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Tauchen in Tasmanien: Drache im Zauberwald

Von Linus Geschke

Wie verwunschen wirken die Unterwasserwälder, in denen bunte Drachen leben: Ein Abstieg in die Tiefen der tasmanischen Gewässer ist wie eine Reise in eine skurrile Fabelwelt. Hier stoßen Taucher auf Lebewesen, die man ansonsten fast nirgendwo zu sehen bekommt.

Tasmanien: Schafe, Robben, Fetzenfische Fotos
Gerald Nowak

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Der Verschluss der Bierdose landet leise klappernd im Straßenstaub. Genüsslich lehnt sich Malcolm Cooper zurück, kratzt sich den Bauch und trinkt einen großen Schluck, bevor er sich zufrieden den Mund abwischt. Endlich hat der 43-Jährige aus dem kleinen Küstenort Eaglehawk Neck die Gelegenheit, einem Europäer seine tasmanische Heimat näher zu bringen. Und diesen Moment will er auskosten.

"Ihr", beginnt er und deutet mit dem von Schwielen bedeckten Zeigefinger auf den Fotografen Gerald Nowak, "ihr Europäer denkt doch immer, dass unser Land nur aus dem Teufel besteht. Aber das stimmt nicht. Panama ist ja auch mehr als der Hut!"

Der Tasmanische Teufel, größter lebender Vertreter aus der Familie der Raubbeutler, ist für die Tasmanier das, was das Känguru für Australien ist: Wappentier und Touristenattraktion in einem. "Dabei lebt hier etwas sehr viel Geheimnisvolleres. Etwas, das es nur hier und im ganz südlichen Australien gibt." Der Hobbytaucher und Besitzer einer Kneipe beugt sich nach vorne: "Drachen gibt es hier - richtige Drachen."

Noch ein Schluck. "Aber wer unsere Drachen sehen will, der darf nicht in Höhlen oder Schluchten nach ihnen suchen. Unsere Drachen leben da draußen, in den Zauberwelten des Meeres." Nowak nickt zustimmend, greift sich auch ein Bier und verrät dem verblüfften Kneipier, dass er doch genau deshalb hergekommen sei: in ein Land, das selbst für die Australier noch "Down Under" liegt. Gut 36 Stunden Anreise auf die andere Seite der Welt hat er hinter sich, um hier auf Drachenjagd zu gehen - bewaffnet mit seiner Tauchausrüstung und einer teuren Unterwasserkamera.

Schlechte Orientierung im Kelpwald

In der Nähe von Eaglehawk Neck, dem kleinen Nest im Südosten von Tasmanien, liegen in der Fortescue Bay riesige Kelpwälder im Meer. Die bis zu 40 Meter langen Braunalgen sind reich an Mineralstoffen und Spurenelementen und spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem, als Sauerstofflieferant ebenso wie als Rückzugsort für viele Tierarten. Sie sind auch die Heimat der Drachen, die die Tasmanier "Weedy Seadragon" nennen. Zwischen den gummiartigen Gewächsen, die pro Tag einen halben Meter hoch wachsen können, halten sie sich versteckt. "Und morgen", sagt Cooper zu seinem neuen deutschen Freund, "bringe ich dich zu ihnen!"

Der Tag beginnt kühl. Kleine Regentropfen fallen aus dem bleigrauen Himmel, ein kalter Wind pfeift über die Küste, und Cooper hat es eilig, mit dem Fotografen ins Wasser zu kommen. Die beiden tauchen langsam ab, maximal zwölf Meter ist es an der Stelle tief, die Orientierung unter Wasser stellt ein echtes Problem dar. Nach spätestens drei Minuten ist man zwischen den unzähligen Kelpgewächsen wie in einem riesigen Zauberwald verloren; nur der voraustauchende Cooper scheint einem inneren Radar zu folgen. Links, rechts, links, anschließend zweimal rechts, dann steht er dem Drachen gegenüber.

Der Seedrache sieht aus wie ein Zwitterwesen, irgendwie possierlich, gar nicht gefährlich. Sein Kopf ist wie der eines Seepferdchens geformt, der Körper erinnert tatsächlich an einen Drachen. Biologen könnten jetzt sagen, dass er zur Familie der Seenadeln gehört, Unterfamilie Fetzenfische, bis zu 45 Zentimeter groß wird und weder fliegen noch Feuer speien kann. Gerald Nowak interessiert das gerade jedoch überhaupt nicht; seine Welt besteht momentan aus Blende und Verschlusszeiten - und aus dem Wesen, welches wie ein Helikopter um die eigene Achse schwirrt und wieder im Kelp verschwindet.

