Tauchen vor Bali Aliens der Secret Bay

Schaukelfische, Geistermuränen und Anglerfische sind die Aliens der Meere. Die kleinen, skurril geformten Fische machen die Secret Bay von Bali zu einem Kuriositätenkabinett unter Wasser - und sind die perfekte Beute für Makrofotografen.

Von Linus Geschke


Das Wasser ist kälter, die Sicht deutlich schlechter, das Fischleben magerer. Korallen gibt es kaum in dieser Bucht von Bali. Dafür verziert Wohlstandsmüll den Grund; neben einer verrosteten Cola-Dose finden sich mehrere Pappteller "Made in China".

Mit ruhigem Flossenschlag gleitet Diveguide Eddy Waluyo im flachen Wasser über den dunklen Boden, der aus Geröll und vulkanischem Sand besteht. Sein Kopf bewegt sich fortwährend von links nach rechts, seine Augen scannen akribisch den Grund. Hat sich da etwas bewegt, neben dem mit Algen bewachsenen Kanister? Gehören die abgerundeten Umrisse unter dem Drahtgestell vielleicht zu einem Fisch? Eddys Job hat etwas von einem Detektiv an sich, er folgt Spuren im Sandgrund, beobachtet und kombiniert.

Ein Griff zum Shaker, es macht "kling-kling" - und die Tauchgruppe weiß: Eddy ist wieder fündig geworden. Sie umkreisen ihn, die Blicke folgen seinem Zeigefinger. Eine Japanerin zuckt hilflos mit den Schultern, und Eddy reicht ihr seine Lupe. Dann sieht auch sie den fransigen Gesellen, der fortan im Mittelpunkt des Interesses und der Kameras steht: Ein "Zottiger Anglerfisch", nur wenige Zentimeter groß, der aussieht, als wäre seine Flosse explodiert. Während sich über dem Fisch ein Blitzlichtgewitter entlädt und die Tauchgruppe wild um die besten Plätze zum Fotografieren kämpft, sucht Eddy bereits weiter. Mit geübtem Blick, immer von links nach rechts.

Eddy arbeitet als Diveguide in der rund 20 Minuten entfernten Tauchbasis Top Dive Gawana Novus. Obwohl mit dem Naturreservat Menjangan Island eines der besten Tauchgebiete Balis direkt vor seiner Haustür liegt, steuert das Tauchcenter dreimal pro Woche die Secret Bay im Nordwesten der Insel an. "Ich verstehe es manchmal ja selbst nicht", erzählt der aus Java stammende Tauchlehrer. "Rund um Menjangan gibt es Riffhaie, Barrakudas und Fischschwärme. Kein Stein ohne farbenprächtige Korallen, ab und zu kommen Delfine und Mantas vorbei. Und dennoch ist die Secret Bay mittlerweile unser beliebtestes Tauchziel."

Critter statt Wodka

Früher hat Eddy Tauchsafaris in Indonesien begleitet, meist mit russischen Gästen. Sein Spürsinn war da weniger gefragt. Eher der Wodkakonsum in geselliger Runde am Abend, was nicht unproblematisch für den Muslim war. Heute, da er meist japanische und deutsche Tauchurlauber um sich hat, geht es ihm besser: "Es ist unglaublich, wie wild die auf die 'Critter' sind, fast schon süchtig danach." Als Critter bezeichnen die Taucher kleine, skurril aussehende Meereslebewesen wie Anglerfische, Geistermuränen, Schaukelfische oder Zwergseepferdchen.

"Mir macht die Arbeit Spaß: Das Suchen, das Finden, das Zeigen." Und zu zeigen gibt es viel: Nur wenige Meter hinter dem zottigen Anglerfisch stößt Eddy auf einen kopfüber schwimmenden Harlekin-Geisterpfeifenfisch, rot-weiß gestreift und fast durchscheinend wirkend, der in seiner grazilen Schönheit eines der beliebtesten Fotomotive ist. Es macht wieder "kling-kling". Dann kommt die Tauchgruppe, dann das erneute Blitzlichtgewitter.

