Tauchen in Indonesien Paradies der Mini-Monster

Hier gleicht jeder Tauchgang einem Meeresbiologie-Seminar: Die indonesische Schifffahrtsstraße Lembeh Strait ist ein Mekka für Unterwasserfotografen auf der Jagd nach bizarren Winzlingen. Top-Motiv ist der größte Verwandlungskünstler der Tierwelt - der enorm seltene Mimic Octopus.

Von Linus Geschke


Es ist ein Tauchen, so ganz und gar untypisch für tropische Reiseziele: keine Korallen, keine großen Sichtweiten, keine großen Fische. Dafür trostloser schwarzer Lavasand, garniert mit Schiffsabfällen und Wohlstandsmüll. Jemand, der sich hier auskennt, taucht den Boden im Zeitlupentempo ab, dreht Steine um, schaut unter menschlichen Hinterlassenschaften nach: So, als hätte er gerade seinen Ehering verloren und müsste diesen unbedingt wiederfinden, bevor er nach Hause darf. Die Lembeh Strait, eine Schifffahrtsstraße im Norden Sulawesis, ist für Filmer und Unterwasserfotografen trotz all der auffälligen Nachteile ein Paradies - ein Paradies der kleinen Monster.

Ramo ist Diveguide auf der "Liburan", ein Tauchführer für Touristen, die die Inselwelt Indonesiens von Bord eines Tauchkreuzers aus erkunden möchten. Wer mit ihm unter Wasser geht, braucht eigentlich keine Flossen - hier sind ein scharfer Blick und ein geschultes Auge gefragt, nicht Geschwindigkeit. Manchmal dreht Ramo sich kurz um und schaut, ob die Tauchgruppe noch dicht hinter ihm ist, ansonsten ist seine komplette Aufmerksamkeit auf den Sandgrund gerichtet.

Er ist auf der Jagd nach bizarren Anglerfischen, schillernden Garnelen und farbenfrohen Mandarinfischen. Nach Nacktschnecken und haarigen Frogfischen, nach Himmelsguckern und dem äußerst seltenen Mimic Octopus, einem der besten Tarnkünstler im Tierreich: Fühlt sich der Oktopus bedrängt, nimmt er in Sekundenschnelle die Körperform anderer Tiere an.

Eine andere Oktopusart, die vor Sulawesi häufig zu sehen ist, ist ebenso schön wie potentiell tödlich. Der Blauring-Oktopus verfügt über ein durch Bakterien produziertes Gift in seinem Speichel, welches bei einem Biss zur Muskellähmung führt - Iris, Herz und Darm arbeiten weiter, die Atmung setzt aus. Der nur wenige Zentimeter messende Kleinkrake gehört zu den giftigsten Lebewesen der Welt, doch solange man ihn nicht allzu sehr ärgert oder Schwimmer aus Versehen barfuß auf ihn treten, bleibt das Tier harmlos: Die größte Schwierigkeit besteht darin, ihn überhaupt zu entdecken.

Was für Touristen unmöglich erscheint, gelingt den einheimischen Guides mit verblüffender Leichtigkeit. Was auf ihrem Weg verborgen liegt, wird auch entdeckt. Die Aufgabe der Gäste bei dem Schauspiel ist stets identisch: folgen, staunen, fotografieren.

Mekka der Fotografen

Der schmale Fußweg führt geradewegs in die Idylle. Palmen und einstöckige Bungalows säumen den Wegesrand, ein tropischer Garten sorgt für Farbtupfer. Wer im Lembeh-Resort übernachtet, hat auch "mindestens eine Kamera im Gepäck", wie Kirsten Clahr vom Tauchreiseveranstalter Extratour zu berichten weiß. "Hier sind die Hotels einmalig gut auf Unterwasserfotografen vorbereitet. Angefangen von den technischen Vorrichtungen bis hin zu den Guides, denen man fast einen Wunschzettel überreichen kann, was man an bizarren Lebensformen denn gerne ablichten würde."

