Tauchen vor Indonesien Tanz der Teufelsrochen

Sie sind Meister der Eleganz: Mantarochen wiegen bis zu zwei Tonnen, doch sie schweben gewandt durch den Ozean. Vor der indonesischen Insel Nusa Penida findet eine regelrechte Jagd auf sie statt - mit Kamera und Blitzgerät.

Wolfgang Pölzer

Von Linus Geschke


Nach Nusa Penida kommt man nicht, um gemütlich von hier nach dort zu tauchen. Man schaut sich auch nicht in Ruhe farbenprächtige Korallenformationen an. Die 20 Kilometer lange Insel inmitten der Wasserstraße zwischen Bali und Lombok ist ein Gebiet für Taucher, die nur eines wollen: Mantas begucken, bestaunen, bewundern.

Einer, der gern guckt und bewundert, ist Dieter Merz. Das Staunen jedoch hat er sich in den sechs Jahren abgewöhnt, die der Schweizer bereits auf Bali lebt. Zumindest wenn es um Mantarochen geht: "Weltweit gibt es nur eine Handvoll Plätze, an denen man fast eine Garantie auf Mantasichtungen hat. Nusa Penida ist einer davon. Was mich hier zum Staunen bringt, ist eher das Verhalten vieler Taucher."

Der 53-jährige Merz betreibt eine Tauchbasis im balinesischen Pemuteran, mehrere Autostunden von Padang Bai entfernt, dem Ausgangspunkt für Bootsfahrten nach Nusa Penida. Dennoch war er in den ersten Jahren mit seinen Gästen häufig hier, konnte sich nicht satt sehen am Ballet der Teufelsrochen, die immer wieder die gleiche Stelle aufsuchen, um sich dort von Putzerfischen die Kiemen reinigen zu lassen. Teufelsrochen, so nannte man Mantas früher aufgrund ihrer Kopfflossen, die wie Hörner abstehen und dem Mund planktonreiches Wasser zuführen.

Heute betrachtet Dieter Merz, den alle nur "Düde" nennen, das Schauspiel mit gemischten Gefühlen. Zu viele Taucher treffen auf zu wenige Mantas. Es sind ungleiche Begegnungen: Die Taucher fotografieren, und die Mantas werden fotografiert; die Taucher bedrängen, und die Mantas werden bedrängt. Manchmal erscheint es Merz, als würde der Respekt vor der Natur in dem Moment verschwinden, wenn im Fotografen das Jagdfieber erwacht.

Die "Putzerstation" liegt in knapp zehn Meter Wassertiefe oberhalb eines kleinen Plateaus, und würden die Taucher nur ein wenig Abstand halten, könnten beide in friedlicher Koexistenz genießen: die einen ihre Reinigung, die anderen den Anblick. Aber viele Taucher wollen noch dichter ran, ein paar Zentimeter mehr Distanz überwinden, so lange, bis den Rochen als letzter Ausweg nur die Flucht ins große Blau bleibt. Am schlimmsten sind für Merz die Hobbyfotografen: "Ein Profi kann meist gut tarieren und weiß genau, wie dicht er sich den Tieren nähern kann, ohne diese zu verscheuchen. Die meisten Hobbyknipser leider nicht."

Fotografen-Leid

Nusa Penida ist nicht einfach zu erreichen. Hier, wo die Wassermassen des Indischen Ozeans auf die des Pazifiks treffen, sind starke Strömungen und hoher Wellengang an der Tagesordnung. Schon die knapp einstündige Überfahrt von Padang Bai aus ist, je nach Betrachtungsweise, abenteuerlich - oder so romantisch wie Dauerübergeben. Von starken Außenbordmotoren vorwärts gepeitscht, schieben sich die in Gischt gehüllten Tauchboote in den schmalen Durchgang zwischen Nusa Penida und der kleinen Schwesterinsel Nusa Ceningan, bis sie den geschützten Tauchplatz "Manta Point" erreichen. Ein letzter Blick auf die Insel, über deren schroffe Küste eine tropische Vegetation wacht, und mit einem Sprung vorwärts geht es für die Taucher hinab.

