Tauchspot Isla del Coco Gold, Gier, großes Getier

Piraten und Goldgräber gaben sich auf Isla del Coco die Hand - die einsame Insel vor Costa Rica soll sogar Vorbild für den Roman "Die Schatzinsel" gewesen sein. Doch für Taucher liegt die wahre Kostbarkeit vor der Küste des kleinen Eilands - dort, wo sich Hunderte Hammerhaie tummeln.

Von Linus Geschke

Norbert Probst

Kurz nach Beginn ihrer Traumreise knien sie nieder, beugen den Kopf über die Reling und setzen ihr Mittagessen wieder frei. Es ist noch keine Stunde her, da hat die "SeaHunter" den Hafen von Puntarenas verlassen - und schon jetzt haben die Reisenden genug vom Pazifik mit seinen langen, harten Wellen.

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, haben Thorsten Maschweit und Frank Ritter annähernd so viel bezahlt wie ein Opel-Händler für einen neuen Corsa haben will. "Wir tauchen jetzt schon seit acht Jahren", erläutert Ritter. "Und fast genauso lange ist uns klar, dass wir irgendwann einmal dort hin müssen." Dort, das ist die Isla del Coco, eine zu Costa Rica gehörende Insel, gut 500 Kilometer vom Festland entfernt. 500 Kilometer, die den beiden Sportlern aus dem Ruhrpott weitere 35 Stunden Bootsfahrt bescheren werden.

Norbert Probst sitzt ein wenig abseits und bereitet seine Kamera für die anstehenden Tauchgänge vor. Der Unterwasserfotograf ist indirekt wohl schuld daran, dass Menschen wie Maschweit und Ritter die Heimat verlassen, um sich anzutun, was Romantiker die "Große Freiheit auf See" nennen. Für den Nürnberger ist dies bereits die dritte Fahrt zur Isla del Coco, die Bilder seiner vorherigen Reisen erschienen in zahlreichen Tauchmagazinen. "Das Gefühl von Seekrankheit kann ich ja nicht fotografieren", sagt er und lacht. "Und das Ergebnis mag wohl auch keiner sehen."

Tosende Wasserfälle, rauschende Brandung

Die Isla del Coco ist seit 1997 Unesco-Weltnaturerbe, seit 2001 gehören die Gewässer im Umkreis von zwölf Seemeilen zum Cocos Island Nationalpark. Die Zahl der Touristen, die auf die Insel gelassen werden, ist vom Staat Costa Rica streng limitiert. Nur ein paar Parkranger wohnen auf der 24 Quadratkilometer großen Insel, die den einzigen tropischen Regenwald des Ostpazifiks aufweist. Sie achten darauf, dass sich die Besucher an die streng festgelegten Naturschutzregeln halten. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es für Touristen keine, Essen darf nicht mitgebracht werden. Nur ihre Wasserreserven können sie an den Bächen und über 200 Wasserfällen der Insel auffüllen.

Als die "SeaHunter" in der Catham Bucht anlegt, blicken die Besucher auf steil aufragende Hügel. Die Flanken sind bedeckt durch das satte Grün einer tropischen Vegetation, die seit Ewigkeiten einfach nur sich selbst überlassen wurde. Sie hören das Tosen der Wasserfälle, das Bersten der Brandung und die Schreie der Vögel im Wind. Die größte Erhebung, der 635 Meter hohe Cerro Iglesias, hat sein Haupt hinter Wolken versteckt - die Insel wirkt wie verwunschen.

Schon in der Blütezeit der Piraterie im 17. Jahrhundert galt das abgelegene Eiland als ideales Versteck. Hier sollen Freibeuter wie der Engländer Edward Davis und der Spanier Benito Bonito ihre Beute vergraben haben. Alleine Davis verbuddelte dort der Legende nach 733 Goldbarren - seine Taten lieferten die Vorlage zu Robert Louis Stevensons Klassiker "Die Schatzinsel". Davis' Beutestücke sind aber noch nicht die größte Kostbarkeit, die hier vermutet wird: 1821 brachte William Thompson den "Kirchenschatz von Lima" zuerst in seine Gewalt und dann auf die Insel - eher ein Raub-, als ein Piratenstück.

Vom Schatzsucher zum Gouverneur

Zu der Zeit erhoben sich die Kolonien in Mittel- und Südamerika gegen die spanische Herrschaft. Überall kam es zu blutigen Aufständen und Revolten. Als die Rebellen 1821 vor Lima standen, wollte die Kirche in letzter Minute ihr Vermögen in Sicherheit bringen. Kistenweise verluden sie Gold und Silber, Schmuck und Juwelen auf Thompsons Schiff, die "Mary Dear". Ob auf Thompsons Wunsch hin oder durch eine Meuterei der Besatzung: die Spanier haben ihre Wertstücke nie wieder bekommen. Unter den geraubten Stücken soll sich auch eine Madonna aus purem Gold befunden haben: lebensgroß, eine Tonne schwer und mit 1684 Edelsteinen verziert.

Viele Expeditionen haben seitdem auf der undurchdringlichen Insel nach Schätzen gesucht, bis auf ein paar Goldmünzen kamen sie allesamt mit leeren Händen zurück. Der berühmteste unter den Schatzsuchern war sicher US-Präsident Theodore Roosevelt, der tragischste der Deutsche August Dissler.

