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Tauchen wie James Bond: Ein Quantum Glück

Von Linus Geschke

In ein Flugzeug-Cockpit schwimmen, mit dem Scooter über den Meeresgrund rasen: Vor Curaçao, der größten Insel der Niederländischen Antillen, dürfen sich Taucher ganz wie James Bond fühlen. Als Zugabe gibt es neugierige Tümmler, farbenprächtige Schwämme und karibische Rifffische.

Kraftvoll schieben zwei Außenborder das kleine Tauchboot über das Karibische Meer. Über dem Horizont leuchtet der allzeit knallblaue Himmel - und in den Tiefen des türkisfarbenen Wassers wartet eine der größten Tauchattraktionen von Curaçao: das Wrack einer Fokker Fairchild F-27. An Bord des Bootes sind neben dem Bob Marley ähnelnden Kapitän ein holländisches Pärchen, der Amerikaner Dan und die junge Deutsche Bea Knipstein, die bereits in ihren Anzug steigt und sich langsam auf den Tauchgang vorbereitet.

Die Motoren stoppen. Und die Taucher starten ihren knapp 17 Meter tiefen Abstieg zu dem in drei Teile zerbrochenen Flugzeugrumpf. Langsam gleitet Bea durch das fast transparente Wasser, beobachtet jedes Detail: die Fische, die Korallen, die Krebse, dann das knapp 26 Meter lange Wrack. Die einzelnen Segmente sind auch von Anfängern leicht zu betauchen, alle Sitze und Türen sind aus dem Inneren entfernt. Dan ist schon in die verwaiste Pilotenkanzel vorgedrungen, von dort schaut er ins Meer hinaus. "Man fühlt sich dabei fast wie Sean Connery in 'Feuerball' – nur der böse Gegner fehlt", erzählt er später lachend.

Doch keine ominöse Organisation hat die Fairchild F-27 versenkt. Dahinter stecken der Geschäftssinn und die Initiative von Louis Lopez Ramirez, des Betreibers einer Apartmentanlage und des Tauchcenters Ocean Encounters West. Die Maschine diente einst als Inselhüpfer zwischen den ABC-Inseln Aruba, Bonaire und Curaçao, bevor sie – nach unzähligen Behördengängen und einer aufwendigen Reinigung von sämtlichen Betriebsmitteln – im Februar 2007 bei dem ehemaligen Fischerort Westpunt im Meer versenkt wurde.

Gute Zeiten für Hummer

Heute ist der Flieger auf dem besten Wege, ein künstliches Riff zu werden. Rund um das Wrack wuselt Getier: Krebse tummeln sich unter Vorsprüngen, Schildkröten knabbern an Weichkorallen, und kleine Barrakudas jagen durch das Freiwasser. Aus vielen Löchern und Spalten blicken grüne Muränen hervor, betupft mit gelben Punkten. Die aalähnlichen Fische sehen zwar furchteinflößend aus, zeigen jedoch keine Spur von Aggressivität.

Auf dem Weg vom Wrack zurück flösselt Bea über einen Unterwassergarten, wie ihn ein englischer Gärtner nicht besser hinbekommen könnte. Es gibt nur noch wenige Tauchplätze auf diesem Planeten, die ähnlich unberührt wirken. Unter großen Tischkorallen schauen die Fühler von Hummern hervor.

Die jeweils zwischen zwei und drei Kilogramm schweren Tiere müssen keine Angst mehr haben, in einem Kochtopf zu landen: Bereits seit 25 Jahren stehen die Korallenriffe vor Curaçao unter Naturschutz, seit zehn Jahren ist die Unterwasserjagd auf Meeresbewohner streng verboten. Und das tut der maritimen Welt sichtlich gut – die Fische zeigen sich den Tauchern gegenüber wenig scheu, rundherum ist Leben, und kaum ein Stein ist zu sehen, der nicht von Korallen und Schwämmen besiedelt ist.

Die 23-jährige Thüringerin studiert in England Betriebswirtschaft und verbringt die Semesterferien fast ausschließlich auf Curaçao, wo sie für die Tauchbasis von Ramirez arbeitet. Die Insel, so sagt die leidenschaftliche Taucherin, ist für sie "eine Mischung aus holländischen Einflüssen, karibischer Lebensfreude und schönen Tauchplätzen, die meist vom Land aus erreichbar sind." Ein ganz spezieller Cocktail eben – geschüttelt, nicht gerührt.

Scootern am Whiskey-Wrack

Wracks mit ihren mystischen Lichtverhältnissen faszinieren Sporttaucher, ihre Erkundung verheißt Abenteuer. Oftmals sieht es aus, als würde ein Schleier über ihnen liegen, ein geheimnisvoller Nebel, der nur darauf wartet, gelüftet zu werden. Ein weiterer solcher Spielplatz für Taucher liegt nahe Willemstad, Curaçaos Hauptstadt: Die "Superior Producer", die mit Jeans und Whiskey beladen war, erlitt 1977 Schiffbruch. Nun ruht der 80 Meter lange Frachter, über und über mit Korallen und Schwämmen bewachsen, in 30 Metern Tiefe.

Ganz Bond-like lässt sich die "Superior" mit Scootern erkunden. Der Amerikaner Dan strahlt: Er kennt die Geräte, die gleich in mehreren 007-Filmen eine Rolle spielen. Die in der Jan-Thiel-Bucht ansässige Tauchschule Scuba Do bietet Tauchgänge mit den Scootern an, die wie kleine Torpedos aussehen und den Taucher hinter sich her ziehen. Ohne Kraftanstrengung flitzen die Taucher an dem auf ebenen Kiel liegenden Frachter vorbei.

Das Schiff wirkt auf die Fischwelt wie ein Magnet. Tausende kleiner roter Riffbarsche umkreisen die Reling im Heckbereich, überall haben sich Hartkorallen angesiedelt, sammeln sich durchsichtige Glasfische in den Aufbauten. Ein rund 50 Zentimeter großer Drückerfisch bewacht, hektisch mit den oberen und unteren Flossen wedelnd, sein Nest, das papageiähnliche Maul weit geöffnet.

Farbexplosion im Taschenlampen-Licht

Das Phänomen des "coral bleaching" – ein Ausbleichen der Korallen infolge eines gestörten Stoffaustausches zwischen Alge und Koralle durch zu hohe Temperaturen oder Schadstoffbelastungen – ist auf Curaçao noch nicht zu beobachten. Stattdessen explodieren die Farben im Licht der Tauchlampen, von Grün über Gelb bis Rot und Purpur erstrahlt eine Welt, die dem Pinsel Picassos entsprungen sein könnte.

Plötzlich werden die Fische hektisch. Aus dem Freiwasser lösen sich Schatten. Anfangs sind sie kaum zu identifizieren, doch dann werden mehrere Delfine sichtbar. Die Großen Tümmler umkreisen die Taucher, spielen mit den aufsteigenden Luftblasen, suchen mal die Nähe und flüchten dann wieder in die Distanz. Es ist ein seltsam anzuschauender Tanz, bei dem elegant schwimmende Meeressäuger auf plump wirkende Taucher treffen. Keine der beiden Gruppen bleibt still; das Fiepen der Delfine mischt sich mit den Glückslauten der Taucher, die in ihre Atemregler schreien. Ein Quantum Freude: Bond ist vergessen, auch für Dan.

Zumindest bis zum Abend, an dem der Amerikaner dann ganz Bond-mäßig sein Glück in einem der zahlreichen Spielcasinos versucht. Statt Martini geschüttelt gibt es auf Curaçao jedoch Mojito gemixt.

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Curacao: Ein ganz spezieller Cocktail