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Tauchen an der "Thistlegorm": Rushhour am Wrack

Von Linus Geschke

Weltkriegsrelikt im Roten Meer: Die Mischung aus interessanter Historie, faszinierender Ladung und imposanter Größe hat die "SS Thistlegorm" zum wohl meist besuchten Wrack der Welt gemacht. Der Ansturm von 96.000 Tauchgängen jährlich setzt dem Schiff schwer zu.

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Für Kapitän Hussein von der "Seawolf Soul" ist das kein Spaß: Ruder hart backbord, kleine Fahrt voraus, dann die Schiffspropeller wieder rückwärts laufen lassen. Manövrieren auf kleinstem Raum, so lange, bis das 36 Meter lange Tauchsafarischiff seine Position über der "Thistlegorm" erreicht hat - inmitten 15 weiterer Schiffe, die dort schon ankern. Einfacher dagegen ist der Job für Diveguide Bernhard Huber, den alle nur "Hubi" nennen: Wo das Rote Meer von den Atemblasen der Taucher wie ein Whirlpool sprudelt, liegt das Wrack.

Einer der Ersten im Wasser ist Michael Böhm. Der Burgheimer kennt den 126 Meter langen ehemaligen Versorgungsfrachter der britischen Wüstenarmee mittlerweile in- und auswendig, viermal war er bereits hier. Bewaffnet mit einer Spiegelreflexkamera lässt er sich bis auf das Hauptdeck in 17 Meter Tiefe sinken, schwebt dann zielstrebig weiter in Richtung Bug und hin zu den offenstehenden Laderäumen. Auf zwei Deckebenen stehen Lkw, hinter den Fahrerkabinen sind unzählige Motorräder auf den Ladeflächen verzurrt. Für Böhm besteht die Welt jetzt nur noch aus dem kleinen Sucher seiner Kamera: Erst taucht ein Gummistiefel darin auf, dann die Tragfläche eines Flugzeuges, anschließend Karabiner, die durch Korallen in fast sieben Jahrzehnten fest miteinander verwachsen sind.

Noch haben Michael Böhm und sein Tauchpartner die Relikte für sich allein, denn Hubi zieht mit den weniger erfahrenen Tauchern seine Kreise um das Wrack. Der Fotograf kennt das bereits: Wenn die Anfänger erst einmal in den Laderäumen sind, ist es mit der guten Sicht recht schnell vorbei. Böhm stoppt vor der zerbrochenen Windschutzscheibe eines Lkw, in dessen Inneren noch ein zerrissener Schuh liegt. Sein Blitzlicht zuckt über das gespenstische Szenario, es ist ein Fotografieren gegen die Zeit: Böhm versucht, Geschichte auf einen Speicherchip zu bannen.

Nachts kamen die Bomber

Für die Besatzung der "Thistlegorm" war die Nacht des 5. Oktober 1941 anfangs eine wie viele andere. Das Schiff lag auf dem von der britischen Admiralität festgelegten "Safe Anchorage F" vor Anker und wartete auf die Genehmigung zum Passieren des Suezkanals, als um 22.50 Uhr zwei deutsche Heinkel He 111 im Tiefflug angriffen. Bomben trafen das Schiff und brachten große Mengen Munition zur Explosion: Die "Thistlegorm" wurde mittschiffs förmlich zerfetzt und sank binnen weniger Minuten auf den 31 Meter tiefen Meeresgrund. Neun Menschen starben, 30 überlebten.

Nach dem Krieg geriet das Schiff in Vergessenheit, bis es 1955 von Jacques-Yves Cousteau wiederentdeckt wurde. Böhm kennt die damaligen Filmaufnahmen, er erzählt, dass Cousteau die genaue Position des Wracks nie verraten hatte. Erst 1991 entdeckte ein deutsches Tauchteam die "Thistlegorm" dann zum zweiten Mal. Ein gewaltiger Run auf das Wrack begann: 2007 schätzte die ägyptische Meeresschutzorganisation HEPCA die Anzahl der jährlichen Tauchgänge dort auf 96.000. Es gibt kein verrostetes Motorrad, keinen verrotteten Lkw mehr an Bord, der nicht bereits tausendfach berührt wurde. Fast jedes Detail, was irgendwie entfernbar erschien, ist in den Taschen von Souvenirjägern verschwunden.