Verabredung zum Garnelen-Schlürfen

Neben Nowak winkt Malcolm Cooper ab. Seine Geste soll sagen: Lass den scheuen Fisch! Wenn der nicht will, will ein anderer vor die Kamera. Wieder geht es kreuz und quer durch den Kelpwald, bis Cooper stoppt und nach links deutet, wo sich Drachen im Doppelpack langsam einer Gruppe Glasgarnelen nähern. Plötzlich reißen die Fetzenfische ihre kleinen Mäuler auf und saugen das umliegende Wasser ein - und die Gruppe der Garnelen ist um zwei Tiere kleiner geworden. Nowak ist glücklich: Wer kann schon von sich behaupten, Drachen auf der Jagd gesehen zu haben?

Als die Taucher wieder an Land kommen, scheint endlich auch die Sonne und wärmt ihre durchgefrorenen Leiber. Anderthalb Stunden im 14 Grad kühlen Meer lassen auch den entschlossensten Drachenjäger frösteln. Gerald Nowak schaut sich die Bilder auf dem kleinen Sucher seiner Kamera an, gut hundert Aufnahmen hat er auf dem Chip gespeichert: Keine schlechte Ausbeute für einen einzigen Tauchgang im Drachenwald. Zufrieden fährt er zurück.

Eigentlich ist Eaglehawk Neck keine Reise wert. Schon gar nicht eine so lange. Es gibt hier einen Supermarkt, ein kleines Hotel und der wöchentliche Auftritt der örtlichen Musikgruppe in "Christinas Eaglehawk Café" ist das kulturelle Highlight des Ortes. Wenn da nicht die umliegende Natur wäre: duftende Eukalyptuswälder, schroffe Felsküsten und riesige Nationalparks, in denen Wombats und Rotnacken-Wallabys leben - eine mittelgroße Känguruart mit einem Meter Körperlänge. "Tasmanien ist Natur, die es sonst fast nirgendwo gibt", macht Cooper Werbung in eigener Sache. "Und wir haben so viel davon, dass die wenigen Touristen gar nicht auffallen."

Seedrachen en masse

Das Gleiche kann man auch von den Tauchgebieten sagen. Unter Wasser gibt es deutlich mehr Robben als Taucher, überall begegnen einem Seepferdchen, Grundeln und Röhrenwürmer. Wo man auch hinschaut: Unberührt ist das Attribut, dass einem zuerst in den Sinn kommt. Massentourismus, zerstörte Unterwasserbiotope? Das klingt hier nach den Nachrichten aus einem anderen Universum. "Eigentlich hätten wir vorhin auch gar nicht so lange unter Wasser bleiben müssen", verrät Cooper dem Fotografen lachend. "Auch die Seedrachen sind hier recht häufig, die sieht man in den Kelpwäldern praktisch bei jedem Tauchgang."

Dann reicht er Gerald Nowak ein Bier herüber, um auf den gelungenen Tauchgang anzustoßen. Malcolm Cooper hat sich mittlerweile umgezogen, er trägt jetzt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "The Devils", dem Logo des tasmanischen Football-Teams: Ganz ohne Teufel geht es "Down Under" eben doch nicht.

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1.
Altesocke 16.01.2012
Zitat von sysopWie verwunschen wirken die Unterwasserwälder, in denen bunte Drachen leben: Ein Abstieg in die Tiefen der tasmanischen Gewässer ist wie eine Reise in eine skurrile Fabelwelt. Hier stoßen Taucher auf Lebewesen, die man ansonsten fast nirgendwo zu sehen bekommt. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,808034,00.html
Da stellt sich mir jetzt ganz spontan die Frage, wie alt der Artikel ist. Oder sollte Tasmanien das einzige Land auf der Welt sein, wo noch alte Ab/Aufreissverschluesse an Getraenkedosen sind? Unwahrscheinlich, oder?
2. meinung
amarildo 17.01.2012
Zitat von AltesockeDa stellt sich mir jetzt ganz spontan die Frage, wie alt der Artikel ist. Oder sollte Tasmanien das einzige Land auf der Welt sein, wo noch alte Ab/Aufreissverschluesse an Getraenkedosen sind? Unwahrscheinlich, oder?
Ich wohne in Sydney und ich kann hier Deutsches Bier in Dosen kaufen, zum Beispiel Oettinger Bier und gewisse Dortmunder Biere. Die haben Aufreissverschluesse. Die einheimischen Biere werden fast nur in Flaschen verkauft. Tasmanien ist kein Land, es ist ein Bundesstaat in der Federation. I ch bin mir sicher das man dort auch Deutsches Bier in Dosen kaufen kann.
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