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Tattoo-Tempel in Thailand: Der heilige Stich

Von Kolja Nolte

Die buddhistischen Mönche des Tempels Bang Phra sind Künstler der Nadel: Sie ritzen den Gläubigen magische Tattoos in die Haut, die ihre Wirkung nach einem Gebet entfalten sollen. Im Westen bekannt wurden die Sticheleien durch Angelina Jolie - seitdem ist der Andrang riesig.

Tattoo-Tempel in Thailand: Angelina Jolie und heilige Stichelkunst Fotos
Kolja Nolte

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Der Meister ist zu Späßen aufgelegt an diesem Nachmittag. "Die Krokodile sind während der Flut ausgebrochen", erzählt er, während er in seinem schwarzen Ledersessel sitzt und mit ruhigen, präzisen Bewegungen die Nadel in Somchais Haut sticht. "Alle 30. Nur fünf konnten wieder eingefangen werden. Aber keine Angst, sie beißen keine Menschen." Luang Phituk tunkt die stählerne Spitze in einen Klecks Tinte und führt sie zurück zu Somchais Rücken. "Sie essen sie nur."

Alle im Raum lachen, die zwei Helfer, die daneben stehen und Somchais Haut spannen, die Zuschauer, die im Schneidersitz auf dem Boden sitzen - sogar Mönch Phituk selbst, der für einen kurzen Moment die Nadel vom Rücken nehmen muss, da er sie vor lauter Lachen nicht ruhig halten kann.

Nur Somchai lacht nicht. Er sitzt auf einem umgedrehten roten Plastikstuhl mit dem Rücken zum Mönch, den Kopf hinter seine verschränkten Arme vergraben, die er auf die Lehne gelegt hat. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich im Wat Bang Phra - im "Tempel der wenigen Mönche" - tätowieren lässt. Und vielleicht ist genau das auch der Grund für seine Schmerzen: Allein neun sak yant verzieren den Rücken des 30-Jährigen, jene heiligen Tattoos, die dem Träger Eigenschaften wie Stärke, Ausdauer oder sogar Schutz vor Gewehrkugeln verleihen sollen.

Man sieht geometrische Formen, Tempelspitzen und Schriftzeichen, manche ineinander verschlungen und miteinander verbunden. Eigentlich unmöglich zu beschreiben, aber Somchais Freund und Luang Phituks heutiger Helfer Kai will es versuchen.

Bezahlt wird mit Kerzen und Zigaretten

"Dies sind die gao yord", erklärt er und zeigt auf Somchais Nacken, auf dem etwas abgebildet ist, das die Form einer Pyramide hat. Übersetzt heiße es "Neun Spitzen", womit der Berg Meru gemeint sei, der in der buddhistischen Kosmologie als Zentrum des Universums gilt. "Sie bringen Glück und sind zusammen mit den ha teaw, den 'Fünf heiligen Linien', eines der beiden Tattoos, auf denen alle anderen aufbauen." Rechts daneben prangt das pae tidt, die "Acht Richtungen": "Das gibt Schutz, ganz egal, in welche Richtung man geht."

Bis vor wenigen Jahren wurden die magischen Tattoos noch mit Bambusnadeln gestochen. Inzwischen benutzen jedoch alle Mönche im Tempel Bang Phra Nadeln aus Stahl - und lösen damit eine Jahrhunderte alte Tradition ab. "Es ist einfach eine Weiterentwicklung", sagt Thiraphat Michut, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Wat. Die Qualität der Tattoos sei besser, außerdem ließen sich die Stahlnadeln leichter säubern. "Auch Tempel dürfen Fortschritte machen."

Die Rezeptur der Tinte aber hüten die Mönche wie Magier ihre Zaubertricks. Berichte reichen von gewöhnlicher Tätowierfarbe bis hin zu bizarren Mixturen aus Kerzenruß, Kräutern und dem blauen Blut von Tintenfischen.

Von 6 Uhr bis zum späten Nachmittag wird in dem Tempel in der Provinz Nakhon Pathom, 60 Kilometer von Bangkok entfernt, tätowiert - jeden Tag. Unterbrochen werden die Sitzungen nur von den Schlafens- und Essenszeiten der Mönche. In dieser Zeit kommen durchschnittlich bis zu 50 Besucher, verteilt auf drei Geistliche.

Doch nicht jeder verlässt den Tempel auch wirklich mit einem sak yant: "Es gibt keine Termine", sagt Michut. "Jeder kommt dran, wann es eben passt." Bezahlt wird mit einer Spende an den Wat: eine Kerze, eine Tempelblüte und eine Zigarettenschachtel der thailändischen Marke Falling Rain 90.