Und fast jeder Wunsch kann auch erfüllt werden - kein anderes Gebiet weltweit wartet mit einer solchen Dichte an bizarren Kreaturen auf wie die durchschnittlich nur drei Kilometer breite Meeresstraße zwischen Sulawesi und der Insel Lembeh.

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Für Werner Schleyer aus Bonn ist das der ideale Urlaubsort: "Jeder Tauchgang hier gleicht einem Seminar in Meeresbiologie, und man trifft fast immer einen der berühmten Unterwasserfotografen vor Ort, von denen man sich dann direkt die besten Tipps für gelungene Bilder holen kann." Ob National Geographic, Geo oder diverse Tauchmagazine - viele Fotos, die deren Cover zierten, sind hier entstanden. Schleyer hat heute bereits zwei Tauchgänge absolviert, beim dritten verzichtet er auf die kurze Ausfahrt mit dem Boot, will es jetzt auf eigene Faust am Hausriff versuchen.

Über eine Stunde lang zieht er mit seinem Tauchpartner am Riff vorbei, sie finden Plattwürmer und einen Anglerfisch, viele Nacktschnecken und ein kleines Seepferdchen. Zufrieden mit der Ausbeute? "Schon, man ist ja auch stolz, wenn man selber was entdeckt hat. Aber im Verhältnis zu dem, was die Guides einem hier zeigen, war das nichts." Worin deren Trick besteht? "Keine Ahnung, das möchte ich auch gerne wissen - vielleicht haben sie die Viecher ja dressiert", sagt er und lacht, bevor er sich aus dem tropfenden Neoprenanzug schält.

Sex im Dunkeln

"Muck-Diving" nennen Taucher die Tauchgänge in trüben oder schlammigen Gewässern, bei denen sie auf die Jagd nach "Crittern" gehen - der Oberbegriff für kleine und skurril aussehende Meeresbewohner.

Larry Smith, ein wohlbeleibter Texaner, der 2007 in West Papua verstorben ist, gilt der Szene als Pionier des Muck-Diving: Er machte das Kungkungan Resort auf Lembeh zur Wallfahrtsstätte für Critter-Jäger, viele der Diveguides, die heute hier tätig sind, lernten bei ihm das Handwerkszeug. Denn beim Aufspüren der am besten getarnten Kreaturen helfen vor allem drei Eigenschaften: Erfahrung, Erfahrung und nochmals Erfahrung, von der die zahlenden Gäste dann profitieren.

In der Abenddämmerung, wenn die Sonne das Meer küsst, machen sich die hartgesottensten Taucher für ihren Nachttauchgang bereit. Es ist die Stunde des Mandarinfisches, der in meist wellenförmigen Bewegungen am Riff hin- und herschwimmt. "Mandarinfische haben jede Nacht Sex, ohne Ausnahme. Dabei kann man sie am besten vor den Sucher der Kameras bekommen", sagt Charles, der Diveguide - ob er das wirklich ernst meint, sieht man seinem Lachen nicht an.

Das Auffinden des farbenprächtigen, meist nur sechs Zentimeter großen Leierfisches fällt dank der ortskundigen Begleitung noch recht einfach, das Fotografieren nicht. "Das Kerlchen hält aber auch keine Sekunde still", stöhnt Schleyer anschließend. "Ich hab garantiert 30 Bilder gemacht: Fisch von hinten, Fisch wegschwimmend, Fisch nur halb im Bild, Fisch mit abgewandtem Kopf ..."

Doch spätestens auf der Veranda des Hotelrestaurants ist der Frust vergessen, schließlich ist Morgen ja auch noch ein Tag. Den Alltagsstress hat man eh schon Stunden nach der Ankunft abgestreift wie einen alten Anzug. Ob an Bord der "Liburan" oder in den Hotelresorts entlang der Lembeh Strait, das Licht geht hier in der Nacht überall früh aus: Monster jagen, das muss müde machen!



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