Warum gerade die Secret Bay Lebewesen anzieht, die die Bucht zu einem Kuriositätenkabinett unter Wasser machen, kann der Tauchlehrer auch nicht sagen. Das gute Nahrungsangebot infolge der stark spürbaren Gezeiten, das Fehlen von größeren Fressfeinden und die guten Versteckmöglichkeiten innerhalb der menschlichen Hinterlassenschaften und des dunklen Bodens mögen dabei eine Rolle spielen. Neben der Lembeh Strait im äußersten Norden Sulawesis hat sich die Secret Bay von Bali zu einem Geheimtipp für "muck-diving" - frei übersetzt "Schlammtauchen" - entwickelt.

Dort machen sich Makrofotografen auf die Suche nach den skurrilsten und bizarrsten Geschöpfen der Meere. Einer von ihnen ist der Österreicher Wolfgang Pölzer, dessen preisgekrönte Bilder in Magazinen wie "Geo" und "National Geographic World" veröffentlicht werden. Die Bucht bietet perfekte Arbeitsbedingungen für den Profi: "Die Secret Bay ist einfach zu erreichen. Man findet dort auf relativ kleiner Fläche und in maximal zehn Metern Tiefe die unterschiedlichsten Critter."

Heimtückische Räuber und krokodilähnliche Aale

Jochen Huffnagel, der deutsche Besitzer des Tauchcenters, konnte die Begeisterung der Gäste anfangs kaum nachvollziehen. "Ich fand die Bucht bei meinem ersten Tauchgang eher enttäuschend. Tauchen in den Tropen stellt man sich anders vor." Zwei Jahre später hat Eddy ganze Arbeit geleistet und seinem Chef gezeigt, wo und wie er nach den Crittern suchen muss.

Wenn sie heute gemeinsam abtauchen, überlässt der Guide dem Deutschen gerne mal die Führung - auch der Chef soll sich am Aufspüren versuchen. Und wenn Huffnagel doch an einer der gut getarnten Attraktionen vorbeitaucht, hilft ja immer noch "kling-kling". So wie jetzt: Unter dem Sand versteckt liegt ein Krokodil-Schlangenaal, nur die Augen und ein Teil des Mauls schauen hervor. Man muss sich ihm vorsichtig nähern, bei Gefahr graben sich die Tiere blitzschnell wieder ein.

Nahe des Ausstieges hat der Basenbetreiber dann doch noch sein persönliches Erfolgserlebnis: Gut getarnt und regungslos sitzt ein gelber Anglerfisch unter einem Drahtgestell und lauert auf Beute. Das nur sechs Zentimeter große Tier hat einen Flossenstrahl in eine Art Angel umgewandelt. Der "Köder" sieht aus wie eine Garnele oder ein Wurm, den der kleine Räuber nun langsam vor seinem Maul hin- und herbewegt. Sobald sich ein kleinerer Fisch der vermeintlichen Beute nähert, reißt der Anglerfisch sein Maul auf, klappt den Kiefer aus und saugt den Fisch durch den dadurch entstehenden Unterdruck ein.

Wenn die Gäste sich mit vor Freude glühenden Wangen nach dem Tauchgang in der kleinen Strandbar gegenseitig die Fotos auf den Displays ihrer Digitalkameras zeigen, begleitet von "Hast du auch den Mandarinfisch gesehen?" und "Schau mal hier, die Imperatorgarnele …", dann sitzt Eddy meist alleine in seiner Ecke. Ab und zu kommt einer der Taucher vorbei, spendiert ihm ein Getränk, bewundert seine Detektivarbeit. Er wirkt in dem Moment, als sei ihm das Lob peinlich, so, als wolle er sagen: "Ich hab doch bloß meinen Job gemacht."

Mit dem Eistee in der Hand schaut er hinaus auf die Secret Bay, über der die Sonne versinkt und unter deren Oberfläche die Aliens warten.



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