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28. Dezember 2012, 06:32 Uhr

Tauchen vor Kuba

Biss zum Sonnenuntergang

Von Linus Geschke

Kuba, das ist ganz viel Fidel und Rum, das sind Havannas und Sozialismus. Kuba ist aber auch ein Tauchziel, das ungewöhnliche Begegnungen ermöglicht. Wie zum Beispiel die mit Hugo - einem drei Meter langen Krokodil mit einer Vorliebe für Fotokameras und Hühnchen.

Man könnte jetzt klagen: über das Hotelschiff "Tortuga", dessen Zwei- und Vierbettzimmer kaum größer ausfallen als die Zellen einer bundesdeutschen Justizvollzugsanstalt. Darüber, dass man hier, knapp 90 Kilometer von der Hauptinsel entfernt, kaum noch mitbekommt, wie das wirkliche Kuba aussieht. Oder über den Tauch-Guide Noel López, der sich an den Flossen von bis zu drei Meter langen Seidenhaien festhält. Dabei lernt doch jeder Anfänger im Tauchkurs, dass man unter Wasser nichts berühren soll.

Doch keiner der Gäste jammert. Weil die "Tortuga" im Meeresschutzgebiet Jardines de la Reina trotz ihrer überschaubaren Kabinengröße immer noch die komfortabelste Übernachtungsmöglichkeit darstellt. Weil das Paradies in den "Gärten der Königin" nicht über, sondern unter der Wasseroberfläche liegt.

Und weil Noel López in Kuba wohl der Mensch ist, der Haie am besten versteht. In 22 Jahren als Tauchlehrer hat er gelernt, wie er seine "Sweeties" willenlos macht: eine Hand an die Rückenflosse, die andere an die Schwanzflosse - und schon verfällt der Hai in eine Starre, in der er sich sogar widerstandslos auf den Rücken drehen lässt.

Der Arbeitsplatz von Noel López ist das wohl beste Tauchgebiet Kubas. Noch bis 1996 war Jardines de la Reina ein Archipel wie viele andere in der Karibik. Doch dann erklärte man weite Teile zum Nationalpark, verbot die kommerzielle Fischerei und fütterte die wenigen Haie, die es dort noch gab, künstlich an.

Mittlerweile ist ihre Anzahl stark angestiegen und die regelmäßigen Fütterungen wurden eingestellt. Sie sind auch nicht mehr nötig: Wer heute hier abtaucht, findet einen Fischreichtum im Überfluss vor. Schnapper, Tarpone und riesige Judenfische drängeln sich vor Korallen und Schwämmen, man sieht Barrakudas, Rochen und etliche Haiarten.

Rendezvous mit Hugo

In vielen Tauchmagazinen wird Jardines de la Reina oft als Galapagos der Karibik bezeichnet - und da ist etwas Wahres dran. Über 200 Fischarten tummeln sich rund um die 250 zum Teil noch unberührten Inseln, die Farbenpracht unter Wasser ist überwältigend. Doch wer den vielleicht spektakulärsten Tauchgang Kubas erleben möchte, der muss gar nicht weit mit dem Boot fahren: Es genügt, unmittelbar neben der Tauchbasis ins Wasser zu steigen.

Das Abenteuer beginnt am späten Nachmittag, dann, wenn die Sonne für perfekte Fotos besonders gut steht. Alles, was es erfordert, sind ein klein wenig Geduld und viel Mut. Hier, im Flachwasser der Mangroven, gibt es besonders viele junge Fische, aber nur wenig Großes und keine Haie. Was vielleicht auch daran liegen kann, dass die Haie Angst vor Hugo haben - einem drei Meter großen Reptil der Gattung Amerikanisches Krokodil.

Um eine Audienz bei Hugo zu erhalten, ist zumeist ein Gastgeschenk nötig: Halbe Hühnchen mag er besonders gern. Krokodile liegen große Teile des Tages regungslos herum, aber wenn sie mal in Bewegung kommen, dann sind sie erstaunlich flink. Schon ihr Anblick ist bedrohlich: Erst zehn Sekunden ist das Tier in Sichtweite, da verlässt der erste Taucher bereits fluchtartig das Wasser.

Die anderen schauen gebannt zu, wie Hugo in einem Moment regungslos verharrt, nur um im nächsten loszuschnellen und mit dem Kopf gegen die Objektive der Unterwasserkameras zu stoßen. Die Kiefer sind dabei weit aufgerissen, die Respekt einflößenden Zähne werden formatfüllend aufs Foto gebannt.

Es ist eine Begegnung an der Grenze zum Irrsinn, die es so auch bald nicht mehr geben wird. Noch maximal ein Jahr, sagt López, dann ist Hugo zu groß. Was er damit meint ist eher: zu unberechenbar, zu gefährlich - ein Risiko, das man nicht mehr kontrollieren kann. Und schon jetzt gehört das Zusammentreffen mit einem jugendlichen Krokodil zu den Erlebnissen, die die meisten Taucher ohne lange Überlegung unter der Rubrik "Muss ich nicht haben" verbuchen dürften.

Kritische Europäer

Haie berühren, Krokodile anfüttern: López weiß, dass seine Art nicht unumstritten ist. Gerade bei europäischen Tauchern stößt diese Praxis oftmals auf Ablehnung. Und er stellt es seinen Gästen in offenen Gesprächen frei, ob sie solche Tauchgänge haben wollen. "Wir können auch ohne Streicheleinheiten mit den Haien tauchen", sagt er. Und ohne Futter im Wasser: "Dann kommen die Tiere aber nicht so dicht heran."

Hier auf Kuba, wo in vielen Bereichen die Mangelwirtschaft regiert, ist die Schaffung eines Meeresschutzgebiets auch abhängig von den Geldern, die der Tourismus damit erwirtschaftet. Von Anfang an arbeitet López eng mit der SEC (Sociedad Espeleológica de Cuba) zusammen, der ältesten wissenschaftlichen Einrichtung des Karibikstaates. Er vermutet, dass es ohne die Touristen das Schutzgebiet schon lange nicht mehr geben würde.

"Natürlich ist das eine permanente Gratwanderung", sagt er. "Viele Gäste wollen eine solche Show." Und solange Touristen genau diese Art von Tauchgängen wollen, werde es sie auch geben. "Hätten wir keine Taucher mehr, die viel Geld für ihren Aufenthalt zahlen, würde es wohl nur wenige Tage dauern, bis die Fischer sämtliche Haie herausgezogen hätten. Außerdem ermöglichen die Fütterungen es mir, einen Überblick über die Gesamtpopulation zu erhalten."

Und so ist jeder Abstieg in die Gärten der Königin auch ein aktiver Beitrag zum Erhalt des Nationalparks: "Als wir 1996 anfingen, gab es hier gerade noch vier Haie", erinnert sich der Kubaner. "Mittlerweile haben wir wieder eine Population von über 20 Seidenhaien, dazu kommen noch etliche karibische Riffhaie und Ammenhaie." Und sie alle werden satt. Der Fischreichtum ist um ein Zigfaches angestiegen, seitdem die kommerzielle Fischerei verboten wurde.

Da ist dann sicher zukünftig auch der ein oder andere Leckerbissen für Hugo dabei - es muss ja nicht immer Hühnchen sein.

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