Tauchen in Südafrika Purzelbaum mit Delfin

Bedränge sie nicht, bespaße sie! Wer Delfine mit akrobatischen Unterwasserverrenkungen belustigt, kommt den neugierigen Säugern erstaunlich nahe. Vor der Küste Südafrikas können Taucher zugleich einen Rekord-Giganten des Meeres erleben - den stoischen Walhai.

Lutz Hoffmann

Von Linus Geschke


Wo ist er bloß? Vor ein paar Minuten noch haben sie seine mächtigen Konturen vom Schlauchboot aus unter der Wasseroberfläche gesehen. Nun taucht Dennis, der südafrikanische Guide, vorneweg, dann folgt eine vierköpfige Gruppe, zu der auch die Nürnbergerin Nina Zschiesche gehört. Die Taucher behalten ihr Umfeld genau im Auge, irgendwo hier muss er ja sein. Dann schiebt sich aus dem Blau ein Schatten heran. Er kommt. Der Hai.

Sieben Meter ist er groß, vielleicht auch acht. Sein Kopf ist breit, flach und massig, der Körper verjüngt sich zum Ende hin und ist auf der Oberseite mit weißen Punkten bedeckt. Obwohl die Bewegungen seiner mächtigen Schwanzflosse kaum sichtbar sind, ist er schnell - gemessen zumindest an der Geschwindigkeit, die ein Taucher erreichen kann. Er nähert sich rasch Nina Zschiesche, 160 Zentimeter Mensch stellen für ihn kein wirkliches Hindernis dar.

Fünf Meter ist er noch weg, dann drei, zwei, jetzt reißt er sein riesiges Maul auf. Wäre er ein Weißer Hai, wie sie weiter südlich häufig vorkommen, könnte man jetzt von einer bedrohlichen Situation sprechen - hier jedoch steht die Taucherin einem Walhai gegenüber, und bei ihm, sagt die 32-Jährige später, "sah es eher aus, als würde er gähnen". An den Tauchern selber wirkt der Fisch vollkommen desinteressiert: Sollen sie ihn doch bestaunen, ihn kümmert es nicht. Sein Leben dreht sich nur um die elementarsten Dinge: Fortpflanzung und Nahrung - zu beiden Punkten passen die Taucher nicht.

Langsam zieht der schwimmende Superlativ an Zschiesche vorbei; man könnte ihn jetzt mit den Händen berühren. Er ist ein friedlicher Gigant, dessen Nahrung bevorzugt aus Plankton und Kleinstlebewesen besteht, die er aus dem Wasser filtriert. Rund 14 Meter lang können Walhaie werden, die größten Fische der Welt, und dabei ein Gewicht von über zwölf Tonnen erreichen. Er ist der Star in der Sodwana Bay und der Hauptgrund dafür, dass jährlich immer mehr Taucher in die ansonsten verlassene Einöde im nördlichen Teil Südafrikas reisen. Sodwana Bay - das ist ein feiner Sandstrand, Buschland, ein paar Lodges und ganz viel Meer.

Kein Platz für Weicheier

Vollkommen friedlich sah der Ozean vor dem Tauchgang noch aus. Warum verteilt Skipper Greg bloß Rettungswesten? Wegen des kleinen Wellenkamms etwa, der knapp hundert Meter vom Ufer entfernt zu Gischt wird? Im Schlauchboot sollen die Taucher ihre Füße in kleine Laschen stecken, die fest am Boden angebracht sind. Südafrika gilt nicht überall als sicheres Reiseziel - beim Tauchen dagegen soll nichts schief gehen.

Wie berechtigt die Vorsichtsmaßnahmen sind, wird Nina Zschiesche mit jedem Meter klarer, den sich das Boot langsam tuckernd dem Wellenkamm nähert. Er ist doch nicht so klein, wie er vorhin noch gewirkt hat, und schon gar nicht so friedlich. Greg fährt parallel zur Küste langsam hin und her, wartet auf den richtigen Moment und schiebt dann den Gashebel energisch nach vorne. Der Außenborder brüllt auf, der Hartboden des Schlauchbootes schlägt auf die Brandungswellen, die Taucher krallen sich in die Halteseile. Das Boot springt, kämpft, und Skipper Greg brüllt grinsend: "Yeah, guys! This is no place for chickendivers!" Was er damit wohl sagen will, ist, dass "Weicheier" hier verkehrt sind - und ebenso Leute mit Bandscheibenproblemen.

