Tauchen vor Kuba: Viva la Tiefenrausch

Von Linus Geschke

Vor der kubanischen Isla de la Juventud liegen einige der besten Tauchplätze der Karibik. Für Anfänger sind die Ausflüge in die Unterwasserwelt jedoch kaum geeignet - die ortstypische Form des Tauchens ist lustig, aber nichts für schwache Nerven.

Tauchen in Kuba: Durch den Kamin in die Tiefe Fotos
Jan Thies

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Larry lacht. Das tut er eigentlich immer. Bei dem Kubaner ist Lachen eine Ganzkörperaktion: Augen, Mund, Bauch, alles ist in Bewegung. Und Tauchguide Larry findet ständig Gründe, um zu lachen: mal über Kuba, mal über die Auswüchse des Sozialismus, mal über sich selbst. Wer dann in seiner Nähe steht, verliert häufig die Kontrolle über die eigenen Bauchmuskeln - sein Lachen ist ansteckender als jede Virusinfektion.

Auf der Isla de la Juventud, der "Insel der Jugend", gehört Larry, der mit vollem Namen José Ramon Larralde Perez heißt, mit seinen 57 Jahren schon zum alten Eisen. Als er zum ersten Mal vor der Küste abtauchte, da lebte Che Guevara noch, war Kurt Georg Kiesinger gerade Bundeskanzler geworden. Die Schatzinsel, wie die Isla de la Juventud oft auch genannt wird, ist Larrys Heimat. Und nur die - nicht Kuba als Ganzes.

"Wer Kuba wirklich kennen lernen will", meint er, "der darf nicht nach Varadero. Das ist nur für Touristen. Selbst Havanna ist lediglich in einigen Vierteln richtig kubanisch. Aber hier", er breitet die Arme aus, als wolle er das Eiland in Besitz nehmen, "hier ist das wahre Kuba!" Als Teil des Canarreos-Archipel gut 30 Flugminuten südlich der Hauptinsel gelegen, ist die Isla de la Juventud bislang noch vom Massentourismus verschont geblieben: viermal so groß wie Ibiza, aber mit nur einer einzigen touristischen Ferienanlage - dem Hotel Colony, erbaut zu Zeiten, als die Amerikaner auf Kuba noch gern gesehene Besucher waren.

"Das ist eine freie Insel!"

Heute sind die Gäste des Hotel Colony zum Großteil Taucher. Wie Verena Vogelgsang. Die 29-jährige Münchnerin ist gekommen, weil es vor der Schatzinsel noch gibt, was vielen anderen Tauchgebieten mittlerweile fehlt: große Fischschwärme und völlig intakte Korallenriffe. Wie an dem Spot Blue Cave, der zu Larrys Favoriten gehört und der gleichzeitig auch ein Abstieg in die Unterwelt ist.

Kurz nach dem Sprung ins transparent erscheinende Wasser sieht Vogelgsang in zwölf Meter Tiefe schon eine Gruppe Tarpone. Die massigen Raubfische von rund zwei Meter Länge sehen mit ihren silbernen Schuppen aus wie Ritter in einer strahlenden Rüstung. Nur langsam weichen sie vor den Tauchern zur Seite weg und geben den Blick auf einen trichterförmigen Eingang frei, der wie ein Kamin nach unten führt. Später wird Larry erzählen, dass die Tarpone immer dort sind: Sie sind so etwas wie die Wächter der darunter liegenden Unterwelt.

Anfangs fällt genügend Licht in den Trichter, aber mit jedem Meter, den Verena Vogelgsang tiefer taucht, wird es dunkler. Ihre Lampe streicht über bewachsene Wände, während sie von unzähligen Augen angeblickt wird: Kleine Garnelen leben in den Spalten und Kerben. Langsam lässt Larry sich tiefer ins Dunkel sinken; die Münchnerin folgt ihm dichtauf. 30 Meter zeigt der Tauchcomputer an, dann 35, anschließend 40.