Durch die in den Räumen aufgestauten Luftblasen der Taucher und den häufig am Wrack festgemachten Tauchschiffen drohten gar ganze Teile der Schiffstruktur zusammenzubrechen. Ende 2007 startete die HEPCA dann eine Rettungsaktion unter dem Motto "Save the Thistlegorm": Löcher wurden gebohrt, durch die die Luft entweichen konnte, und auf dem Meeresgrund um das Wrack herum wurden "Mooring Systeme" installiert, die jetzt den Tauchschiffen zum Ankern dienen.

Kapitän Hussein steht dem Andrang, der ihm ja auch den Arbeitsplatz sichert, mit arabischem Langmut gegenüber. "Früher, ohne GPS, da mussten wir das Wrack noch nach Landmarken anpeilen. Heute brauche ich auch kein GPS - ich schau einfach, wo all die anderen Schiffe ankern!" Sagt er und lacht. Was er wirklich davon hält, erfährt man nicht.

Zwischen Geschützen und Makrelen

Wer an der "Thistlegorm" noch den Hauch von Exklusivität haben möchte, der muss es machen wie Michael Böhm: "Einfach immer gegen den Zyklus tauchen. Beim ersten Tauchgang tauchen die Guides mit ihren Gruppen meist außen rum, und ich geh direkt in die Laderäume. Wenn die Gruppen dann beim zweiten Tauchgang die Laderäume auf dem Plan haben, verschwinde ich ans Heck: So hat man wenigstens halbwegs seine Ruhe." Oder er hält sich an den erfahrenen Guide Hubi: "So gut es geht, versuchen wir immer, das kleine Fenster zu erwischen, bei dem man mal allein im Wasser ist. Den Gästen die 'Thistlegorm' ein paar Minuten exklusiv präsentieren zu können ist vielleicht die schwerste Aufgabe am Wrack."

Beim zweiten Abstieg steuert Böhm das Trümmerfeld an, hier, wo einst die Bomben ihr Ziel trafen. Über verstreut liegenden Granaten liegt kopfüber ein kleines Kettenfahrzeug, hilflos wirkend wie ein Marienkäfer auf dem Rücken. Wenn der Fotograf 30 Meter vom Wrack wegtauchen würde, käme er an den Überresten einer Lokomotive vorbei - die Explosion hat sie seinerzeit weit von Bord geschleudert. Doch Böhm flösselt weiter, hin zum Deckgeschütz, dessen Lauf sich dem Meeresboden zuneigt: Fast so, als wollte es ihm drohen.

Von unten betrachtet hebt es sich perfekt von der hellen Meeresoberfläche ab. Über und über mit Korallen bewachsen und einst geschaffen, Leben zu vernichten, bietet es heute vielen Tieren ein Zuhause. Auf dem Lauf sitzt eine Pyjama-Nacktschnecke, in Rot, Orange und Blau schillernd. Unterhalb der Geschützplattform lugt ein Augenpaar neugierig in das Objektiv der Kamera. Ein kurzes Zucken des Fotografen, und schon ist die Grundel verschwunden, zurückgezogen in die Sicherheit ihrer stählernen Behausung. Doch auch der Blick ins Freiwasser lohnt sich. Häufig ziehen imposante Schwärme von Dickkopf-Makrelen silbrig schimmernd am Wrack vorbei.

Böhms schwindender Luftvorrat zwingt ihn zum Rückzug. Die Bilder sind im Kasten, die Eindrücke im Kopf gespeichert. Ist er für die wirklich tollen Fotos an der Thistlegorm nicht ein paar Jahre zu spät dran? "Ganz sicher", sagt er und nickt. "All die kleinen Details, die erst die Mystik beim Wracktauchen ausmachen, sind hier schon verschwunden. Aber dennoch ist die 'Thistlegorm' eines der faszinierendsten Wracks, die ich kenne, ihre Ladung immer noch atemberaubend. Und wer weiß, wie lange sie noch steht…"

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