dem Stuhl.

Dougie trinkt unentwegt Wasser aus einer großen Flasche, zwischendurch pustet er, kneift die Augen zu, verzieht sein Gesicht. Doch seine Verlobte sitzt in der Nähe, und dann ist da plötzlich noch eine deutsche Journalistin, da heißt es tapfer und stark sein. "Heute ist mein 28. Geburtstag", erzählt Dougie. "Elf Jahre lang habe ich überlegt, bevor ich mir jetzt dieses Moko auf den Oberarm stechen lasse."

Woher? Welcher Stamm?

Ein moko oder ta moko, so heißt die traditionelle Körperkunst der Maori, ist nicht einfach ein ornamentreiches Tattoo - es erzählt etwas über die Lebensgeschichte seines Trägers. Das Verzieren der Körper und Gesichter hat bei den Polynesiern eine lange Tradition, die jedoch zeitweise in Verruf kam. Bis in die neunziger Jahre assoziierten viele Neuseeländer mit Mokos entweder etwas längst Vergangenes oder gewalttätige Gangmitglieder und arme Maori. Mittlerweile wird die Kultur der Maori auch vom Staat gefördert. Heute sind Mokos wieder beliebt und werden mit Stolz getragen.

Wenn ein Maori Taylor besucht, unterhalten sie sich zunächst eine Weile. Zu welchem Stamm gehörst du? Was ist in deiner Familie passiert? Was ist dir wichtig? Erst wenn all diese Fragen geklärt sind, zeichnet er das Muster für seinen Kunden. Jede geschwungene Linie, jede Form repräsentiert das Leben der jeweiligen Person, wie zum Beispiel von Dougie: Manches erinnert an Flammen, anderes an geschlungene Pflanzen wie Farne.

Taylors Körper erzählt ebenfalls von seiner 45-jährigen Vita. Die meisten seiner Tätowierungen sind heute durch die Kleidung verdeckt. An den Händen jedoch sieht man einzelne Striche, die ein Muster ergeben; es ist inspiriert von seinem Lehrmeister Sua Sulu'ape Paulo II, einem Samoaner.

Bei manchen Arbeiten war Taylor sein eigenes Testobjekt - doch das liebste Werk stammt von seiner Tochter Ra. Er zeigt den linken Unterschenkel; zu sehen ist eine krakelige Sonne. "Ra war damals gerade sechs Jahre alt." Heute lässt sich die Nachwuchskünstlerin nicht in dem Studio blicken, sie spielt im Nebenhaus, wo die Familie wohnt.

"Mach mir mal ein Moko"

In einer Mappe hat Taylor einige seiner Designs zusammengestellt, mit dabei sind auch Fotos vom Set des Klassikers "Once Were Warriors". 1994 wurde Alan Duffs gleichnamiger Roman verfilmt. Der junge Taylor war damals Bühnenbildner beim Film, er besaß kein einziges Tattoo und hatte auch noch nie eines gestochen.

Die Crew dachte, dass er als Maori schon wüsste, wie die Mokos aussehen sollten. Also ließ er seine Phantasie spielen und profitierte dabei von seiner Erfahrung als Holzschnitzer. An jedem Drehtag musste er den Schauspielern, die Gangmitglieder spielten, die aufwendigen Tattoos neu auf die Haut malen.

Der Erfolg mit dem Film "Once Were Warriors" war für Taylor ein Schlüsselerlebnis. Über mehrere Jahre hinweg erlernte er danach das Tattoo-Handwerk, studierte die Schnitzereien der Versammlungshäuser, der Marae, und viele historische Dokumente. 1998 gründete er dann sein erstes eigene Studio, zunächst inmitten von Auckland.

Als Taylor noch dort arbeitete, kamen viele Touristen in den Laden und wollten ein Souvenir mitnehmen. Für ein paar Dollar wollten sie eben mal ein Moko bekommen, erzählt er. Doch so funktioniere das nicht. Taylor hat nichts dagegen, Pakeha, wie die europäischstämmigen Neuseeländer genannt werden, oder Touristen ein traditionelles Maori-Tattoo zu stechen. Derjenige aber müsse den Wert dieses Kunstwerkes verstehen.

Bei den Maori ist dies durchaus umstritten: Früher waren es vor allem Häuptlinge und besondere Persönlichkeiten, die eine Gesichtstätowierung trugen. Bis heute gilt: Man kann sich nicht einfach ein Moko im Gesicht tätowieren lassen. Die Gemeinschaft entscheidet, wer würdig ist, eines zu tragen.

