Tattoos auf Tahiti: Geschichten, die in die Haut gehen

Von Denis Krick

Tätowierhandwerk hat goldenen Boden: Für die Inselbewohner Französisch-Polynesiens ist die schmerzhafte Körperkunst ein wertvolles Kulturgut, für die Touristen ein beliebtes Mitbringsel. Die einheimischen Tattoo-Künstler befinden sich in einer Zwickmühle.

Tattoos auf Tahiti: Die Körperkunst der Inseln Fotos
Mona Schulze

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In Deutschland hätte David wahrscheinlich nichts als Probleme. Mit seinem Aussehen würde der Tahitianer bei uns wohl nur schwer einen Job finden und in öffentlichen Verkehrsmitteln bliebe der Platz neben ihm meist frei. Er wäre der klassische Kinderschreck, denn David ist von Kopf bis Fuß tätowiert. Es gibt kaum eine Stelle seines massigen Körpers, die nicht mit martialischen Mustern oder Bildern verziert ist.

Auf seiner Heimatinsel Taha'a ist David jedoch alles andere als ein Außenseiter. Hier gibt es keine schiefen Blicke, sondern nur Anerkennung. Allein der Gedanke daran, sein Aussehen könne ihm irgendwelche Nachteile bereiten, bringt ihn zum Lachen. "Ihr Europäer", sagt er darauf nur und schüttelt den Kopf. In Französisch-Polynesien sind Tätowierungen ein Kulturgut. Egal ob Mann oder Frau, Bankmanagerin oder Wissenschaftler - auf Tahiti und den umliegenden Inseln findet sich kaum ein Einwohner ohne Tattoo.

Die nicht ganz schmerzfreie Körperkunst hatte wahrscheinlich ihren Ursprung vor über 1500 Jahren auf den nahen Marquesas-Inseln und schwappte von dort auf den Rest von Polynesien über. Im 18. Jahrhundert brachten der britische Seefahrer James Cook und der Forscher Joseph Banks Tätowierungen von ihren Pazifikreisen mit nach Europa - natürlich am eigenen Körper. Aus dem tahitischen Begriff "te tatau" wurde über die Jahre das englische Wort Tattoo.

Alles andere als Körperschmuck

Die damaligen Entdecker tragen auch die Schuld, dass diese Kunst in Polynesien über Jahrhunderte fast verloren ging: Mit Cook fanden die christlichen Missionare den Weg auf die Inseln, und die sorgten dafür, dass die heidnische Körperkunst der "Wilden" verboten wurde. Erst in den sechziger Jahren kam es in Französisch-Polynesien zu einer Renaissance der Tätowierung und einer Rückbesinnung auf die alten Sitten und Bräuche der Vorfahren.

Die klassischen Motive sind fast unverändert geblieben. Nur bei der Technik ist man mit der Zeit gegangen. Kämme aus Knochen oder Perlmutt finden beim Stechen keine Verwendung mehr. Sterile Nadeln und elektrische Maschinen gehören auch hier zur Grundausstattung jedes Tätowierers.

Tahitische Tattoos sind alles andere als reiner Körperschmuck, sie erzählen Geschichten. Von der Hochzeit der Großeltern über den Tod des Bruders bis zur Geburt der eigenen Kinder: Auf den Körpern der Einheimischen werden ganze Familienchroniken verewigt, wenngleich abstrakt. Dazu haben viele Tätowierungen auch eine spirituelle Bedeutung und übernehmen die Funktion eines Talismans. Mantarochen, Haifische, Schildkröten - bei den meisten Tiermotiven handelt es sich um die Schutzgeister der eigenen Sippe.

Marama, die lebende Legende

Tätowierer genießen in Polynesien großes Ansehen. Sie werden als echte Künstler respektiert. Der derzeit berühmteste Vertreter dieser Zunft arbeitet auf der Insel Bora Bora. Marama gilt dank seines Könnens als lebende Legende und selbst aus dem gut eine Stunde entfernten Tahiti kommt die Kundschaft extra eingeflogen, um sich von ihm den Körper verschönern zu lassen.

Auch die Touristen stehen Schlange, doch einen Termin bei Marama bekommt nicht jeder. Dazu gestaltet sich die Kommunikation mit dem Meister für viele Urlauber recht schwer. Marama spricht nur wenig Englisch. Auch über diesen Umstand kann David, der ebenfalls als Tätowierer arbeitet, nur lachen. "Warum müssen wir alle Englisch sprechen?", fragt er. "Wieso spricht denn keiner von euch Tahitisch?"

David befindet sich in der Zwickmühle. Eigentlich verdient er an den Touristen gutes Geld. Für eine Tätowierung in der Größe eines Tennisballs nimmt er von den Urlaubern knapp 100 Euro. Und an Aufträgen mangelt es nicht, denn tahitische Tattoos sind ein beliebtes Andenken. Doch ihm widerstrebt es sichtlich, dass seine geliebte Kultur für Fremde als modischer Körperschmuck herhalten muss.

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dem stolzen Mann aus Taha'a allerdings nicht. Er hat noch einen Nebenjob. Abends tritt er in einem Luxushotel mit einer traditionellen tahitischen Tanztruppe auf und gibt für die Touristen den furchteinflößenden Feuerschlucker. Den bösen Blick eines Wilden inklusive. Sein tätowierter Körper ist dabei die halbe Miete. "Ihr Europäer", sagt er dazu nur und kann sich das Grinsen nicht verkneifen.

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