Tauchparadies Raja Ampat Rendezvous mit Rochen

Majestätische Mantas, seltene Seepferdchen: Im indonesischen Raja Ampat bietet sich Tauchern auf wenigen Quadratmetern eine Artenvielfalt, die weltweit ihresgleichen sucht. Die Riffe sind ein Dorado für Unterwasserfotografen - solange man das richtige Objektiv dabei hat.

Tobias Zimmer

Von Linus Geschke und Tobias Zimmer (Fotos)


30 Meter unter der Wasseroberfläche. Nichts als Wärme, Farben, Licht. Überall Leben. Hier gibt es keine Spuren von Fischerei, keine zerstörten Korallen, keine Taucherrudel. Tobias Zimmer ist im Paradies angekommen. Langsam gleitet er an Riffwänden und Korallentürmen entlang, stets darauf bedacht, nur nicht mit ihnen in Berührung zu kommen. Es gilt das Motto einer bekannten Bierwerbung: "Nur schauen, nicht anfassen!"

Alle paar Sekunden macht sein Atemregler "blubb", wenn er die ausgeatmete Luft zur Oberfläche schickt. Beim ersten Blubb sieht Zimmer farbige Riffbarsche, beim zweiten einen Schwarzspitzen-Riffhai, beim dritten einen großen Schwarm Stachelmakrelen. Der Kölner ist nach Raja Ampat geflogen, um auf die Jagd zu gehen, bewaffnet mit seiner schweren Fotoausrüstung. Und Beute findet er an den Riffen genug - in solch überwältigendem Ausmaß, dass er kaum weiß, wo er zuerst abdrücken soll. "Ich habe ja weltweit schon einiges an guten Tauchgebieten gesehen. Aber das hier ist im Vergleich direkt mal ein Quantensprung", sagt er etwa eine Stunde später, als er sich aus dem Neoprenanzug schält.

Der indonesische Archipel Raja Ampat ist das, was Biologen einen "Hot Spot der Biodiversität" nennen. Etwas verständlicher drücken sich Reiseveranstalter aus; sie preisen den "enormen Artenreichtum" und loben die "intakten Unterwasserlandschaften". Zimmer nennt es schlicht und einfach "den Wahnsinn". Man kann dies auch an nackten Zahlen festmachen: Alleine auf einem Gebiet, welches der Größe zweier Fußballfelder entspricht, haben Wissenschaftler 2006 mehr Korallenarten gefunden als in der gesamten Karibik.

Zwei Gründe sind dafür hauptverantwortlich: Zum einen liegt Raja Ampat im Zentrum des "Korallendreiecks", welches sich von Sumatra über die Philippinen bis nach Papua-Neuguinea erstreckt. Vier Kontinentalplatten prallen hier aufeinander - jede mit ihren individuellen Lebensformen. Zum anderen ist das Labyrinth aus über 600 Inseln für Touristen nur äußerst schwierig zu erreichen.

Auch Zimmers Anreise ähnelte einer Odyssee. Zwölf Stunden von Frankfurt nach Singapur, dann drei Stunden Weiterflug bis Jakarta. Nach einer Übernachtung in den nächsten Flieger, gut vier Stunden Holzklasse bis zur Landung in Sorong, wo ein Boot wartete, welches ihn in drei Stunden zur kleinen Insel Batbitim brachte. Jetzt liegt der 31-jährige Fotograf in einer Hängematte des Misool Eco Resort, öffnet zischend eine kalte Bierflasche und kommt ins Philosophieren: "So einen Trip muss man halt in Kauf nehmen. Alle wollen in ein unberührtes Paradies - aber am liebsten per Direktflug mit dem Charterflieger. Man kann nicht alles haben, nicht wahr?" Eine Antwort darauf erwartet er nicht. Das Bier ist leer, Zimmer geht schlafen.

Laufende Haie, schwebende Ufos

Morgens um 8 sieht man die ersten Gäste wieder an der Tauchbasis. Atemregler werden überprüft, Bleimengen bestimmt, Tarierjackets verstaut. Wo die Ausfahrt hingeht, ist den meisten Tauchern egal: Alles hier ist Neuland. Dies gilt nicht nur für die Riffe, auch für viele der vorkommenden Lebensformen. Indonesische Forscher entdeckten vor vier Jahren den "laufenden Epaulettenhai" - ein kleiner, schlanker Hai, der sich auf seinen Brustflossen fortbewegt und bislang nur in dieser Region gesichtet wurde. "Meist bekommt man ihn auf Nachttauchgängen vor die Maske", verrät Sangut, der indonesische Tauchguide der Basis.