Ein Symbol der Stärke

Inia Taylors heutiges Studio außerhalb Aucklands ist gespickt mit Fotos von legendären Maori-Häuptlingen, Erinnerungsstücken und antiken Instrumenten, die in Vitrinen liegen. Mit einem Meißel aus Tierknochen ritzten die Menschen früher die Haut auf und klopften dann mit einem weiteren Werkzeug Tinte, zum Beispiel bestehend aus Ruß und Fischöl, in die Haut. "Das war viel schmerzhafter als das hier", sagt Taylor, während die feinen Nadeln in die Haut seines Kunden stechen. Dougie lächelt tapfer.

Jedes Jahr reist Taylor auf Tattoo-Conventions in Übersee. Beinahe hätte er auch Robbie Williams ein Tribal auf den Oberarm gestochen. Damals hatte er jedoch keine Zeit, also übernahm ein Kollege den Auftrag. "Die meisten wissen gar nicht, dass Robbies Tribal ein Moko ist."

Wer heute zu Taylor in die Einsamkeit kommt, der will einen Körperschmuck mit Bedeutung. "Ein Moko verändert den Menschen für immer, nicht nur äußerlich", sagt er. Das Tattoo war und ist ein Symbol für innere Kraft und Stärke. Dougie ist sicherlich froh, wenn er nach rund zehn Stunden mit diesem Werk fertig ist. Stolz blickt er schon jetzt auf die geschwungenen Linien - auch wenn es noch schmerzt, er plant weitere Mokos.

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1. aha
OttoEnn 25.06.2013
Zitat von sysopAlva GehrmannRobbie Williams hat eins, Mike Tyson auch: ein Moko. Inia Taylor gilt als Meister der neuseeländischen Tattoo-Kunst. Seine Werke sind mehr als Körperschmuck. Sie erzählen vom Leben des Trägers. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/tattoo-kuenstler-in-neuseeland-a-904719.html
Aha. Und was erzählt es so bei Robbie? Also, wenn ich mir anschaue, wie es da liegt, kann ich durchaus nachvollziehen, was unter den Künstlern im Zusammenhang mit deren hoher kulturhistorischer Verantwortung umstritten sein mag.
2. Tatoos ?
susuki 25.06.2013
Ich neige dazu Träger von Tatoos mangelndes Selbstwertgefühl zu unterstellen und zu diskriminieren. Daran muss ich arbeiten...
3. Etwas Besonderes
theodorheuss 25.06.2013
Zitat von sysopAlva GehrmannRobbie Williams hat eins, Mike Tyson auch: ein Moko. Inia Taylor gilt als Meister der neuseeländischen Tattoo-Kunst. Seine Werke sind mehr als Körperschmuck. Sie erzählen vom Leben des Trägers. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/tattoo-kuenstler-in-neuseeland-a-904719.html
wird man nicht durch Äußerlichkeiten wie eine Tätowierung sondern durch seine ureigene Persönlichkeit und sein Verhalten. Wenn sich Europäer chinesische Schriftzeichen oder neuseeländische Runen unter die Haut stechen lassen dann ist das nur eins, lächerlich und unreif!
4. @ theodorheuss
BimsBamsRummelBommel 25.06.2013
"Etwas Besonderes wird man nicht durch Äußerlichkeiten wie eine Tätowierung sondern durch seine ureigene Persönlichkeit und sein Verhalten.(...)" Darum geht es nicht. Die Tätowierung soll einen Menschen nicht besonders für andere machen, sie ist besonders für den Träger. Sie ist eine spezielle Form der Selbstbezeichnung, und im besten Fall einzigartig. Diese Selbstkennzeichnung ist aber für andere Menschen sichtbar; sie schauen darauf mit ihrem Weltbild. Die Tätowierung muss ihnen nicht gefallen, aber sie ist da.
5. Tattoos sind...
MikeB 25.06.2013
Zitat von theodorheusswird man nicht durch Äußerlichkeiten wie eine Tätowierung sondern durch seine ureigene Persönlichkeit und sein Verhalten. Wenn sich Europäer chinesische Schriftzeichen oder neuseeländische Runen unter die Haut stechen lassen dann ist das nur eins, lächerlich und unreif!
...in meinen Augen sehr wohl äußere Zeichen der inneren Einstellung. Man lässt sich Aspekte der eigenen Persönlichkeit in die Haut ritzen, auch wenn es dem Träger nicht unbedingt bewusst ist. Wer sich ohne Überlegung mal eben ein Arschgeweih stechen lässt, weil es der Mode entspricht, zeigt damit, dass er eher oberflächlich ist und nur Trends hinterher hechelt. Andere überlegen lange, was sie den Rest ihres Lebens offen tragen wollen. Übrigens bin ich der Meinung, dass pauschale Aussagen, wie neuseeländische Tattoos auf europäischer Haut generell als lächerlich und unreif zu bezeichnen, selbst lächerlich und unreif sind.
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