Vorne weg flösseln Barbara und Wolfgang Pölzer. Der professionelle Unterwasserfotograf aus Österreich ist mit seiner Frau schon seit fünf Wochen auf Bali, um Fotos für einen Tauchreiseführer zu schießen. Es scheint, als hätten die Mantas nur auf ihn gewartet. Majestätisch ziehen sie ihre Kreise über dem Plateau, während Pölzer tiefer bleibt, damit sich ihre Körper besser von der hellen Wasseroberfläche abheben. Er bringt sich unter ihnen in Position, "Zisch" macht das Blitzgerät, und für Beobachter sieht es fast so aus, als würden Fotograf und Manta miteinander tanzen.

Plötzlich schießt ein asiatischer Taucher an Pölzer vorbei, bewaffnet mit einer Kameraausrüstung, die der eines Profis Konkurrenz machen könnte. Mit hektischen Bewegungen, die an einen ertrinkenden Hund erinnern, stürmt er das Plateau hinauf. Pölzer könnte vor Wut in sein Kameragehäuse beißen: Das war es dann. Manta weg. Gute Bilder weg. Was bleibt, ist ein dicker Hals.

Zurück an Bord des Tauchschiffes, blicken sich Dieter Merz und Wolfgang Pölzer in die Augen. Die Gefühle sind ambivalent: Beiden ist klar, dass sie zu dem Run, der auf die Mantas herrscht, ihren Teil beigetragen haben. Der eine mit seinen Gästen, der andere durch seine Bilder, die in Magazinen die Schönheit und Eleganz der Tiere widerspiegeln. Merz hat daraus bereits Konsequenzen gezogen: "Ich fahre deutlich seltener nach Nusa Penida raus. Und auch nur dann, wenn ich Gäste auf meiner Basis habe, die sich an die Regeln halten. Wenn man etwas liebt, will man es auch erhalten."

Mondfische zwischen den Welten

Zwischen Bali und Lombok verläuft die "Wallace-Line", eine biogeografische Trennlinie zwischen asiatischer und australischer Tier- und Pflanzenwelt. Benannt nach dem britischen Forscher Alfred Russel Wallace, der die Inseln Mitte des 19. Jahrhunderts erkundete, gilt die Region auch unter Wasser als "Hotspot" des Artenreichtums. Neben den ganzjährig anzutreffenden Mantas ist Nusa Penida in Taucherkreisen auch für die Sichtungen von Mondfischen bekannt - insbesondere in den Monaten Juli bis Oktober.

Auf den mit über drei Meter Durchmesser und zwei Tonnen Gewicht schwersten Knochenfisch der Welt hat es der Österreicher Pölzer beim zweiten Tauchgang abgesehen. Bei Crystal Bay, einer Bucht, die inmitten des Kanals zwischen Nusa Penida und Nusa Ceningan liegt, zwängt sich der 40-jährige Fotograf ein weiteres Mal in seinen klammen Tauchanzug aus Neopren. Pölzer weiß, was ihn erwartet: Strömungen, so stark, dass ein Anschwimmen dagegen unmöglich ist. Dazu Wassertemperaturen, die durch das nährstoffreiche Tiefenwasser um über zehn Grad unter den auf Bali sonst üblichen Temperaturen liegen. Wer spektakuläre Bilder schießen will, muss leidensfähig sein.

Kaum im Wasser, wird Pölzer mitgerissen. Die Strömung wirkt auf sein ausladendes Kameragehäuse wie stürmischer Wind auf die Segel eines Schiffes, der Riffhang fliegt im Eiltempo vorbei. Ihm auf den Fersen ist Düde Merz, der eine Oberflächenboje hinter sich her zieht - anders könnte das Tauchboot den beiden nicht folgen. Im Freiwasser stehen Tunfischschwärme, an den Abhängen lassen sich vereinzelt Weißspitzen-Riffhaie sehen, gelegentlich schwebt ein Adlerrochen vorbei. Für erfahrene Taucher ist dies ein Tauchgang par excellence, für den Fotografen Pölzer harte Arbeit. Arbeit, die dazu noch unbelohnt bleibt: kein Mondfisch in Sicht. "Halb so wild", sagt er später. "Das Meer ist halt kein Streichelzoo."