Das Blue Cave ist geformt wie ein großes L, der Ausgang liegt in über 50 Meter Tiefe - deutlich tiefer also, als Sporttauchverbände empfehlen, die zumeist 40 Meter als maximale Tiefengrenze angeben. Doch das interessiert auf Kuba niemanden, schon gar nicht Larry. "Die Tauchplätze sind halt so, wie die Tauchplätze sind. Die halten sich an keine Empfehlungen. Und das hier, hey, das ist eine freie Insel: Wir lassen uns doch nicht von anderen diktieren, wie tief wir tauchen dürfen." Dann lacht er wieder: "Viva la Revolución!"

Nach dem Ausstieg aus der Höhle tauchen die beiden an einer Steilwand auf, vorbei an Schwämmen und Korallen, die in Gelb, Mint und Orange leuchten. Schildkröten ziehen vorbei, Muränen blicken aus ihren Löchern, Porzellanschnecken kleben an der Wand.

Fidel als Gefängnisinsasse

Später, auf der Rückfahrt zur Tauchbasis, kommt Larry ans Erzählen. Beispielsweise über das 1928 errichtete Gefängnis "Presidio Modelo", in dem Fidel Castro vor der Revolution zwei Jahre lang einsaß und das heute zu den größten Touristenattraktionen der Insel zählt. "Man kann allerdings nicht sagen, dass es ihm da wirklich schlecht ging - sein Schwager war zu der Zeit unter Batista schon Innenminister und hat dafür gesorgt, dass der große Fidel nicht allzu sehr leiden musste."

Dann wechselt er das Thema: Abends will er Verena Vogelgsang und die anderen Gäste einladen, in eine hölzerne Bar, die im Wesentlichen nur aus einem Dach, einer Theke und einer Tanzfläche besteht. Nach Nueva Gerona, in die Inselhauptstadt, in die sich ansonsten fast nie ein Tourist verirrt - und dort will er tanzen, tanzen, tanzen.

In vielen Reiseführern steht, Kubaner seien begnadete Tänzer. Das stimmt nur zum Teil. Wenn sie gewöhnliche Popmusik oder Techno hören, dann sind sie nur kreischende Girlies oder schmächtige Jungs, die sich hektisch bewegen und die Arme nach oben strecken. Kein Unterschied zu anderen Ländern. Aber sobald sie sich zu Salsa oder Timba bewegen, verwandeln sie sich. Von klein auf haben sie die Musik im Ohr, das prägt - und vielleicht gibt es auch ein Salsa-Gen, das anderen Nationen fehlt.

"Tanzen und Tauchen!"

Auf manch Außenstehenden mögen ihre Bewegungen dabei fast schon pornografisch wirken; dennoch sieht es nie billig oder obszön aus. Wenn sie zu Liedern tanzen, die irgendwie alle von "Corazón" erzählen, dem Herzen also, dann vergessen sie die Umwelt, dann kommen ihre Hüftschwünge wie automatisch.

Auch Larry macht da keine Ausnahme: Selten hat man gesehen, wie sich 200 Pfund geschmeidiger bewegen können. Er lacht, er deutet auf Verena, jetzt will er mit ihr tanzen. Und sie tanzt mit ihm. Nicht so selbstverständlich, wie dies Kubaner tun, aber auch nicht so tollpatschig, wie man es bei einer Europäerin vielleicht vermuten könnte: Vielleicht liegt es ja auch in der Luft, das kubanische Tanz-Gen.

Zwölf Stunden später fordert der Salsa immer noch seinen Tribut - der und einige Cuba Libre, die vom Barmann über die Theke zu Verena Vogelgsang gewandert sind. Nur Larry ist schon wieder gut gelaunt. "Ja, Mann, das hält jung", sagt er und lacht. "Tanzen und Tauchen, Tauchen und Tanzen."

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