Tauchen im Roten Meer: Traum aus Schrott und Korallen

Von Linus Geschke

Über Wasser sind es nur zwei öde Felsen, unter der Wasseroberfläche ist es ein Eldorado für Sporttaucher. Die Brother Islands im Roten Meer zählen zu den besten Tauchgebieten weltweit - dank farbenprächtiger Korallen, Mantas und der 1901 gesunkenen "Numidia".

Die Brandung prügelt wütend auf die Nordspitze der Insel ein. Immer wieder rollen Wellen heran, brechen sich am vorgelagerten Riff der Brother Islands, um dann tosend in der schaumgekrönten Gischt zu sterben. Die Luft schmeckt salzig. Vom geschützten Ankerplatz des Tauchschiffs aus kämpft sich ein Schlauchboot langsam durch die Wellen, dorthin, wo die Brandung am heftigsten ist.

Laut ruft der Fahrer "three, two, one - go!", und sechs Taucher lassen sich rückwärts aus dem Boot fallen. Auf den ersten paar Metern fühlen sie sich noch wie in einer Waschmaschine, es geht rauf und runter. Dann beruhigt sich das Wasser allmählich und gibt den Blick frei auf ein Wrack, das wie eingeparkt an einem steil abfallenden Riffhang liegt.

Die 137 Meter lange "Numidia" ist über und über mit Hart- und Weichkorallen bewachsen, die sich in der Strömung sanft hin- und herwiegen. Sie blüht förmlich. An einigen Stellen ist nicht zu erkennen, wo das Wrack aufhört und das Riff anfängt. Der Frachter, der die englische Kolonie in Indien mit Ersatzteilen für Eisenbahnen versorgen sollte, ist 1901 auf die Insel mitten im Roten Meer, zwischen Ägypten und Saudi-Arabien, gelaufen und gesunken.

Im Strömungsschatten geht es seitlich der Bordwand in tiefere Regionen, hin zum Mast des Schiffes, der wie ein überdimensionierter Finger vom Wrack wegzeigt. Hier, in 50 Metern Tiefe, ist das Blau deutlich intensiver als in flacheren Bereichen, weniger vom hellen Sonnenlicht durchflutet.

Schüchterner Hammerhai

Die Taucher sammeln sich an der Mastspitze, blicken von dort aus ins Freiwasser, vom Riff weg. "In den frühen Morgenstunden", so erzählte Tauchführerin Monika Hofbauer vor dem Tauchgang, "hat man immer die Chance, Hammerhaie zu sehen." Und tatsächlich: Wie auf Kommando taucht ein grauer Körper aus dem tiefen Blau auf. Mit gleichmäßigen Bewegungen seiner Schwanzflosse kommt der Hai mit der charakteristischen Kopfform langsam näher heran. Nicht aggressiv, eher neugierig wirkt das knapp drei Meter lange Tier.

Einer der Taucher versucht, noch dichter heranzukommen, die Unterwasserkamera dabei fest in der Hand. Das ist anscheinend zu viel Nähe für den äußerst scheuen Räuber: Ein Zucken durchläuft den muskulösen Körper, und weg ist er, abgetaucht in die für Sporttaucher unerreichbaren Tiefen des Roten Meeres.

Der piepsende Tauchcomputer mahnt zum Rückzug in höhere Gefilde. Die Laderäume, einst mit Eisenbahnteilen gefüllt, sind leer - die Ladung wurde bereits unmittelbar nach der Havarie geborgen. Auch in dieser Tiefe gibt es schon Korallen, die größer werden, je höher man steigt. Im Licht der Unterwasserlampen scheinen die Farben zu explodieren, von hellem Grün bis zu dunklem Purpur reichen die Schattierungen.

Die Sicht ist phantastisch, selbst Wrackteile in 30 Meter Entfernung kann man noch klar erkennen. Dort, wo sich einst die Rettungsboote befanden, tummeln sich jetzt rote Juwelenbarsche, betupft mit blaugrünen Punkten. Blankes Metall ist kaum noch zu sehen: In mehr als hundert Jahren seit der Havarie ist die "Numidia" zu einem Teil des Riffes geworden. Ihr heutiger Zustand ist das Ergebnis des Untergangs in einem der biologisch vielfältigsten Gebiete unseres Planeten.

Monika Hofbauer, seit Jahren Tauchführerin auf dem Safarischiff "Seven7Seas", kennt das Rote Meer in- und auswendig und hält die "Numidia" für das absolute Highlight unter den Wracks: "Ob jemand Korallen, Haie oder Altmetall sehen möchte, hier kommt jeder auf seine Kosten. Es gibt kein anderes Wrack, an dem die Artenvielfalt so groß ist: Ich bin der 'Numidia' verfallen!"

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Rotes Meer: Abwärts zur "Numidia"

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