Barbara und Wolfgang Pölzer bleiben noch ein paar Tage in der Region. Solange, bis er die Bilder auf dem Speicherchip hat, die er für seinen Reiseführer braucht. Merz dagegen macht sich auf den Weg zurück nach Pemuteran, wo das Tauchen so ist wie die Insel Bali: sanft und entspannend. Direkt vor seiner Tauchbasis kümmert er sich um eines der ältesten künstlichen Riffprojekte, wo Korallen auf unter leichtem Strom stehenden Drahtgestellen zum Wachstum angeregt werden.

Für Merz liegt die Schönheit beim Tauchen auch im Betrachten der kleinen Dinge - ganz ohne Strömung, Manta und Mondfisch.



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RogerT 01.03.2010
1. Japaner...
Japaner sind bei Nusa Penida leider die Hauptakteure, die als Taucher jegliche Rücksicht vermissen lassen. Wenn man dort zum Tauchen hin fährt und ein Boot voller Japaner sieht, braucht man nicht mehr ins Wasser, da kann man gleich wieder zurück fahren... das ist kein Vorurteil, sondern oft erlebte Realität. Ich habe selten Taucher gesehen, die derart unerfahren und rücksichtslos sind, Hauptsache das Foto wird gut...
stephan1967 01.03.2010
2. Hobbyknipser
Zitat von RogerTJapaner sind bei Nusa Penida leider die Hauptakteure, die als Taucher jegliche Rücksicht vermissen lassen. Wenn man dort zum Tauchen hin fährt und ein Boot voller Japaner sieht, braucht man nicht mehr ins Wasser, da kann man gleich wieder zurück fahren... das ist kein Vorurteil, sondern oft erlebte Realität. Ich habe selten Taucher gesehen, die derart unerfahren und rücksichtslos sind, Hauptsache das Foto wird gut...
Kann ich (leider) so bestätigen. Das ganze Bewusstsein für die Umwelt ist in vielen asiatischen Ländern einfach weniger ausgeprägt, dazu kommt die extreme Geilheit aufs gute Foto dort... Aber auch bei Europäern kann man fast pauschal sagen: Knipser mit wenig Taucherfahrung sind die Riffzerstörer Nummer 1! Ausnahmen bestätigen die Regel aber wenn es nach mir ginge, würde ich in tropischen Gegenden die Kamera bei weniger als 100 Tauchgängen verbieten. Stephan
steffinti 09.03.2010
3. So ist der Mensch wohl einfach
Es geht ja nicht nur um unsensible Fotografen, sondern vielmehr um allgemen dümmlich, trampeliges Verhalten. Wobei man hier sagen muss, dass von den Einheimischen, in diesem Falle den Indonesiern, auch nicht immer mit gutem Beispiel voran gegangen wird. Ich erinnere mich an eine Schnorcheltour zwischen den Gilis, wo den Touristen, die größtenteils deutsch waren, angeraten wurde, doch in einer Plastiktüte Kekse mitzunehmen, um die Fische anzulocken, damit man sie besser beglotzen kann. Gesagt getan: das war wie Entenfüttern am Stadtteich! Das ist doch kein Aquarium! Warum kann man sich denn nicht aufs schlichte Gucken beschränken und zwar aus sicherer Distanz? Die Schnorchelführer führten dann noch mit den Riesenschildkröten "lustige" Kunststücke vor, sich am Panzer festhalten und mitschwimmen. Da bleibt den armen Tieren ja nur noch die Flucht ins tiefe Blau.
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