Es geht hinaus zum "Seven-Mile-Reef". Die Bezeichnungen der Riffkomplexe haben nichts mit ihrer Größe zu tun, sie geben nur die Strecke an, die das jeweilige Riff von der Küste entfernt liegt. Dort angekommen, nimmt Greg Gas raus und Diveguide Dennis sucht stehend die Wasseroberfläche ab. Es ist nicht tief hier, maximal zwölf Meter, und Walhaie sieht man meist schon von der Oberfläche aus. Der aus der Volksgruppe der Zulu stammende Dennis ist einer der wenigen Schwarzen, die als Diveguide arbeiten. Die Rassentrennung in Südafrika endete offiziell 1994 mit den ersten freien Wahlen, beim Tauchen besteht sie immer noch: Diveguides und Taucher sind fast ausnahmslos Weiße, die Helfer am Strand dagegen durchgängig Schwarze.

Doch all das zählt jetzt nicht, nicht in dem Moment, als Nina Zschiesche dem Walhai hinterher schaut. Es ist wie die Begegnung mit einem Saurier, einem Wesen aus vergangener Zeit. Wie kann ein Tier nur so groß und kraftvoll sein und dennoch so sanft wirken? Könnten die Taucher jetzt reden, sollten sie ihre Stimmung beschreiben, dann würden nun Sätze entstehen, in denen immer wieder "Demut" und "Respekt" vorkäme.

Tuchfühlung mit Flipper

Auch Dennis wirkt glücklich - aber nicht wegen dem Treffen mit dem Walhai: Der Gigant, so eindrucksvoll er auch sein mag, ist für ihn zum Alltag geworden. Doch 20 Meter weiter, von den anderen Tauchern noch unbemerkt, tummelt sich eine kleine Gruppe Delfine: Es sind Große Tümmler, die Delfinart, die schon jedes Kind als "Flipper" kennt. Es wirkt, als würden sie miteinander spielen.

Ab und zu taucht ein Delfin ab und reibt sich mit seiner Längsseite den Sandgrund entlang. Ob es auch Delfine von Zeit zu Zeit mal juckt? 30 Sekunden später hat die restliche Tauchgruppe den Riesen ebenfalls fast vergessen. "Wir haben hier fast immer Walhaie", wird Dennis nach dem Tauchgang erzählen, "und wir haben auch oft Delfine in der Bucht. Aber beide zusammen? Das ist schon Glück!"

Delfine sind intelligente Säugetiere, und wenn Taucher den Kontakt mit ihnen suchen, gibt es eine ganz einfache Regel: Bedränge sie nicht, bespaße sie! Verlieren sie das Interesse, sind sie schneller weg, als sie gekommen sind. Für einen Außenstehenden wirkt es skurril, was die Taucher nun machen: Sie versuchen, sich wie ein Delfin zu bewegen, sie schlagen Purzelbäume, sie stoßen komisch klingende Laute in ihre Atemregler. Aber es wirkt: Die Tiere kommen näher, stoßen Klicklaute aus, suchen fast den Körperkontakt.

Gut zehn Minuten dauert das Schauspiel, in dem nicht ganz klar ist, wer hier nun wen beobachtet. Die Menschen die Delfine oder die Delfine die Menschen? Klar ist nur: Die Delfine sehen dabei deutlich eleganter aus.

Dennis könnte seiner Gruppe jetzt noch viel zeigen: die herrlich mit Hartkorallen bewachsenen Riffe mit ihrem großen Fischreichtum. Zackenbarsche von solch kapitalen Ausmaßen, wie man sie weltweit nur noch selten findet. Fische, die in farbenprächtigen Schwämmen leben und dabei deren Farben angenommen haben. Doch der zur Neige gehende Luftvorrat mahnt zum Rückzug - und schließlich ist morgen auch noch ein Tauchtag.

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