"Das untergräbt den Respekt vor der Religion"

Der Andrang ist groß, für viele der Besucher in dem mit unzähligen Buddha-Statuen geschmückten Warteraum ist es wie für Somchai nicht das erste Mal. Die meisten sind jedoch Europäer und Amerikaner, was ausgerechnet der Regierung immer mehr ein Dorn im Auge ist. "Für viele Ausländer sind diese Art von Tattoos schlicht Mode", schrieb Thailands Kulturminister Niphit Intharasombat bereits im Juni 2011 in einer Erklärung auf der Website des Ministeriums. "Das ist kulturell nicht angemessen und untergräbt den Respekt vor der Religion."

In der Tat sind sak yant längst ein beliebtes Motiv in den thailändischen Tattoo-Studios. Die Preise bewegen sich je nach Größe und Motiv zwischen 25 und 75 Euro, aktivieren lassen könne man sie laut Studio-Besitzer Suphat Chaisit wie die originalen Wat-Bang-Phra-Tattoos im Tempel.

Dass die heiligen Motive für die Thais mehr sind als nur ein weiterer Modetrend, zeigt sich schon bei den Pflichten, die mit jedem Tattoo einhergehen: "Damit die sak yant ihre Wirkung behalten", erklärt Luang Phituk, "muss jeder Träger die fünf Sittlichkeitsregeln, die silas, einhalten: nicht töten, nicht stehlen, kein sexuelles Fehlverhalten betreiben, nicht lügen und keine Drogen nehmen."

Zudem müsse das heilige Tattoo jedes Jahr im März beim Wai Khru wiederaufgeladen werden - bei einem Fest, das übersetzt "den Lehrer ehren" heißt und noch aus einer Zeit stammt, in der Mönche an Schulen unterrichteten. Gerade dieses Fest, bei dem die Tätowierten nicht selten in einen Zustand aus Trance und Ekstase fallen und sich vor versammelter Menge wie Raubtiere gebärden, macht jedes Jahr wieder auf den Tattoo-Tempel aufmerksam.

Gebet und Luftstoß aktivieren das Tattoo

Im Westen bekannt wurde das sak yant - und mit ihm der Tätowierer Ajarn Noo - aber erst, nachdem Angelina Jolie eigens nach Thailand reiste, um sich eines der magischen Tattoos stechen zu lassen. Noo war es, der dem Hollywoodstar im Jahr 2003 ein ha taew auf das linke Schulterblatt stach und wenige Jahre später einen 30 Zentimeter großen Tiger auf den Rücken.

Inzwischen ist Noo so etwas wie ein Superstar in der sak-yant-Szene, so gut wie jeder Tätowierer in Bangkok und Umgebung kennt ihn. Und jeder, der ihn kennt, weiß auch über seine Preise Bescheid: Ein gewöhnliches ha taew, das im Wat Bang Phra für umgerechnet 1,10 Euro zu haben ist, geht bei dem Tattoo-Superstar demnach ab 800 Euro los. Deswegen gehören zu seinen Kunden hauptsächlich Ausländer mit dem nötigen Reisebudget und wohlhabende Thais wie beispielsweise die Schauspielerin Chompoo Araya.

Preise, für die Somchai nur ein enttäuschtes Kopfschütteln übrig hat. Sein Tattoo ist indes fertig, der Meister zieht die Nadel einmal durch einen Eimer mit altem Tintenwasser und steckt sie dann in eine Flasche Desinfektionsmittel. Somchai schiebt den Stuhl zur Seite, setzt sich auf einen Hocker und faltet die Hände zum thailändischen Gruß Wai, während Luang Phituk erst auf die gerötete Haut pustet und anschließend ein kaum hörbares Gebet murmelt. Erst jetzt ist das heilige Tattoo aktiviert, erst jetzt kann er auf die versprochenen Kräfte hoffen.

Das Motiv für sein nächstes sak yant weiß Somchai schon jetzt: ein klaeo klad, das ihm bei Unfällen vor schwerwiegenden Verletzungen schützen soll. Jetzt muss er aber nach Hause, er hat seiner Frau versprochen, heute noch mit ihr einkaufen zu fahren. "Davor schützen leider auch keine sak yant", sagt er und lächelt.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Aha!
forumgehts? 13.02.2012
Zitat von sysopKolja NolteDie buddhistischen Mönche des Tempels Bang Phra sind Künstler der Nadel: Sie ritzen den Gläubigen magische Tattoos in die Haut, die ihre Wirkung nach einem Gebet entfalten sollen. Im Westen bekannt wurden die Sticheleien durch Angelina Jolie - seitdem ist der Andrang riesig. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,813024,00.html
Daher also die Redwendung "der hat wohl 'nen Stich!"
2. Gut gelacht
jayram 13.02.2012
Zitat von forumgehts?Daher also die Redwendung "der hat wohl 'nen Stich!"
Das war ja ein richtig guter Lacher am Montag morgen, danke, eigentlich fällt mir dazu noch ein: Wer es glaubt der wird seelig, aber nicht vergessen: Der Glaube ist die Währung des Selbstbetruges!
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