Dissler kam 1889 auf die Insel und blieb dann 19 lange Jahre. In seinem Gepäck hatte er zwei alte Schatzkarten, die nahezu die gleichen Positionen auf der Insel markierten. Positionen, auf denen er meterlange Tunnel in die Erde trieb, grub und suchte. Erfolglos. Mit ihm siedelte sich ein gutes Dutzend Familien an, die Tabak pflanzten und sich ansonsten von dem ernährten, was der Regenwald hergab. Die Regierung von Costa Rica ernannte Dissler 1897 sogar zum Gouverneur der Kokosinseln - es nutzte nichts. Erst verließen nach und nach die Siedler die Insel, 1908 ging auch Dissler. Gefunden hat er in all den Jahren lediglich sieben Goldmünzen; er verstarb 1935, völlig verarmt, in New York.

Abtauchen zum Berg der Haie

Für die Gäste der "SeaHunter" dagegen liegen die wahren Schätze der Isla del Coco unter der Wasseroberfläche. Neben den Galapagos-Inseln gibt es weltweit kaum ein Ziel, das mit der Anzahl an Großfischen vor der Isla del Coco konkurrieren kann. Ritter, Maschweit und Probst zwängen sich in ihre Tauchanzüge, checken ihre Ausrüstung und sind bereit für den "Berg der Haie".

Es ist ein rund 200 Meter langes Plateau, welches sich in Tiefen zwischen 28 und 38 Meter vor ihnen erstreckt. Steil fallen die Seitenwände ins Bodenlose ab, Korallen gibt es kaum. Die Strömung droht, die Taucher mit sich zu reißen, die sich mit Riffhaken an den unbewachsenen Felsen festhalten. "Alcyone" heißt dieser Spot, für die Taucher ist es nur der "Berg der Haie". Um sie herum ziehen riesige Fischschwärme aus Stachelmakrelen und Barrakudas, dazwischen ein paar Seiden- und Silberspitzenhaie. Doch deshalb sind sie nicht hier - wer nur vereinzelt Haie sehen will, kann dies einfacher haben und muss dafür nicht zuerst anderthalb Tage lang über den Ostpazifik schippern.

Ein einzelner Hammerhai ist schon ein Erlebnis, mehrere eine Schau, doch was hier aus dem Blau kommt, das ist spektakulär. Sind es hundert Tiere, zweihundert, dreihundert? Wie überdimensionale Kaulquappen ziehen sie vorbei, Seite an Seite, die mächtigen Köpfe hin und her schwenkend. Sie schwimmen dicht an dicht, vielleicht 15, 20 Stück nebeneinander, in einer endlos erscheinenden Schlange aus sich biegenden Leibern.

Schatz des Meeres ist bedroht

Norbert Probst schießt Foto um Foto, während Maschweit und Ritter darauf achten müssen, vor Staunen nicht das Atmen zu vergessen. Bis heute ist dies der einzige Schatz, der an der Isla del Coco entdeckt wurde: Naturschauspiele unter Wasser, wie es sie auf unserem Planeten sonst kaum noch gibt.

Doch auch diese Schätze sind bedroht. Piraten der Neuzeit sind hinter ihnen her, die nicht mehr mit Segelschiffen kommen, sondern in immer größer werdenden Langleinen-Fischerbooten auf Beute warten. Im Nationalpark rund um Cocos Island sind die Haie noch geschützt, hinter der Zwölf-Meilen-Zone aber beginnt das Abschlachten. Bis zu hundert Kilometer sind solche Langleinen lang, alle zehn Meter ein Fanghaken.

Wenn die Winde die Leine einholt, warten die Fischer an Bord mit Macheten auf die Tiere, um ihnen die Flossen abzuschneiden und ihre noch lebenden Körper wieder ins Wasser zu werfen. Das Töten würde zu lange dauern, hier, vor der Schatzinsel im östlichen Pazifik.



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Altesocke 09.03.2011
1. Bild 10
---Zitat--- Roter Dornenkronenseestern: Bei den vielen Großfisch finden die Taucher nur selten Zeit, um auch mal den kleinen Schönheiten einen Blick zu widmen. ---Zitatende--- Oha, seit wann wird eine durchaus huebsche Dornenkrone nicht als Riffaufesser verteufelt?
zombi69 15.03.2011
2. Touristenpreise
Die Preise die heute auf Costa Rica von Touristen verlangt werden in allen Bereichen im Gegensatz zum Einkommen eines normalen Angestellten sind derart überrissen dass nur von mieser Abzocke gesprochen werden kann.
Aktivling 06.04.2011
3. Erst denken, dann schreiben
Zitat von zombi69Die Preise die heute auf Costa Rica von Touristen verlangt werden in allen Bereichen im Gegensatz zum Einkommen eines normalen Angestellten sind derart überrissen dass nur von mieser Abzocke gesprochen werden kann.
Tut mir leid, aber dieser Kommentar ist einfach nur falsch. Erstens ist Costa Rica keine Insel und so heisst es nicht "auf" Costa Rica und des weiteren ist dieses Land, preisleich gesehen, für einen deutschen Mittelständler ein Witz. Lediglich die Tour zur "Isla de Coco" ist ziemlich teuer, da ein Großteil der Einkünfte genutzt wird um diese wunderschöne Insel zu schützen und zu erhalten.
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