Am frühen Vormittag jedoch flutet das Sonnenlicht die Rifflandschaften aus Rot-, Mint- und Grüntönen, durch die sich die Taucher bewegen. Nahezu jeder Lebensraum ist hier vertreten: Zimmer gleitet an Saumriffen entlang, an Barriereriffen und Steilwänden. Daneben bieten in seichten Lagunen Mangrovenwälder den Jungfischen Schutz und Unterschlupf, jede Art findet hier ihre Nische. Zimmer ist jetzt auf der Suche nach Pygmäen-Seepferdchen. Die nur wenige Millimeter großen Tiere gelten allgemein als extreme Besonderheit, hier findet er in einem einzigen Seefächer direkt zehn davon. Dann jedoch wird seine Aufmerksamkeit ins Blau gezogen: Ein Schatten nähert sich, der wie ein Ufo langsam schwebend auf die Tauchgruppe zukommt.

Wenn Manta-Rochen die Bühne betreten, werden alle anderen Fische schnell zu Nebendarstellern. Die bis zu sieben Meter breiten Tiere, von Fischern aufgrund der beiden Lappen um das Maul herum früher auch "Teufelsrochen" genannt, sind durch und durch friedliche Zeitgenossen. Sie gehören zu den Filtrierern, ernähren sich hauptsächlich von Plankton und kleineren Fischen. Majestätisch mutet ihr Tanz an, wenn sie vor den Tauchern Pirouetten drehen und dabei ihre Unterseite zeigen. Gar nicht majestätisch klingt dagegen das, was Tobias Zimmer derweil in den Atemregler flucht: Das für die Seepferdchen verwendete Makroobjektiv auf seiner Kamera ist nicht dafür geeignet, um die Giganten im Ganzen auf den Speicherchip zu bannen.

Ankern und Fischfang verboten

Später schwärmt der Kölner von der einzigen Hotelanlage auf der Insel und von den Bemühungen der Besitzer, das Paradies noch lange paradiesisch zu erhalten. "Das Resort wurde größtenteils aus Treibholz gebaut, die Abwässer von Waschbecken und Duschen werden recycelt und anschließend für den Garten genutzt." Auch der Umgang mit dem Personal beeindruckt ihn. "Fast jeder Angestellte stammt aus Yellu, der nächstgelegenen Ortschaft. Tolle Arbeitsbedingungen, eine kostenlose Gesundheitsvorsorge, dazu Weiterbildungen und Englischunterricht - wo gibt es das sonst in dieser Region?"

Tatsächlich gibt es wenige Tauchgebiete in Südostasien, die so umweltverträglich geführt werden wie das Misool Eco Resort. Rund 400 Quadratkilometer wurden rund um die Insel gepachtet. Deshalb können die Betreiber hier ihre eigenen Spielregeln aufstellen: Ankern an den Riffen ist genauso verboten wie Fischfang oder das Aufsammeln von Muscheln oder Schildkröteneiern.

Diplom-Fotograf Tobias Zimmer macht sich für einen weiteren Tauchgang bereit. Für den nächsten Abstieg in eine Welt, in der die Natur über Tausenden von Jahren sich selbst überlassen wurde. Er freut sich auf den nächsten "Blubb", auf die nächsten Highlights. Auch auf die Gefahr hin, dass er sich wieder nicht für ein einzelnes Fotomotiv wird entscheiden können.

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Peter100, 07.09.2010
1. Nur gut dass
...dank dieses Artikels endlich auch die Massen wissen, wo man demnächst mal auf dem Riffdach rumtrampeln muss. Schön gemacht. Danke :)
mavoe 07.09.2010
2. hmmm
Zitat von sysopMajestätische Mantas, seltene Seepferdchen: Im indonesischen Raja Ampat bietet sich Tauchern auf wenigen Quadratmetern eine Artenvielfalt, die weltweit ihresgleichen sucht. Die Riffe sind ein Dorado für Unterwasser-Fotografen - solange man das richtige Objektiv dabei hat. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,713720,00.html
Also hoffen wir, dass dieses Paradies nicht durch Touristenmassen und/oder El Nino zerstört wird. Wie z.B. in Thailand geschehen. DA kenne ich den Unterschied zwischen 1990 und 2004 :(
static_noise 07.09.2010
3.
Zitat von Peter100...dank dieses Artikels endlich auch die Massen wissen, wo man demnächst mal auf dem Riffdach rumtrampeln muss. Schön gemacht. Danke :)
Da fliegt weder TUI noch Neckermann hin... die wenigsten werden sich die Strapazen den Anreise machen... ;-) Es bleibt also primär zu hoffen dass das Archipel erst garnicht logistisch erschlossen wird!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.