Tauchspot Friedhof: Steinlöwe trifft Meerjungfrau

Von Linus Geschke

Drei Meilen vor Key Biscayne befindet sich Amerikas ungewöhnlichste Unterwasserattraktion: der Friedhof Neptune Memorial Reef. Fotograf Todd Essick nutzt die mystische Stimmung zwischen Skulpturen und Gräbern, um seine Models posieren zu lassen - als Nixen.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

"Come on, Honey, let's go!" Todd Essick treibt sein Model Elaine zur Eile an. Der Fotograf mit der ewigen Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase fährt sich mit der Hand fahrig durch das braune Haar und blickt auf die Armbanduhr: Die Zeit drängt, Essick will die Bilder im Kasten haben, bevor die Sonne zu tief steht.

Ziel des Bootstrips ist das Ende 2007 eröffnete Neptune Memorial Reef vor Key Biscayne. Dort soll sich die halbnackte Schönheit unter Wasser zwischen Skulpturen und Grabstätten in Pose werfen. Geschmacklos finden das die einen, für Essick als einen der besten Unterwasserfotografen der Welt ist es Kunst, und darüber will er nicht diskutieren. Was er will, das sind Fotos für einen Kalender und ein Buch; Zeit hat er nicht zu verschenken.

In zwölf Metern Tiefe, zwischen in Stein gehauenen Löwen und fast bis zur Wasseroberfläche aufstrebenden Säulen, legt sich Elaine ins Zeug. Sie schwebt über Skulpturen, windet sich um Tore und versucht dabei, trotz des Luftmangels entspannt auszusehen. Alle 30 Sekunden kommt ein Helfer und lässt sie aus dem Lungenautomaten atmen, zwischendurch taucht sie auf, um sich auf dem Boot umzuziehen.

Unter Wasser zu modeln ist kein einfacher Job – das Salz brennt in den Augen, die Haut weicht auf, und ständig zieht einen der Auftrieb des Körpers an die Oberfläche. Auch der Fotograf hat es schwer: Mal passt das Licht nicht, dann sind Schwebeteilchen im Wasser, oder ein Fisch schiebt sich im ungünstigsten Moment zwischen Fotoobjekt und Linse.

Platz für 100.000 Gräber

Der Unterwasserfriedhof in Florida ist die Idee von Gary Levine und Kim Brendall, einem Künstler und einem Designer, und er könnte sich für die beiden zur Gelddruckmaschine entwickeln. Über 50 Gräber in der Tiefe wurden bereits verkauft, zu Preisen bis zu 6700 Dollar. Der erste Kunde war Bert Kilbridge, ein Taucher, der im März 2008 im Alter von 93 Jahren verstarb. Sein Sohn sagte, sein Vater würde sich geehrt fühlen, da er sich zeitlebens mit dem Meer verbunden fühlte.

Auf knapp sechs Hektar Fläche soll insgesamt Platz für über 100.000 Tote entstehen. Teilweise werden sie in Urnen beigesetzt, teilweise wird ihre Asche mit dem Beton für neue Skulpturen vermischt. Laut dem Betreiberunternehmen "Neptune Society" soll hier nicht nur eine Stätte des Gedenkens entstehen, sondern auch das größte künstliche Riff der Welt – die Toten als Teil eines neuen Ökosystems.

Levine und Brendall hatten es anfangs nicht leicht, überhaupt eine Genehmigung für ihr Projekt zu bekommen. Mittlerweile jedoch erweist sich der Atlantis nachempfundene Unterwasserfriedhof als attraktiv für die unterschiedlichsten Zielgruppen: Biologen können hier die Entstehung eines künstlichen Riffs dokumentieren, welches Korallen ideale Lebensbedingungen und Rifffischen Schutz vor Fischern bietet.

Umweltschützer unterstützen den Neptune Memorial Park, Tourismusbehörden und Tauchschulen freuen sich über die neue Attraktion. Auch die Sporttaucher sind begeistert: Kaum ein anderer Tauchspot strahlt eine solche Mystik und Ruhe aus. Über 30 Fischarten haben sich bereits angesiedelt, die ersten bunten Papageifische nagen an dem Bewuchs der Skulpturen, während silbern glänzende Barrakudas zwischen den Säulen auf Beute lauern.

Hummer und Kofferfische am künstlichen Riff

Unter Wasser schwebt der Taucher durch zwei Messingtore, die von bronzenen Löwen flankiert werden. Ein aufgeschreckter Kofferfisch sucht mit hektischen Bewegungen seiner kleinen Flossen das Weite. Der Hauptweg führt an Säulen und Gewölben vorbei bis zum zentralen Platz des Areals, von den aus in der Endphase des Baus acht Speichen wie bei einem Rad zum äußeren Kreis der Gedenkstätte führen sollen.

Schon jetzt zieht das Gebiet unzählige, meist kleinere Fische an; unter den Steinen strecken die ersten Hummer ihre Fühler empor. Deren Fang ist nicht erlaubt, das gesamte Areal ist zum Schutzgebiet erklärt wurden, in dem Angeln, Fischen und Jagen verboten ist.

Jerry Normann, Präsident der "Neptune Society", sagt dazu: Das Riff "wird einen begünstigten Lebensraum im Meer schaffen. Mit Hilfe der Natur und der Zeit wird diese Unterwasser-Gedächtnisstätte ein Riff mit farbenprächtigem Meeresleben und Korallenwachstum werden, welches die Sicherheit bietet, die Erinnerung an die Verstorbenen für alle Zeit zu bewahren".

Der letzte Tauchgang des Fotografen

Todd Essick hat derweil ganz andere Probleme. Immer wieder schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, dringen die Lichtstrahlen nicht ins Meer ein und lassen es nicht transparent genug erscheinen. Doch letztendlich hat der Profi Glück: Eine Stunde gute Sicht reicht ihm, um die gewünschten Bilder in den Kasten zu bekommen.

Es sind verträumte, surreale Bilder voller Mystik, auf denen das Model "wie eine Meerjungfrau über die Verstorbenen wacht". Sagt Essick, der auf der Rückfahrt deutlich entspannter wirkt und sich auch vorstellen kann, hier einmal selbst beerdigt zu werden. "Als Taucher, Fotograf und Umweltschützer gefällt mir die Idee, dass es jetzt eine weitere Möglichkeit gibt, den letzten Tauchgang anzutreten. Die besondere Atmosphäre dieses Ortes ist einfach faszinierend."

Gut ein Jahr nach der Eröffnung ist der Unterwasserfriedhof bereits der beliebteste Tauchspot vor der Küste Key Biscaynes. Doch nicht nur Sporttaucher und Biologen profitieren von dem Projekt, auch für die Angehörigen hat eine Beisetzung im Neptune Memorial Reef ganz praktische Vorteile: Die Grabpflege entfällt, und bei Besuchen müssen auch keine Blumen mitgebracht werden – nur einen Tauchschein sollten sie schon besitzen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Abgetaucht
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Neptune Memorial Reef: Nixen auf dem Friedhof